Zusammen leben wollen

«Interkulturalität des Alters» meint als Erstes das Zusammenwirken der Kultur(en) der Alten und der Kultur(en) der Jungen.

Interkulturalität im Allgemeinen ist das Miteinander verschiedenster Volkskulturen. Doch grundsätzlich gehören noch weitere Kulturen dazu, so die Kultur der Gesunden oder jene der Behinderten, die Kultur der Schönen und jene der Hässlichen, die Kultur der Reichen und der Armen, die Kultur der Gebildeten und jene der Ungebildeten, die Kultur der Erfolgreichen und jene der Verlierer usw. Doch im Grunde hat jeder Mensch seine eigene Kultur und es gilt, diese verschiedenen Kulturen miteinander in Beziehung, in Verbindung zu bringen. – Das machen zwei Filme auf beeindruckende Weise.

«Schriftsteller – allgemeiner: Künstler (HS) – können etwas gegen die Klischees von Getrennt- und Verschieden-Sein tun; denn Schriftsteller sind nicht nur Mythenvermittler, sondern auch Mythenbildner. Die Literatur – auch die Filmkunst (HS) – bietet nicht nur Mythen, sondern auch Gegenmythen, so wie das Leben Gegenerfahrungen bietet, Erfahrung, die uns in dem, was wir zu glauben, zu fühlen, zu denken meinen, stören», schrieb die kürzlich verstorbene amerikanische Essayistin Susan Sontag.

«Accordion Tribe» – Musiker begegnen sich

Im Film «Accordion Tribe» begleitet Stefan Schwietert fünf Musiker bei sich zu Hause, in Wien und Slowenien, Finnland, Schweden und New York, und auf einer gemeinsamen Tournee. Er folgt deren trancehaften Klanglandschaften und den charismatischen Künstlerpersönlichkeiten: ihrer Verschiedenartigkeit, ihrer Andersartigkeit. «Wenn Mick Jagger, Cecilia Bartoli, Norah Jones, Tom Waits und Tina Turner sich zu einem Quintett zusammenschlössen, ergäbe sich eine ähnlich explosive Mischung wie in der Handorgelformation «Accordion Tribe»», meinte ein Kritiker.

Unbeschreiblich schön ist es, wie die Musiker aufeinander eingehen, sich über ein Solo eines anderen freuen, ihm musikalisch antworteten, miteinander kommunizieren, sich als Künstler und Mensch begegnen. Für mich ist «Accordion Tribe» ein faszinierende Musikerlebnisse und zeigt einige der schönsten Begegnungen, die ich im Film je erlebt habe. Der Filmemacher hat diesen Akzent bewusst herausgearbeitet: «Der Film über das Akkordeon sollte für mich von Anfang an ein Film werden über die Menschen, die es spielen.» Er vermittelt Sinnbilder über das, was zwischen Menschen im Idealfall geschehen, was Zuhören bedeuten, wie man miteinander sprechen, wie man gemeinsam lernen kann, bis aus der Vielfalt eine Einheit wird.

Wie man sich mit Musik näher kommen, wie man sich in der Kommunikation begegnen und finden kann, das erleben wir in diesem Film. Was die Musiker miteinander und übereinander reden, wie sie miteinander und über ihre Musik sprechen, übersteigt an Informationsgehalt und Erfahrungswert das meiste, das uns die Wissenschaften zum Thema Kommunikation bieten.

«Whisky» – Alltagsmenschen begegnen sich

Der 60-jährige Jacobo, Inhaber einer Sockenfabrik in Montevideo, lebt seit dem Tod seiner Mutter alleine. Sein einziger Besitz ist die heruntergekommene Fabrik. Marta bedeutet ihm mehr als nur eine qualifizierte Angestellte, sie ist seine rechte Hand. Als sich sein Bruder Herman meldet, er werde zur Grabsteinsetzung für die Mutter aus Brasilien anreisen, gibt Jacobo Marta als eine Ehefrau aus. Herman ist erfolgreich, ebenfalls Fabrikbesitzer und hat Frau und Kinder. Er, der wegen Jacobos jahrelanger Pflege der kranken Mutter seinem Bruder gegenüber ein schlechtes Gewissen hat, lädt ihn und Marta zu einem Ausflug ein. Dabei verändern sich die Beziehungen zwischen den dreien wie das Farben- und Formenspiel eines Kaleidoskops. Ihr innerer Reichtum offenbart sich.

Ich kennen keinen Film, in dem äusserlich so wenig und innerlich so viel geschieht wie in diesem. Über die drei Menschen wird in Bildern und Tönen, Gestik, Mimik, Bildausschnitt und Montage erzählt, «was geschieht, wenn nichts geschieht». Das Wesentliches setzt sich zusammen aus unscheinbaren Nebensächlichem, aus kleinsten Handlungen. Da die beiden Regisseure aus Uruguay, Juan Pablo Rebella und Pablo Stoll, ihre Figuren von Grund auf lieben, vibriert der Film vor innerem Leben, das aus dem Miteinander der drei Menschen entsteht.

Hier geht es um Leerräume, wie sie zwischen den Planeten und den Atomen existieren, um die Leerräume zwischen den Menschen, die voll sind von wirklichem Leben. Was aussen geschieht, ist unwesentlich. «Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar», meinte schon der «kleine Prinz» von Saint Exupéry.

Zurück in unser Leben

Was uns oft von echter Interkulturalität abhält, ist oft «Harmoniesüchtigkeit», wie es Hans Magnus Enzensberger kürzlich am Fernsehen formulierte. «Uns mit den Tatsachen konfrontieren» sollen wir, meint er dagegen. Auch der Philosoph Hans Saner warnt vor einem «zu leichtfertigen Verstehen und Akzeptieren, vor zu schneller Toleranz». Wir sollen uns, so postuliert er, auf «Differenzverträglichkeit» einlassen, als erstes die vorhandenen Unterschiede sehen, sie bezeichnen, und dann danach handeln. Was wir dazu brauchen, sei der Wille, zusammen leben zu wollen, heisst «Konvivialität».

Um solches zu lernen, eignet sich die Auseinandersetzung mit Kunst, auch mit Filmen. «Literatur – oder der Film (HS) – kann uns sagen, wie die Welt beschaffen ist. Literatur kann uns Massstäbe geben, kann uns ein tiefes Wissen vermitteln, das in der Sprache und im Erzählen Gestalt annimmt. Literatur kann unsere Fähigkeit stärken, um Menschen zu weinen, die nicht wir selbst sind und die nicht zu uns gehören», schrieb Susan Sontag. Dann wird aus Interkulturalität Begegnung.