Zwei Filme zum Thema Menschenwürde

Was Menschenwürde ist, erkennt man oft erst, wenn sie missachtet, verletzt wird.

Zwei Schweizer Filme zeigen das auf erschütternde Weise. Stephan Haupt mit dem Dokumentarfilm «Ein Lied für Argyris», in dem er mit einem Zeitzeugen zusammen dessen Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg wieder aufleben lässt. Andrea Staka mit ihrem Spielfilm, in dem sie exemplarisch die Situation von drei Frauen aus Ex-Jugoslawien schildert, die heute in der Schweiz leben.

«Ein Lied für Argyris»

Vor zehn Jahren ist der Schweizer Dokumentar- und Spielfilmregisseur Stephan Haupt dem Griechen Argyris Sfountouris erstmals begegnet und war beeindruckt von dessen wachem Geist, Sensibilität und Universalität. Zeit seines Lebens hat dieser sich mit der im Kriege erlebten Unmenschlichkeit beschäftigt. Was er da vernahm, muss ein Film werden, dachte sich Haupt, liess das Vorhaben aber liegen, bis er 2003 auf einer Ferienreise in Griechenland mit seiner Familie nur knapp dem Tod entronnen war. Danach rief er Argyris an: Jetzt muss ich den Film machen!

Lebensgeschichte wird Weltgeschichte

Am 10. Juni 1944, in Distomo, einem kleinen Bauerndorf zwischen Athen und Delphi, überlebte der noch nicht vierjährige Argyris ein brutales Massaker der deutschen Besatzungsmacht: In weniger als zwei Stunden wurden 218 Dorfbewohner umgebracht, er selbst verlor seine Eltern und dreissig weitere Familienangehörige. Die Grausamkeiten, die dort geschehen sind und im Film erzählt werden, sind kaum auszuhalten. Doch «der Film ist eine Verneigung vor den Menschen, die solche Erlebnisse in frühester Kindheit gemacht haben, und dennoch überleben, dennoch leben wollen, und sich nicht abschotten und zurückziehen. Diese Suche, diese Sehnsucht liegt dem Film zu Grunde», schreibt der Autor.

Trauern und einen neuen Sinn finden

Die Geschichte erschüttert und fasziniert zugleich. Es lohnt sich, sie exemplarisch zu verstehen: als eine Episoden der Weltgeschichte, die voll solcher Unmenschlichkeiten ist. Der Film bieten nicht bloss geschichtliche Fakten. Stephan Haupt – und Argyris Sfountouris – beziehen Stellung, denken nach, setzten sich intellektuelle und emotional damit auseinander und stossen dabei zu den Sinnfragen des Menschsseins vor. Warum konnte das geschehen? Wie kann man danach weiter leben? Wie können wir künftig solches verhindern oder zumindest etwas dagegen unternehmen? So und ähnlich fragt uns der Film, fragen wir uns. – Für mich ist «Ein Lied für Argyris» der wichtigste Schweizer Dokumentarfilm der letzten Jahre, weil er uns in Positiv- und Negativbildern zeigt, was Menschenwürde ist, was nicht.

«Durch Denken und Sich-Erinnern schlägt der Mensch Wurzeln, findet er seinen Platz in der Welt, in die wir alle als Fremde kommen», sagte Hannah Arendt, selbst ein Flüchtling. Das gilt für diesen und auch den nächsten Film.

«Das Fräulein»

In einer Kantine in Zürich treffen sich drei Frauen. Ruza (das «Fräulein», 50) führt das Lokal, sie kam vor einem Vierteljahrhundert voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft in die Schweiz, doch heute hat sie nur noch eine Passion: ein Leben in geordneten Bahnen und ihre täglichen Einnahmen. Mila (60), ihre langjährige Angestellte, die mit ihrer Familie seit Jahrzehnten in der Schweiz lebt und hart arbeitet, träumt hingegen immer noch für die Jahre nach der Pensionierung vom eigenen Haus in Kroatien. Doch das ruhige und geregelte Leben der beiden und der Betrieb in der Kantine gerät aus den Fugen, als die junge Ana (22) ins Lokal und in ihr Leben tritt, schön, rastlos, eigenwillig und lebenshungrig, obwohl vom Krieg geprägt und an einer Krankheit leidend.

Intim persönlich und allgemein verbindlich

Mit ihrem ersten Langspielfilm legt Andrea Staka ein persönliches Werk vor, das aus Erfahrungen schöpft, welche die Autorin, die in der Schweiz aufgewachsen ist und deren Familien aus Bosnien und Kroatien stammen, selbst gemacht hat. Er gibt intime Einblicke in das Leben von drei Frauen, die aufeinander treffen, für eine kurze Zeit Nähe erleben und sich wieder trennen. «Dabei werden ihre Verletzungen und Abgründe, aber auch Wünsche und Sehnsüchte sichtbar», schreibt die Autorin.

Hier gilt, was Paul Valéry wohl meinte, als er schrieb, dass Aussagen eines Kunstwerkes umso objektiver seien, je subjektiver sie mitgeteilt werden. Je intimer und persönlicher, umso allgemein verbindlicher und allgemein menschlicher kann ein Werk sein. Subjektiv und objektiv werden deckungsgleich. Im Einzelnen spiegelt sich das Ganze. In einem Finger sei die ganze Welt, meinte Albert Einstein.

Heimatlos in der Heimat

Wie der Regisseurin im privaten Leben so geht es den Protagonistinnen im Film um Heimat suchen und finden, Heimat verlieren und vermissen. Das trifft uns, betrifft uns. Denn: Ist das nicht eine Kernfrage unserer Zeit, einer Epoche der weltumspannenden Völkerwanderungen? Der Film stellt einen gültigen künstlerischen Diskurs über dieses gesellschaftliche Phänomen dar. Und gleichzeitig stellt er die Frage so generell und radikal, dass sie, angesichts einer Welt der sich wandelnden Werte, die ebenfalls Heimat geben oder nehmen können, schliesslich zur Frage der «religio», einer höheren Bindung führen kann.