Barbara Buser - Pionierin der Nachhaltigkeit
Fähr-Frau auf dem Rhein und beim Bauen
Babara Buser blickt in diesem unterhaltsamen und spannenden Dokumentarfilm zurück auf ihre Jugend und erzählt aus einer Familiengeschichte, die von intellektuellen Frauen geprägt ist. Nach dem Studium arbeitet sie im Sudan, danach in Tansania, wo sie lernt, mit wiederverwendetem Material zu bauen. «In Tansania habe ich begriffen, dass es keinen Abfall gibt. Das, was der eine wegschmeisst, ist ein Rohstoff für den anderen.» Zurück in Basel, wo ihr Elternhaus das erste Haus ist, das sie vor dem Abriss rettet, wird sie die erste Fähr-Frau auf dem Rhein.

Barbara Buser und Eric Honegger
Zusammen mit Eric Honegger gründet sie kurz vor der Jahrtausendwende das «baubüro in situ» und weitere Firmen, die alle nach einem Prinzip arbeiten: Kreislaufwirtschaft statt Verschwendung, Caring Economy statt Profitorientierung. Ihre Haltung trifft den Nerv einer Zeit, in der Klimawandel, Rohstoffknappheit und soziale Spannungen immer deutlicher werden. Bedeutende Auszeichnungen, wie der Prix Meret Oppenheim und mehrere Preise für das visionäre Gebäude K118 auf dem Lagerplatz in Winterthur bestätigen ihren Erfolg und die Leistung ihrer Mitstreiter:innen. «Wir geben den Sachen nicht genug Wert», meint die junge Architektin und Bauteiljägerin Laia Meier. Zusammen mit anderen Kolleg:innen gibt Barbara Einblick in eine Arbeitsweise, die Wiederverwendung in den Mittelpunkt stellt. Daraus resultierend offene Ästhetik, die zum Mitdenken einlädt und Verbundenheit fördert. Die Architektin Valérie Waibel auf dem Lagerplatz in Winterthur: «Wenn ich hier herumlaufe, treffe ich immer jemanden, und es ergibt sich ein kurzes Gespräch. Ich mag diese Nähe.»
Heute geht es für die 70-jährige Barbara Buser darum, die eigene Geschichte und ihr Werk zu sichern. Bisher waren sie und Eric Honegger für die Ausrichtung und die Werte ihrer Betriebe verantwortlich. Wie gelingt es, die vier Firmen zusammenzuhalten und deren Ausrichtung als geistiges Erbe zu sichern?

Barbara mit Valérie Waibel
Aus «Eine zärtliche Architektur, die von heute und gestern erzählt», von der Filmemacherin Gabriele Schärer
Integral im Anhang
Die Filmemacherin Gabriele Schärer hat Barbara Buser beim Drehen erlebt, kannte sie jedoch schon viel früher. Grund genug, dass ich Aussagen von ihr, nachfolgend ausschnittweise, im Anhang integral wiedergebe. Sie überzeugen mich in ihrer Klarheit, Radikalität und Tiefe: Seit fast vierzig Jahren mache ich Filme aus einer feministischen Perspektive. Natürlich will ich die Möglichkeiten des Erzählerischen jenseits des Patriarchats entdecken; meine Filme sollen Teil einer neuen symbolischen Ordnung sein – die es zu entdecken und zu kreieren gilt. Eine Herausforderung war die filmische Darstellung des Werks der Architektin. Wir haben die umgenutzten Industrieareale in den frühen Morgen- oder späten Abendstunden gedreht. In den Spaziergängen, auch mal bei völliger Ruhe, zeigt sich das Offene, Komplexe und Fragile am schönsten.

Ich entdeckte die Architektin Barbara Buser während meiner Recherchen rund um eine «Caring Economy». Eine Wirtschaft, die die Fürsorge in den Vordergrund stellt, die das Wohlergehens von Individuen, Gemeinschaften und der Umwelt als oberstes Gut betrachtet und sich auf den Aufbau einer nachhaltigen Fürsorgewirtschaft konzentriert. Diese Art des Wirtschaftens wird die sozialen Verbindungen und Möglichkeiten radikal verändern. Das hört sich utopisch an, und ja, ich denke, Utopien sind wichtig, weil sie uns vor konkrete Fragen stellen und uns Möglichkeiten eröffnen, die wir diskutieren und weiterentwickeln können. Um das Thema ökologisches Bauen mit Wiederverwendung voranzutreiben, gründeten Barbara Buser und Eric Honegger drei operative Firmen. Zusammen mit dem baubüro insitu beschäftigen diese gut 100 Mitarbeitende.
Damit die Pilotprojekte von heute der Standard von morgen sind
Gut die Hälfte der gesamten Emissionen, die ein Gebäude über seinen Lebenszyklus verursacht, geht auf das Konto der Erstellung, des Unterhalts und des Rückbaus. Die Gemeinschaft Bauschaffender Countdown 2030 schreibt, dass das heutige Bauen schweizweit für etwa 30 % der CO2-Emissionen verantwortlich ist, zudem für 50 % des Ressourcenverbrauchs und 80 % des Abfalls. Barbara dazu: «Als Bauschaffende stehen wir deshalb in der Pflicht, unsere Disziplin zu verändern. Die Frage ist, wie können wir erreichen, dass weniger abgerissen wird, in dieser Stadt, überhaupt in der westlichen Welt. Ich glaube, es geht nur mit Gesetzen.»
Der Architektin ist es wichtig, dass es in einem Areal auch Raum für Experimente gibt, Flächen oder Ecken, die nicht rentieren müssen. Sie macht sich Gedanken zu solchen Zwischenräumen, öffentlichen und offenen Räumen. In der Basler Markthalle treffe ich auf Leute, die vielleicht wegen der Wärme und der Toiletten dort sind. Auch auf dem Lagerplatz in Winterthur oder im Gundeldinger Feld in Basel kann ich mich auf eine der zahlreichen Bänke setzen.
Filmgeschichtlich sind wir geprägt von Porträts tragischer Frauenfiguren. Dem setze ich mit dem Porträt von Barbara Buser, einer Frau, die sich ihren Raum nimmt, etwas entgegen. Sie ist auch deshalb ein tolles Vorbild, weil sie gleichzeitig sehr nahbar ist. Barbara und ich sind ungefähr gleich alt, wir wurden beide in der gleichen Zeit geprägt. Bereits als Schülerinnen nahmen wir teil an gesellschaftskritischen Diskussionen. Der Bezug zur Welt von Buser und Honegger ist beeinflusst von den politischen Bewegungen der 70er- und 80er-Jahre und von Barbaras Arbeit in der Entwicklungszusammenarbeit. Beide sind selbstbewusst und mutig und haben auch Freude am Experiment. Sie stehen beispielhaft für eine Generation, die diese Freiheit hatte.

Wohnen heisst Leben
Beziehungen spielen in der Architektur des baubüro in situ eine wichtige Rolle. Es geht um Verbundenheit statt Einzigartigkeit. Partizipation spielt bereits bei der Entwicklung einer Umnutzung eine wichtige Rolle. Die Mieter:innen werden in grossen Projekten gezielt gesucht, damit eine lebendige Mischung entsteht. Sie werden vor dem Umbau in die Gestaltung ihrer Räume und damit das ganze Projekt einbezogen. Umnutzung und Reaktivierung des Obsoleten ist also ein Ausdruck von Zärtlichkeit.
Eine zärtliche Architektur, die von heute und gestern erzählt. Text von Gabriele Schärer PDF
Ein Lese-Tipp: Das MAGAZIN No 14-2026: Barbara Ackermann, Wir dürfen kein einziges Gebäude mehr abreissen.
Regie: Gabriele Schärer, Produktion: 2026, Länge: WWW, Verleih: First Hand Films