Becaària

In einem Tessiner Dorf: Der 16-jährige Mario steht irgendwo zwischen Jugend und Erwachsen. In der Schule, im Leben und mit dem Vater ist vieles im Wanken. Für den Sommer wird er deshalb in die Berge geschickt, um in der Landwirtschaft zu arbeiten. Dort begegnet er einer Welt, in der die Natur den Rhythmus vorgibt, entdeckt Verantwortung, neuen Lebenssinn und trifft Prisca, seine erste Liebe – Erfahrungen, die seine Sicht und Zukunft nachhaltig verändern. Das alles und mehr erzählt Erik Bernasconis Film «Becaària» (Faulpelz) unterhaltsam und einfühlsam. Ab 20. August im Kino
Becaària

 

Mario (Francesco Tozzi)

 

Der Tessiner Filmemacher hat den gleichnamigen Roman von Giorgio Genetelli als lebendiges Porträt der 1970er-Jahre auf dem Land inszeniert, nachdem er sich lange Jahre mit dem Projekt beschäftigt hatte. «Becaària» spielt in einer Zeit des Wandels und besticht durch eine nostalgische Ästhetik, eindrückliche Naturbilder und passenden Sound, getragen von einem herausragenden Ensemble, wofür der Film den Solothurner Publikumspreis und den Internationalen Filmkritikerpreis bekommen hat. In der Branche wird eine Geschichte wie diese als «Coming of Age» bezeichnet, als Erwachsenwerden und Suchen nach der eigenen Identität. «Becaària» wird im Film als «ein Faulpelz, der aus der Stadt in die Berge kommt, um frische Luft zu schnappen» bezeichnet.

 

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Prisca (Sinéad Thornhill)

 

Wenn das Heute das Damals grüsst

 

Mit seinem dritten Spielfilm schuf der 1973 in Locarno geborene Filmemacher eine sympathische, feinsinnige und menschenfreundliche Geschichte mit Zwischen- und Obertönen, die immer etwas mehr bedeuten als die vordergründige Story. Immer wieder wird der Film zu einem bereichernden Erlebnis für das Publikum. Abwechslungsreich, unterhaltend und witzig erlebt es die Entwicklung eines Jugendlichen mit seinen Aufs und Abs und melden sich kontrapunktisch die Erlebnisse der eigenen Sturm- und Drang-Zeit und werden mit Sehnsucht und Trauer begrüsst: Mein Ich von heute erinnert sich an mein Ich von damals!

 

Das funktioniert ausgezeichnet, weil «Becaària»nicht nur von Mario, sondern auch von weiteren jungen und älteren Menschen aus den 70er-Jahren in dem kleinen Tessiner Dorf handelt, unterschwellig in den Bildern, offensichtlich in den Gesprächen mit Prisca, einer Figur, die der Filmemacher in die Geschichte eingebaut hat.

 

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Gemeinsame Bergwanderung

 

Anmerkungen des Regisseurs

 

«Ich habe das Buch kurz nach seiner Veröffentlichung gelesen und war tief beeindruckt. Ich spürte, dass mich diese Geschichte persönlich betraf und dass ich mich stark mit den Erfahrungen der Hauptfigur identifizieren konnte, trotz der halben Generation, die mich vom Protagonisten trennt. Mario Zanetti gleicht dem Jugendlichen, der ich einst war. Was uns verbindet, sind jene Erfahrungen, die viele Jugendjahre prägen: die Suche nach der eigenen Identität, häufig im Spannungsfeld zu einer Welt, die von vorherigen Generationen vorgezeichnet und für uns hinterlassen wurde. Jeder Mensch wächst zu jeder Zeit und jedem Ort mit dem Versuch auf, zu verstehen, wer er oder sie ist, wer er oder sie werden möchte, was er oder sie tun will. Oft geschieht dieser Prozess jedoch unter dem Druck einer Gesellschaft, die einem nicht die nötige Zeit für dieses Bewusstwerden lässt.

 

Der Roman verortet diese Suche in die 70er-Jahre und die italienischsprachige Schweiz. Das Tessin ist nicht der einzige Ort, an dem diese Geschichte spielen könnte, und auch diese Epoche nicht die einzige, in der dieser Weg Sinn ergeben würde. Doch diese Jahre haben eine symbolische Bedeutung, da sie eine Zeit des Wandels waren: eine Epoche nach der grossen Revolution von 1968, geprägt von Protest, Aufbruch und dem Bruch mit der Vergangenheit, Ausdruck einer kollektiven Identität im Wandel. Zudem befinden wir uns in kleinen Dörfern, und wie man weiss, erreicht die Revolution die Peripherie nur in Bruchstücken und stets mit Verspätung.»

 

BEC.4

Mittagessen im Maggiatal mit Elda (Angelica Leo) und Rinaldo (Pierluigi Pasino)

 

Echte Beziehungen

 

Wenn ein Regisseur, wie hier Erik Bernasconi, sein eigenes Leben im Film nochmals, und jetzt durch das Objektiv der Kamera von Pietro Zuercher, die Montage von Claudio Cea und die Musik von Zeno Gabaglio, erlebt, erhält der Film neben der individuellen auch eine gesellschaftliche Dimension. Das dürfte auch beim Publikum funktionieren, weil die fremde Geschichte sich mit der eigenen, die aktuelle mit der früheren verlinkt.

 

Wer bei den ersten Einstellungen sich an das übliche Coming of Age eines jungen Menschen erinnert, wird von Sequenz zu Sequenz eines Besseren belehrt. «Becaària» handelt von der ganzen Bevölkerung der Gemeinde, vom Wachsen und Reifen jedes Menschen. Wertvoll und aufklärerisch werden die zwischenmenschlichen Beziehungen, die hier von Szene zu Szene offensichtlich herrschen, genau beobachtend und anteilnehmend beschrieben. Was hier abläuft, ist anders als das, was der Mainstream des Hollywoodkinos zeigt. Unerwartet und sich langsam entwickelnd die tragische Geschichte von Dr. Faustini (Alessio Boni), dem Arzt des Dorfes, und ebenso die mit einem Augenzwinkern servierte Liebesgeschichten der Serviertochter Luigina, die das Dorf durcheinanderbringt.

 

Was Bernasconi auszeichnet, ist seine Fähigkeit, leichte und unterhaltsame Filme zu schaffen und dabei tiefergehende Themen zu behandeln. Mit einer feinen, intelligenten und sensiblen Ironie gelingt es ihm, das Publikum in seine Welt mitzunehmen, zu berühren und zum Lachen zu bringen. In seinen Werken bringt er das auf die Leinwand, was er aus eigener Erfahrung kennt. Genau diese Authentizität ermöglicht es ihm, das Publikum zu fesseln und ernsthafte Themen mit einem offenen, lebensbejahenden Blick zu erzählen.

 

BEC.1

Nach der Nacht in der Berghütte

 

Anmerkungen der Produktion

 

«Der Film erzählt eine kleine Geschichte von universeller Bedeutung. Die Schweizer Bergwelt und das atmosphärische Setting jener Zeit verleihen der Geschichte eines heranwachsenden Jugendlichen, der in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen aufwächst, eine besondere Einzigartigkeit. Mario muss sich von seinem Vater und von der gesamten Erwachsenenwelt emanzipieren, die ihn nicht zu verstehen scheint. Doch im Innersten versteht er auch sich selbst noch nicht. Auf dieser Reise, die sich über einen Sommer erstreckt, entdeckt er die Liebe, die Sexualität und den Weg, den er für seine Zukunft einschlagen will. Von der Suche nach der eigenen Identität und der Definition der eigenen Zukunft über das Erkunden erster Liebesbeziehungen bis hin zum Konflikt mit den Eltern und zwischen den Generationen – die Themen des Films sind spezifisch, spiegeln jedoch zugleich die Erfahrungen aller wider, die einmal Jugendliche waren.»

 

BEC.5

Am Set im Maggiatal

 

Die Dreharbeiten fanden im Vallemaggia statt, einem für die Identität des Films zentralen Gebiet. Sie erfolgten nach der schweren Überschwemmung im Sommer 2024, die das Tal stark getroffen hatte. Das Drehen unter diesen Bedingungen erforderte erhebliche Anpassungen, stärkte zugleich die Verbindung zwischen dem Film und der Region. Die Arbeit vor Ort erfolgte in enger Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung und den regionalen Fachkräften, denen der Regisseur den Film widmet, in einem Klima grosser Solidarität. ‒

 

Regie: Erik Bernasconi, Produktion: 2026, Länge: 108 min, Verleih: Cineworx