Des preuves d'amour

Eine neue Mutterschaft: Céline erwartet die Ankunft ihres ersten Kindes, ist aber nicht selbst schwanger. In drei Monaten wird ihre Frau Nadia ihre Tochter zur Welt bringen. Wir schreiben das Jahr 2014, und Frankreich hat gerade ein Gesetz verabschiedet, das gleichgeschlechtlichen Paaren die Eheschliessung ermöglicht. Céline bereitet sich darauf vor, nicht-biologische Mutter zu werden, eine Rolle, die ihr noch nicht anerkannt wird, während sie gleichzeitig durch die Herausforderungen der Schwangerschaftsbegleitung und den administrativen Wahnsinn navigiert. Der Spielfilm von Alice Douard schafft ein Bild von Mutterschaft, das fehlte: herausfordernd und wichtig.
Des preuves d'amour

Nadia (Monia Chokri), Céline (Ella Rumpf), v. l.

 

«Des preuves d’amour», der erste Spielfilm von Alice Douard, wurde bei den letzten Filmfestspielen in Cannes in der Semaine de la Critique präsentiert. Die engagierte romantische Komödie skizziert mit Leichtigkeit und Zärtlichkeit die Hindernisse eines zusammengeschweissten Paares angesichts der Starrheit des Standesamtes und gesellschaftlicher Konventionen. Die Chemie zwischen Ella Rumpf und Monia Chokri, unterstützt durch die nuancierte Präsenz von Noémie Lvovsky in der Rolle einer renommierten Pianistin, verleiht der Erzählung eine seltene Aufrichtigkeit und einen entwaffnenden Charme.

 

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Céline: Aus ihrer Perspektive spielt der Film

 

Aus der Biofilmografie von Alice Douard

 

Geboren 1985 in Bordeaux, wuchs Alice Douard in einem kulturell geprägten Umfeld auf, das von persönlicher Erzähltradition bestimmt war. Nach dem Studium der Kunstgeschichte wurde sie im Fach Regie an der La Fémis in Paris aufgenommen. Ihr Abschlussfilm «Extrasystole» offenbart ein ebenso zurückhaltendes wie sinnliches Kino, das sich auf die Verletzlichkeit des Körpers und die Komplexität der Begierden konzentriert. Mit den Kurzfilmen «Les Filles» und «Plein Ouest» setzt sie ihre Auseinandersetzung mit dem Thema Weiblichkeit fort, wobei sie Freundschaftsbeziehungen und sich wandelnde Identitäten untersucht. Für Arte schuf sie den Fernsehfilm «Robin», der einfühlsam die psychische Stabilisierung eines Jugendlichen thematisiert. 2022 drehte sie «L’Attente» über queere Elternschaft, in dem eine Frau Mutter wird, ohne das Kind selbst auszutragen. Dieser ebenso intime wie politische Film wurde 2024 mit dem César für den besten Kurzspielfilm ausgezeichnet. 2025 drehte sie ihren ersten Langfilm, «Des preuves d’amour»; inspiriert von «L’Attente«, erforscht er die Komplexität von Liebesbeziehungen, normüberschreitenden Formen von Elternschaft und den Kampf um gesellschaftliche Anerkennung. Der Film erhält begeisterte Kritiken für seinen sanften, klugen und zutiefst menschlichen Blick auf geteilte Mutterschaft.

 

Alice Douard, beeinflusst sowohl vom sozialen Kino als auch von sinnlichen und feinfühligen Erzählformen, etabliert sie sich als eine der sensibelsten Stimmen des jungen französischen Kinos. Als Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin steht sie für ein engagiertes, feministisches Kino, das fest in der Gegenwart verankert ist und aufmerksam auf das blickt, was sich in den Zwischenräumen des Alltags abspielt.

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Nadia, die leibliche Mutter

 

Anmerkungen der Regisseurin

 

Im Zentrum Ihrer Geschichte steht ein Frauenpaar, das ein Kind erwartet – inspiriert von Ihrer eigenen Erfahrung. Warum haben Sie daraus das Thema Ihres ersten Langfilms gemacht? Um ein Bild zu schaffen, das fehlte. Wie Céline, meine Protagonistin, erwartete ich mein erstes Kind, ohne es selbst auszutragen. Und ich musste es adoptieren. Diese Situation hat viele Fragen aufgeworfen – meine eigenen, aber auch die der anderen. Es gab keine Bilder, keine Vorbilder. Ich wollte sie schaffen und auf intime Weise erzählen, was unsere Form von Familie infrage stellt. Das Einzigartige und das Alltägliche erforschen. Eine Darstellung bieten, die fernab gängiger Fantasien liegt.

 

Haben Sie eine dokumentarische Form in Erwägung gezogen? Nein, das ist nicht mein Hintergrund. Ich habe Regie an der Fémis studiert, meine Kurzfilme waren bereits Fiktion. Dennoch habe ich vor dem Schreiben viel recherchiert. Ich habe viele Frauenpaare getroffen, die Ähnliches erlebt haben – manche vor dem Taubira-Gesetz (Anhang), andere danach. Für alle war die rechtliche Anerkennung in Kombination mit der Mutterschaft eine grosse Herausforderung. Seit 2021 hat sich das Gesetz geändert: Heute kann eine Frau das Kind bereits vor der Geburt anerkennen – zu meiner Zeit war eine Adoption notwendig. Das war mühsam, aber auch prägend. Ich habe den Film in dieser Zeit angesiedelt und meine Figuren zu Pionierinnen gemacht. In gewisser Weise ist es ein historischer Film.

 

Jede Figur um Céline herum äussert sich letztlich zur Frage der «guten Mutter». Mutterschaft ist ein Thema. Alle haben eine Meinung zur Mutterschaft. Über Célines und Nadias Situation hinaus gibt es einen sozialen Druck, ab dem Moment, wo man sich entscheidet, ein Kind zu bekommen, eine «gute Mutter» zu sein. Das betrifft alle Frauen. Auch darin liegt die Universalität des Films – in dieser ständigen Beobachtung, sobald man Eltern wird.

 

Marguerite, Célines Mutter, ist eine gefeierte Pianistin, die ihre Karriere über die Mutterschaft gestellt hat. Was wollten Sie mit dieser Figur zeigen? Wenn man selbst Eltern wird, justiert man die Beziehung zu den eigenen Eltern neu. Es entsteht eine Beziehung auf Augenhöhe. Marguerite fragt: Welche Art von Mutterschaft wählt man? Welche Opfer bringt man? Und was, wenn man keine bringt? Die Beziehung zwischen Céline und ihr ist komplex, geprägt von Abwesenheit, aber auch von Bewunderung und Weitergabe der Musik. Céline ist DJ, sie performt wie ihre Mutter. Sie ähneln sich, ohne es sich einzugestehen. Ich glaube, dass Marguerite ihr auch eine Form von Freiheit vermittelt hat.

 

Trotz seiner Spannungen bleibt der Film zärtlich, oft auch humorvoll. Warum dieser Ton? Filme über Homosexualität sind oft dramatisch ‒ und das ist legitim. Doch fröhliche Bilder sind ebenfalls wichtig für die eigene Identitätsbildung. Sie haben mir in meiner Jugend gefehlt. Ich wollte ein Danach zeigen, ein Licht, eine Romanze, eine Freude.

 

Waren die sinnlichen Szenen zwischen Céline und Nadia für Sie essenziell? Ja, Sexualität gehört zu einem Paar. Aber sie muss richtig dargestellt werden: ohne übertriebene Scham, aber auch ohne Unbehagen. Was ich schön finde, ist das Wachsen des Verlangens. Die Intensität reicht – dann wird es dunkel.

 

Man sieht auch die Geburt von Nadia nicht. Der Film beginnt mit einem Tonarchiv. Ja, der Off-Screen ist ein zentrales Motiv. Wir sind von Bildern übersättigt. Ich wollte die Aufmerksamkeit anders lenken. Das Tonarchiv zu Beginn fängt die Abstimmung über das Gesetz zur Ehe für alle vom 23. April 2013 ein. Die Stimme von Claude Bartolone, damals Präsident der Nationalversammlung, ist voller Emotion. Das ist stark. Und was die Geburt betrifft: Ich wollte das Danach zeigen: die Fürsorge, die Begegnung. In diesem Moment sind sie zu dritt. Für immer, vielleicht.

 

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Noémie Lvovsky, die Mutter von Nadia

 

Geburt und Elternschaft als universelle Erfahrung

 

Viele von uns stammen aus dem letzten Jahrhundert, viele Regeln und Normen unserer Gesellschaften gehen auf weitere Jahrhunderte, wenn man das Judentum, Christentum und den Islam nimmt, auf Jahrtausende zurück. Und wenn heute einige feministische und queere Menschen neue Lebensformen ausprobieren, sollte, so meine ich, auch uns Alte das interessieren. Wenn solche Formen, solche Bilder, Abbilder, Vorbilder, Sinnbilder auf eine dermassen charmante und dennoch ernste Art vorgeführt werden, umso mehr. ‒ Ich kann nur von mir sagen: Mich hat der Film herausgefordert, bewegt, verunsichert und mit leiser Hoffnung verabschiedet.

Drei Texte zum Thema verheiratet Lesben und Kinder

Regie: Alice Douard, Produktion: 2025, Länge: Verleih: Cineworx