Frauen am Bauen
Abwechslungsreich pendelt der Film vom Sisters-helping-Sisters-Projekt «Chicago Women in Trades» hin und her zwischen Jamica, Linda, Pam, Lucinda, Misty, Danitra, Zahrah und zwei Schweizer Frauen, der Schreinerin Yumi und der Maurerin in Ausbildung Romana. Bei den Schweizerinnen, die bei ihrer Arbeit porträtiert werden, blendet der Film in deren Vergangenheit und beschreibt ihren Weg bis zum neuen Beruf. Bei den Frauen in Chicago wird vor allem gezeigt, was ein Förderprojekt beinhalten kann. Denn amerikanische Handwerkerinnen haben 1981 die gemeinnützige Organisation «Chicago Handwerkerinnen» (CWIT) gegründet, um den Marktwert von Frauen durch die Erhöhung ihres Anteils zu verbessern und gut bezahlte Jobs im Baugewerbe zu fördern. «Chicago Women in Trades» hat bisher über 1000 Frauen unterstützt, einen Handwerksberuf zu erlernen, mit dem sie ein ökonomisch gesichertes Leben führen und ihre Familien ernähren können.

Warum wählen Frauen das Bauen?
Neben der Notwenigkeit, genug Geld zu verdienen, zum Beispiel als alleinerziehende Mutter oder nach einer Scheidung, kann die Non-for-Profit-Organisation Frauen bewegen, eine Arbeit auf dem Bau zu wählen. Es gibt weitere Gründe: die Unzufriedenheit im Job, das schlechte Klima am Arbeitsplatz, die Stupidität gewisser Bürojobs. Es kann aber auch die immer gleiche stereotyp ablaufende Routine sein, die nie zu einem Projekt führte, das herausforderte und Freude verbreitete: Die Frauen erleben sich nie wie Steine eines grossen Puzzles.
Anderseits kann Arbeiten auf dem Bau einen alten Traum, der lange verdrängt war durch die allgemeine Propaganda für Bürojobs, wieder wachrufen. Oder der Körper, der sich nicht wohlfühlte, weil abends der Kopf brummte wegen der achtstündigen Bildschirmarbeit, liess aufhorchen. Andere erhoffen sich mit einem Wechsel einen Ausstieg aus einem alten Trott und einen Neuanfang. Manchmal reizt auch das Unbekannte, das herausfordern kann. Wahrscheinlich hängt die Unkenntnis der Arbeit auf dem Bau oft auch mit den tradierten konservativen Rollenbildern von Mann und Frau zusammen.

Was gibt das Bauen den Frauen?
Mit vergangenen und aktuellen Aufnahmen werden die Hintergründe der Arbeit erlebbar gemacht. «Ich wach jede Morge uf und dänke: geil!» Oder «Ich bruch das wie ne Nervekitzel.» Oder «Ich wott‘s wüsse, ob ich die Selbständigkeit schaffe.» So und ähnlich tönt es beim Sich-selbst-Entdecken und -Erfahren im Film. Dabei spielt, wie das Projekt von Chicago zeigt, eine Sisters-helping-Sisters-Organisation eine entscheidende Rolle, wo Frauen sich stärken mit Werkzeugen, Wissen und Zusammenhalt. Dies kann aber auch eine kleine Gruppe, eine Freundin oder ein Familienmitglied leisten, wie eine Szene in Chicago zeigt. Das CWIT-Projekt illustriert, was nötig ist: eine professionelle Unterstützung und Begleitung, bei uns erst selten realisiert. Der Aufwand, mit dem akademische Berufe unterstützt werden, müsste auch für Frauen am Bauen Vorbild sein. Die Vernachlässigung der Hand-Arbeit gegenüber der Kopf-Arbeit ist offensichtlich.
Was könnte ein solches Konzept zur Förderung beinhalten? Selbstverständlich eine didaktisch saubere Instruktion der Handgriffe, Arbeitsabläufe und Körpertechniken, die emotionale Begleitung ‒ bei Schwierigkeiten mit Ermunterung, bei Erfolg mit Lob. Gelegentlich ist auch Unterstützung des Karriereverlaufs nötig: Wie bewirbt man sich? Wie verhält man sich im Prüfungsstress? Im CWIT-Projekt gibt es auch ein Modul für die körperliche Ertüchtigung, denn beim Bauen braucht es bekanntlich Muskeln.
Jetzt erst macht das Bauen Spass, bringt es Glück, was doch den tieferen Sinn der Arbeit ausmachen sollte. «Jetzt habe ich einen mega coolen Kasten gemacht», meint Yumi vor dem fertigen Werk. Und offenbar wird es, wenn ich an einer Brücke baute und erlebte, dass diese nicht nur aus Beton, sondern auch aus Mitmenschlichkeit besteht. Im Kern geht es auch hier um das Suchen und Finden der eigenen Identität. ‒ Zur Vertiefung empfehlen sich gleich mehrere Spielfilme, die in der letzten Zeit auf dieser Website vorgestellt wurden..

Die Situation in den USA
Der Anteil der Frauen an der Bauarbeitskraft in den USA ist 4,3%. CWIT hat im Lauf der Jahre mehr als 1000 Frauen motiviert und unterstützt. Wie die kleine gemeinnützige Organisation sich gegen die Zerstörungswut der aktuellen Regierung solchen Initiativen gegenüber wehrt, zeigt ein Bericht des National Public Radio. Die Situation der Sisters-helping-Sisters-Organisation hat aktuell Brisanz bekommen: Nachdem die US-Regierung mit einem Präsidialerlass Gleichstellungsprogramme wie CWIT einklagte, hat CWIT dagegen geklagt und konnte mehrere Massnahmen stoppen. Doch das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen, die Regierung hat Berufung eingelegt. Der Fall könnte zum Präzedenzfall werden für ähnlich Programme, die Chancengleichheit fördern.

Die Situation in der Schweiz
Der Frauenanteil im Baugewerbe liegt auch in der Schweiz unter 10 Prozent. Seit 2023 unterstützt der Verein «gemeinsam bauen wir neu» die Vernetzung von Handwerkerinnen im Bau- und Handwerksbereich. Ein Handwerkerinnen-Verzeichnis für Frauen, die im Bauen arbeiten möchten hilft weiter.

Das Personal des Films
Der Film besteht den Bechdel-Wallace Test ‒ ein Mass für die Darstellung von Frauen in Film ‒ mit Bravour. Dieser geht zurück auf einen Comicstreifen von Alison Bechdel, der 1985 in einer US Zeitung erschien und ist seither prägend in die Filmgeschichte eingegangen. Darin nennt die Protagonistin drei Kriterien, die ein Film für sie erfüllen muss: 1. Vorkommen von mehr als zwei Frauen, 2. die miteinander reden, 3. über etwas anderes als einen Mann.

Die Protagonistinnen: Die folgenden Frauen bringen die Themen auf den Tisch, diskutieren und finden Lösungen: Jamica, Yumi, Lucinda, Romana, Pam, Danitra, Zahrah, Jayne, Ella, Sarah Joy, Sarah, Marilou, Eva, Geneviève, Japlan, Linda, Erica, Chequita, Candida, Andrea, Caress, Rosa, Stareshia, Diamond, Samantha, Elva, Preesha, Bemita, Alisah und Susan.
Die Regisseurin: Ginger Hobi-Ragaz wurde 1981 in Zürich geboren, machte 2009 den Master in Soziologie, Ethnologie, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, absolvierte einen Stage bei SRF, hat mehrjährige Erfahrung als Produktionsleiterin, ist heute tätig als Filmemacherin, Gründerin von Herstory Collectors, realisierte Filmprojekte unter anderem in Chicago, Kampala und Zürich.
Wenn der Film auch scheinbar einfach ist, so kommt diese Einfachheit von einer klugen und inspirierten Könnerin, was am Drehbuch respektive der Montage und dem Kameraeinsatz abzulesen ist. Dies alles macht «Frauen am Bauen» temporeich, taff, angenehm rhythmisiert und unterhaltsam zu einem konstruktiven und persönlichen Film.
Regie: Ginger Hobi-Ragaz, Produktion: 2026, Länge: 53 min, Verleih