Girls & Gods
Gut recherchiert und gestaltet, gibt der Film uns Antworten auf Fragen und Fragen auf Antworten zu Religion und Feminismus und nimmt uns mit auf eine spannende, teils beunruhigende, gelegentlich anstrengende Reise, die wohl auch das Kinopublikum fesseln wird.
Zu diesem Film eine Einleitung zu schreiben und die Dutzende von Eindrücken, Informationen und Gefühlen einfach zu verdampfen, scheint mir nicht nützlich. Die nachfolgenden (stark gekürzten) Antworten der Autorinnen aus einem Interview helfen wohl besser. Quelle: Golden Girls Filmproduktion

Inna Shevchenko
Aus einem Interview mit Inna Shevchenko, der Initiantin des Projektes, und den Filmemacherinnen Arash T. Riahi und Verena Soltiz
Inna, Sie haben den Anstoss für das Filmprojekt «Girls & Gods» geliefert, sich selbst immer klar als «Girl vs God» positioniert und damit Ihre These unterstrichen, dass Religion und Feminismus unvereinbar sind. Ist es eine Neuinterpretation meinerseits oder widerspiegelt diese Nuance von «vs» zu «&» die grundlegend neue Idee dieses Films?
Inna Shevchenko: Sie lesen den Titel so, wie er gemeint ist. Die Ausgangsidee ist tief in meinem langjährigen Aktivismus verwurzelt, der sich immer gegen Machtstrukturen, die Frauen zurückdrängen, gestellt hat. Ich definiere mich als rebellische, feministische Atheistin. Aber die Entscheidung, Film als Medium für viele zu wählen, entsprang dem Bedürfnis, über blosse Slogans und einfache Antworten hinauszugehen. Deshalb heisst der Film «Girls & Gods», weil wir nie die Absicht hatten, eindeutige Antworten oder Glaubenshaltungen in den Raum zu stellen. Von Anfang an haben wir ihn als Debatten-Film bezeichnet und verstehen ihn nicht als Film, der Antworten liefert, sondern uns veranlasst, die richtigen Fragen zu stellen.
Arash T. Riahi: Ich war von Anfang an eingebunden und habe Inna ermutigt, diesen Fragen nachzugehen. Religion beeinflusst mein Leben seit meiner Kindheit. Wir mussten vor einer islamistischen Regierung aus dem Iran fliehen und haben mehrere Familienmitglieder verloren, weil sie nicht gläubig waren. Und andererseits sind da meine Grosseltern, die gläubig sind und niemals jemandem etwas zuleide tun würden. Als ich sie 2005 wiedersah, sagten sie: «Wenn wir einen echten Islam hätten, hättet ihr nicht fliehen müssen.» Sehr oft habe ich den Ausdruck «echter Islam» gehört und mich befragt: Was bedeutet das?

Inna Shevchenko: Als Autorin des Konzeptes bestand meine Rolle nicht nur darin, die Erzählung und die dramaturgische Struktur des Films zu gestalten, sondern in einem vollständigen Eintauchen meinerseits. Ich musste Teil der Debatten werden. Es ging darum herauszufordern, zu provozieren, die Fragen weiterzutragen, die mich schon immer beschäftigt haben, und auf die Antworten, auf die wir trafen, zu reagieren.
Verena Soltiz: In unserem Film wird sehr viel geredet, und es kommen Menschen mit klaren Haltungen zu Wort. Eines unserer Ziele war, Menschen eine Stimme zu geben, die normalerweise in Filmen nicht vorkommen. Ich dachte, dass auch «visuelle Meinungen», die durch Kunstwerke ausgedrückt werden, wichtig sind und manchmal auf direkterem Weg die Herzen berühren. Wir wollten Dichter:innen, Musiker:innen, Zeichner:innen usw. eine Bühne geben, ihre Diskussionsbeiträge zu leisten.
Arash T. Riahi: Eine Parallele zwischen den Frauen, die versuchen, religiöse Institutionen von innen heraus zu reformieren, und denen, die offen gegen Religion sind, habe ich auch in der Kunst entdeckt. Religionen standen immer im Dialog mit der Kunst. So findet man wunderschöne Gemälde in den Kirchen, während die Künstler oft in Opposition zur Kirche und Religion standen. Kunstwerke ermöglichen es, Widersprüche in einem Bild zu verdichten. Ich denke an die Eröffnungssequenz, welche künstlerisch gestaltete Vulven in einer Kirche zeigt, was einen progressiven und provokativen Dialog zwischen Kirche und Feminismus impliziert.
Inna Shevchenko: Die hitzigste Diskussion im Film fand mit einer Frau in einer Moschee statt. Sie wich während des ganzen Gesprächs keinen Millimeter von ihrer Position ab. Wir waren absolut unterschiedlicher Meinungen, aber ich respektiere sie dafür, dass sie für ihre Sicht der Dinge gekämpft hat. Und als die Kamera abgestellt war, sagte sie zu mir: «Du hast gute Argumente.» Dieser Film geht über die reine Religionsdebatte hinaus, er wirft die Frage auf: Sind die grössten Machtstrukturen dieser Welt wirklich so unumstösslich, wie wir denken?

Inna Shevchenko: Cocos Geschichte ist ein Statement für sich. Sie hat den Anschlag auf Charlie Hebdo überlebt und sich trotz dieser Erfahrung nicht davon abbringen lassen, ihre Kunst weiter auszuüben. Wie dieser Film bringt sie den Widerspruch in die Debatte. Ihre Zeichnungen fühlen sich leicht, naiv, ja spielerisch an, tragen indes schweres Gewicht mit sich. Für mich war es unmöglich, den Film ohne sie zu machen, ebenso ohne Ex-Muslime, die als Abtrünnige von ihrem Glauben Abstand genommen und deshalb alles verloren hatten. Die Leitidee bestand darin, Widersprüche sichtbar zu machen. Es gibt keine einheitliche religiöse Erfahrung, sondern ein breites Spektrum von Glaubensansätzen, selbst innerhalb derselben Religion. Diese Pluralität wollten wir auf die Leinwand bringen. Nehmen wir das Kopftuch, eines der umstrittensten Themen im heutigen Feminismus. Wir haben zwei Protagonistinnen, die ein Kopftuch tragen, aber ihre Sichtweisen könnten nicht unterschiedlicher sein. Unser Hauptziel war es, zu einer Stimmenvielfalt zu finden und diese Stimmen im Film koexistieren zu lassen.
Arash T. Riahi: Wir wollten Menschen aus drei Kategorien: Menschen, die Religionsgegner sind, Menschen, die gegen die Gegner der Religion kämpfen, und Menschen, die Religion von innen heraus verändern. Der fertige Film ist eine Hommage an die unzähligen Menschen, die sich den patriarchalen, kapitalistischen Vertretern der Religion widersetzen, einer kleinen, aber mächtigen Gruppe, die sich auf Dogmen stützt. Sie haben die Macht und das Geld, Frauen auszunutzen und zu instrumentalisieren. Es ist eine moderne Form der Sklaverei. Unser Film ist dafür da, aufeinander zuzugehen. Seine Kernbotschaft lautet: Hören wir auf zu glauben, dass wir so grundverschieden sind.

Inna Shevchenko: Ich bin froh, dass ich im Film auch die Frage der Aktivistin behandelt sehe. Coco etwa sagt kein Wort, doch ihre blosse Präsenz, als Teil von «Charlie Hebdo», sagt alles darüber aus, was es bedeutet, sich als Karikaturistin zu trauen, Tabuthemen anzusprechen. Nadya Tolokonnikova von Pussy Riot verbrachte drei Jahre in einem russischen Gefängnis und kann nicht in ihr Land zurück. Agenten der Islamischen Republik versuchten, Masih Alinejad auf amerikanischem Boden zu ermorden. Maryam Namazie, eine Ex-Muslima, lebt unter ständiger Todesdrohung. Und der Vatikan weigert sich, Priesterinnen als Gläubige anzuerkennen. Jede dieser Protagonistinnen trägt eine Geschichte in sich, was es bedeutet, Machtsysteme herauszufordern.
Arash T. Riahi: Alle meine Filme müssen mit Hoffnung enden, auch wenn Hoffnung allein nicht ausreicht; Hoffnung ohne Handlung wird nichts verändern. Die Idee war zu zeigen, wie viele grossartige Menschen aktiv etwas tun, so dass es Grund zur Hoffnung gibt. Keine unserer Protagonistinnen sass nur deprimiert zu Hause, sie waren voller Energie. Während des Drehs auf den Pride-Paraden in London und Berlin konnten wir unglaublich viel Energie einfangen.
Verena Soltiz: Eines der letzten Bilder zeigt Menschen, die einen ehemaligen sakralen Bau besuchen, der von der Natur überwuchert ist. Dies vermittelt mir den Eindruck, dass dies auch eine mögliche Zukunft «nach der Religion» andeutet: Ein Bild der Hoffnung, das die Schönheit der Architektur traditioneller Formen zeigt und von Mutter Natur überwachsen wurde.
Arash T. Riahi: Ich möchte gerne auf das allerletzte Bild verweisen, das den Himmel zeigt. Eine mögliche Interpretation ist, dass, wenn einst die Institutionen verfallen sind, ein direkter Weg zwischen uns und Gott entsteht, falls er, sie oder was auch immer existiert.