It was just an Accident

Hinunter ins Foltergefängnis: Mit einem harmlosen Zwischenfall beginnt ein Ereignis sich zu entwickeln, das zunehmend ausser Kontrolle gerät. Dahinter verbirgt sich eine Geschichte, die als Komödie daherkommt, im Grunde aber ein verzweifelter Aufschrei ist, der die Unmenschlichkeit des Islamischen Gottesstaates entlarvt. Der Iraner Jafar Panahi hat «It was just an Accident» in der kurzen Zeit, während der er nicht im Gefängnis war, realisiert. Ab 30. Oktober im Kino
It was just an Accident

Hamid mit Hochzeitspaar

 

Einführung mit KI: «It was just an Accident» ist ein Film von Jafar Panahi, der für seine kraftvolle Auseinandersetzung mit der Rache als Folgen staatlicher Gewalt gelobt wird, aber auch Kritik für eine als zu einfach empfundene Handlung einsteckt. Sie hebt die Mischung aus schwarzem Humor, psychologischer Spannung und moralischen Dilemmas hervor und betont die Bedeutung des Films als politisches Statement gegen das iranische Regime, das in einer für Panahi ungewöhnlichen Form daherkommt. Der Film wurde bei den Filmfestspielen von Cannes 2025 mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. 

Persönlich kann ich den Film unmöglich für sich allein besprechen, ohne ihn in das Leben und Werk des Filmemachers und die aktuelle Situation im Iran einzubetten. Das macht auf fundierte Weise das folgende Interview von Jean-Michel Frodon mit dem Regisseur Jafar Panahi. Der zweite Teil des Interviews im Anhang geht noch näher an den neuen Film. Für mich ist «It was just an Accident» der verzweifelte Schrei aus einem Gefängnis der Islamischen Theokratie, klug und aggressiv in einen spannenden Polit- und Psychothriller verpackt.

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Mit Vahid beginnt die Handlung

Gespräch mit dem Regisseur Jafar Panahi, 1. Teil


Was ist seit Ihrem Film «No Bears» aus dem Jahr 2022 bei Ihnen passiert?
Als Filmemacher bin ich in eine neue Phase eingetreten. Seit meinen Anfängen mit «The White Balloon» im Jahr 1995 bis hin zu «Offside» habe ich mich ganz meinen Problemen als Regisseur gewidmet. Natürlich gab es Druck, aber ich konnte mich auf Lösungen für meine Filme konzentrieren. Nach meiner ersten Verhaftung im Jahr 2010 und der Verurteilung, die mir das Filmen und Reisen untersagte, habe ich mich auf meine eigene Situation konzentriert. Während meine Kamera zuvor nach aussen gerichtet war, richtete sie sich von diesem Moment an nach innen, auf das, was ich erlebte, was sich in meinen Werken von «This Is Not a Film» bis «No Bears» widerspiegelt. Aber jetzt, da diese Einschränkungen aufgehoben wurden, hatte ich das Gefühl, dass ich mich wieder nach aussen wenden musste, aber auf eine neue Art und Weise, geprägt von den Erfahrungen all dieser Jahre und auch von meinem zweiten Gefängnisaufenthalt von Juli 2022 bis Februar 2023. Also richtete sich meine Kamera wieder nach aussen, aber mit einem anderen Blickwinkel als in der ersten Periode.

Ihre beiden Gefängnisaufenthalte prägen also diese Entwicklungen?
Ja, aber nicht auf die gleiche Weise. Während meiner ersten Inhaftierung war ich 15 Tage lang in Einzelhaft und den Rest der Zeit mit zwei oder drei anderen Personen zusammen. Ich habe praktisch niemanden gesehen, während ich beim zweiten Mal unter vielen anderen Gefangenen war. Es waren sehr unterschiedliche Menschen, mit denen ich während dieser sieben Monate Haft viel Austausch hatte. Als ich nach meinem Hungerstreik freigelassen wurde, war ich draussen verloren, ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte, wie ich mich verhalten sollte. Ich war hin- und hergerissen zwischen der Erleichterung, draussen zu sein, und der Verbundenheit mit denen, die hinter den Mauern geblieben waren. Und diese Spannung blieb, ich konnte mich nicht davon befreien.

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Mit dem Van in die Wüste hinaus

Wenn Sie sagen, dass die Beschränkungen aufgehoben wurden, ist das offiziell?
Ja, das Urteil, das mir das Filmen, Schreiben, Geben von Interviews und Reisen untersagte, wurde aufgehoben. Auch wenn ich in der Praxis weiterhin am Rande stehe: Es wäre beispielsweise sinnlos, das Drehbuch dieses Films den Behörden zur Genehmigung vorzulegen, daher bin ich gezwungen, weiterhin ausserhalb des Systems zu arbeiten.

Kann man sagen, dass «It was just an Accident» direkt aus Ihrer zweiten Inhaftierung entstanden ist?
Auf jeden Fall. Von Anfang an handeln meine Filme von dem, was in der Gesellschaft passiert, in dem Umfeld, in dem ich lebe. Wenn man mich also sieben Monate lang in diesem ganz besonderen Milieu, dem Gefängnis, einsperrt, fliesst das natürlich in meine Filme ein. Bereits bei meiner ersten Verhaftung im Jahr 2010 fragte mich mein Verhörer: «Warum machen Sie solche Filme?» Ich antwortete ihm, dass ich Filme mache, die von meinem Leben inspiriert sind, und dass das, was ich gerade erlebe, zwangsläufig auf die eine oder andere Weise in einem Film wiederzufinden sein würde. Und genau das ist in «Taxi Teheran» durch das Gespräch mit der Anwältin Nasrin Sotoudeh geschehen. Aber die zweite Gefängniserfahrung hat mich noch tiefer verändert. Als ich entlassen wurde, fühlte ich mich verpflichtet, auch einen Film für diejenigen zu drehen, die ich in der Zelle kennengelernt hatte. Ich war ihnen diesen Film schuldig. Ich spreche aus meiner persönlichen Erfahrung, aber diese Erfahrung deckt sich mit dem, was gleichzeitig in der iranischen Gesellschaft im Allgemeinen geschah, mit der Revolution «Frau, Leben, Freiheit» ab Herbst 2022 (siehe dazu «The Seed of the Sacred Fig» von Mohammad Rasoulof). In dieser Zeit hat sich enorm viel verändert.

simpleaccident.6.Fotografin Shiva mit dem Hochzeitspaar

Wie wird diese Erfahrung im Gefängnis zu einem Film, zu diesem Film?
Die Idee für das Drehbuch kam mir sehr schnell. Ich fragte mich, was passieren würde, wenn einer meiner Mitgefangenen nach seiner Entlassung jemanden in die Finger bekäme, der ihn gefoltert und gedemütigt hatte. Diese Frage war der Ausgangspunkt für die Arbeit am Drehbuch mit zwei befreundeten Drehbuchautoren, Nader Saïvar und Shadmehr Rastin. Wir begannen, mögliche Entwicklungen ausgehend von dieser Frage zu skizzieren, aber mir wurde klar, dass es vor allem auf die Authentizität der Erzählungen über das Geschehen im Gefängnis und die verschiedenen Arten, davon zu berichten, ankam. Ich wandte mich an jemanden, der viel Zeit im Gefängnis verbracht hat und leider gerade wieder dort sitzt: Mehdi Mahmoudian. Er half mir bei den Dialogen und liess sich dabei sowohl von den Geschehnissen im Gefängnis als auch von den sehr unterschiedlichen Arten inspirieren, wie diejenigen, die dort waren, darüber sprechen.

arte-Gespräch mit Jafar Panahi in Cannes 
Gespräch mit Regisseur Jafar Panahi, 2. Teil 

Regie: Jafar Panahi, Produktion: 2025, Länge: 102 min, Verleih: Frenetic