Gute Tage

Nach Verlusten neuen Sinn suchen: Der Film «Gute Tage» von Urs Graf stellt fünf Menschen vor, die der Not gehorchend einen Neuanfang wagen. – Premiere an den Solothurner Filmtagen: am 22.1. um 15:00, im Landhaus, am 26.1. um 12:15, im Palace.
Gute Tage

Der Filmemacher Urs Graf, fremdes und eigenes Schicksal reflektierend

Sie werde gleich von sich hören lassen, sobald sie wieder einen guten Tage habe, antwortete Cristina Fessler, die Malerin aus Zürich, auf eine Frage des Filmemachers Urs Graf. Auch Boris Mlosch, der Plastiker, Maler, Radierer aus Uster, Renate Flury, die Plastikerin und Malerin aus Weinfelden, der Zürcher Plastiker Daniel Pestel und der Solothurner Plastiker und Lithograf Schang Hutter haben Neuanfänge hinter sich, erleben gute Tage, aber auch schlechte. Über drei Jahre begleitete der Regisseur die Künstlerinnen und Künstler, die alt sind und an Krankheiten leiden. «Gute Tage» erzählt von ihrem Bemühen, ihrem Scheitern und ihrer Erschöpfung, aber auch von schönen Momenten des Gelingens. Sie alle hatten nach schweren Erkrankungen die persönlichen Formen des künstlerischen Ausdrucks aufgeben müssen, die sie über Jahrzehnte entwickelt hatten. Mutig, trotz zunehmender Schwierigkeiten, suchen sie nach neuen Formen in ihrem Werk und neuer Erfüllung im Leben.

Inhaltlich wie formal gelungen

Urs Graf, 76, heute selbst zunehmend am linken Bein beim Arbeiten als Filmer handikapiert, gilt als einer der wichtigen Schweizer Dokumentaristen des sogenannten neuen Schweizer Films. Bekannt sind von ihm «z.B. Uniformen», «Isidor Huber und die Folgen» (1970), «Cinéma mort ou vif?» (1978), «Kollegen» (1979), «Wege und Mauern» (1982), «Seriat» (1991), «Die Zeit mit Kathrin» (1999) und drei Filme «Ins Unbekannte der Musik» (2005 – 2010), alles formal hochstehende, kritisch reflektierende Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft. Mit «Gute Tage» legt er nochmals ein meisterhaftes Zeugnis ab für ein klassisches Filmschaffen, das heute bei vielen Jungen leider oft zum Lifestyle verkommt. Grossartig sind die Bilder der Protagonisten, nah und doch nie indiskret aufgenommen, wunderbar die Landschaftsaufnahmen, die im Jahreszyklus Lebenszyklen wiedergeben, präzise der Schnitt und klug die Wahl der Musikstücke, die die Stimmungen der Protagonisten vertiefen und zum Nachvollzug einladen.

Ringen um die künstlerische Form als Suche nach dem Lebenssinn

Der Dokumentarfilm «Gute Tage» kann Zuschauerinnen und Zuschauer, die dazu bereit sind, ermutigen, Gedanken zuzulassen wie: Was wäre, wenn wir in unserem Leben durch Unfall oder Krankheit etwas verlieren, das ein Eckpfeiler unserer Identität war, sei es im Beruf oder in einer Beziehung? Wie könnten wir unserem Leben dann einen neuen Sinn geben?

Aus nächster Nähe schildert der Film das Leben von fünf Menschen. Er zeigt, wie sie neue Formen des Gestaltens und Wege zum Leben und Überleben suchen, nachdem sie erkrankten und ihre künstlerische Arbeitsweise aufgeben mussten. Eine zittrige Hand, die um einen schlichten Bleistiftstrich ringen muss, steht für das Ringen um eine künstlerische Form und eine persönliche Selbstverwirklichung.

Cristina Fessler

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Urs Graf hat von Cristina Fessler bei einem Besuch als Antwort erhalten: «Sobald ich wieder etwas bei Kräften bin, kannst du gerne zu mir ins Atelier kommen und meine Arbeit an den Bildern mit der Kamera aufnehmen, aber es wäre mir lieber, wenn man mich dann nicht sehen würde.» Die Künstlerin leidet an einer Nervenkrankheit, die zunehmend zu Lähmungen führt. «Das Bild im Spiegel ist mir fremd geworden, ist weit weg von der Person, als die ich mich immer noch fühle; doch ich werde gleich von mir hören lassen, sobald ich wieder einen guten Tag habe.» Mit solchen Worten macht sich Cristina Fessler für das Weiterleben und Weiterarbeiten bereit. Ihr widmet Graf seinen Film. Diese Haltung durchzieht alle Porträts. «Gute Tage» ist ein Film der inneren Spannung, der Einladung zur Auseinandersetzung und letztlich ein Hymnus an das Leben.

Boris Mlosch

Boris Mlosch.png.jpgBoris Mlosch muss die Arbeit an seinem Bild jeweils nach einer halben Stunde abbrechen. «So dauert es fünfhundert Jahre, bis ich das Bild fertig habe,» folgert er auflehnend. Er leidet an Lungenhochdruck, der die Sauerstoff-Versorgung beeinträchtigt. «Aber ich will heute Nachmittag weitermachen, bin gespannt, was entstehen wird. Jetzt hat das Bild noch kein Zentrum, ich muss das irgendwie noch hinkriegen.» Diese Ausrichtung auf die Zukunft hält Boris Mlosch immer neu am Leben. «Wenn es gelingt, das Augenmerk sowohl auf die Schmerzen, als auch auf den zufriedenen Rest des Körpers zu richten, dann relativiert sich auch der Schmerz.» So hat er, mit den ständigen Aufs und Abs bis zu seinem Tod gelebt. «Weisst, ich hatte ein gutes Leben, ein schwieriges, aber ein gutes», sagte er zu einem Freund ein paar Tage vor seinem Tod.

Renate Flury

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Renate Flury arbeitet an einem grossen Bild. «Ich weiss nicht, wie lange ich noch so stehen und malen kann. Das ist ein täglicher Abschied von Sachen, die gestern noch gingen. Jetzt bin ich erschöpft, aber nicht nur, ich bin auch wach und neugierig, wie es mit diesem Bild weitergehen wird. Ich habe das Gefühl, ich sei näher am Einklang mit meinen Vorstellungen. Wenn es mal eins geworden ist, dann ist das gut, auch wenn es für mich eine Überforderung ist.» Nachdem die Künstlerin, die an Multiple Sklerose leidet, von der Reha zurück ist, sitzt sie vor dem Computer: «Seit einem halben Jahr kann ich die Zeichenstifte nicht mehr richtig halten. Darum habe ich mit der Maus des Computers zu zeichnen begonnen. Wenn die Hand nicht mehr will, muss eben der Arm das Zeichnen lernen. Es macht mich glücklich, dass es geht. Ich weiss, was ich noch möchte: meine Stärken leben, Künstlerin sein, ein bisschen weise und ein bisschen Kind, beides.»

Daniel Pestel

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«Früher arbeitete ich meistens mit Holz, teils mit gewaltigen Stämmen von Mammutbäumen und Eichen, schuf monumentale Werke. Das endete, als ich die Hirnblutung hatte, halbseitig gelähmt wurde, nur noch eine Hand brauchen konnte. Nach etwa zwei Jahren, als ich mich wieder etwas besser fühlte, begann ich, nach Wegen zu suchen. Es wurde für mich lebenswichtig, wieder etwas zu schaffen, mit allem, was mir in die Hand kam», meint Daniel Pestel, der jetzt nur noch kleine Objekte herstellt. «Als ich im Herbst Blätter auf dem Boden liegen sah, zerfallend, von Steinen zerlöchert, kam mir die Idee, sie selbst zu perforieren, zu bemalen und ihnen so wieder ein Leben zu geben.» Zur Fotografie von sich und seiner Frau meint er: «Ich könnte nichts machen ohne sie. Immer wieder muss ich Marie-Louise bitten, mir ihre Hände zu leihen. Das ist ein grosses Geschenk, das sie mir macht. Es ist aber ein schwieriges Leben: als Paar so zu leben.»

Schang Hutter

Schang Hutter.png.jpgSchang Hutter war nach einer Reihe von Hirnschlägen schwach geworden, musste sein Atelier in Genua aufgeben und ist jetzt daran, eine Werkstatt und eine Art Schaulager im Fabrikli in Attiswil einzurichten. «Jetzt ist hier alles noch etwas provisorisch. Es sind noch mindestens zwei Transporte nötig, um alles aus Genua herzuschaffen, doch dafür fehlt mir zurzeit nicht nur die Energie, sondern auch das Geld. Aber wenn es hier mal richtig eingerichtet ist und alle meine Figuren ihren Ort gefunden haben, dann wird es auch keine Probleme geben, wenn es mich mal putzt.» Hutter verschickt Einladungskarten für die Ausstellung in Hersiwil: «Diese Ausstellung dauert bis am 13. April, meine Ausstellung in Bern beginnt am 10. August, und zwischen diesen Ausstellungen habe ich meine Rückenoperation. Ich hinke noch etwa 15 Jahre herum, und dann ist es sowieso fertig.»

Nachbemerkungen

Zu was Urs Graf uns in seinem Film «Gute Tage» einlädt, ist eine das ganze Leben umfassende Botschaft: Leben heisst, immer wieder anfangen, auf neue Ziele zugehen, nicht aufgeben. In ergreifenden Worten und berührenden Bildern bringen die vorgestellten Menschen uns dies nahe.

Gerne gebe ich eine Notiz des Filmemachers, eines alten Weggefährten von mir, wieder, die er mir eben geschickt hat: «Ich hoffe sehr, dass ein paar Leute begreifen, dass es im Film nicht nur um Alte und Behinderte geht, die auf den Tod hin leben, sondern dass sich in jedem Leben immer wieder Neuanfänge aufzwingen.» Persönlich hoffe ich, dass der Film, der nicht im trivialen, sondern in einem essenziellen Sinn unterhält, auch beim Publikum Erfolg haben wird.

Regie: Urs Graf, Produktion: Filmkollektiv Zürich, Marianne Bucher, 2017, Länge: 99 min, Verleih: offen