La Beauté de l’âne
Das neue Gerüst des alten Hauses
Die 1993 geborene Filmemacherin und Produzentin Dea Gjinovci, die in Genf und Paris lebt, hat Wirtschaft und Politik sowie Ethnografischen und Dokumentarischen Film studiert. Ihr erster Film «Sans Le Kosovo» wurde 2017 beim Dokufest Prizren als bester nationaler Film ausgezeichnet und auf mehreren internationalen Festivals gezeigt. Ihr zweiter, «Réveil sur Mars», gewann 2018 einen Preis bei Visions du Réel, erhielt ein Entwicklungsstipendium des Sundance Institutes und feierte 2020 beim Tribeca Film Festival und bei Visions du Réel Premiere. 2020 gründete sie in Genf die Produktionsfirma Astrae Productions.

Tochter Dea und Vater Asllan Gjinovci
Meditativ Erinnern
In ihrem letzten Film «Réveil sur Mars» lässt die Cineastin bereits Thema und Ton ihres neuen Films anklingen. Es ist inhaltlich der Kosovokrieg und formal die Entschleunigung, die uns in Langsamkeit hüllt und ins Sphärische und Tiefmenschliche führt, unterstützt durch Musik von Gaël Kyriakidis und langsamen Kamerabewegungen von Maxime Kathari.
Dea, die mit ihrem in Genf lebenden Vater Asllan in den Kosovo reist, will ihn seine Kindheitserinnerungen noch einmal erleben zu lassen, in ihrem vom Krieg zerstörten Dorf und mit der heute dort lebenden Bevölkerung. Dies gelingt ihnen durch ein klug installiertes Theater-Konzept und dem engagierten Mitwirken junger und alter Bewohner:innen. Dabei leben die 1950er-Jahre wieder auf und lassen das Paar aus der Schweiz den Menschen im damaligen und heutigen Kosovo begegnen.
Ihre Reise folgt einer tiefen Sehnsucht, zu den Wurzeln seines Lebens vorzustossen. Dabei treffen sie auf eine Offenheit und Authentizität der Gemeinschaft, die durch mündliche Überlieferungen an ihrer Vergangenheit festhält. Gleichnishaft steht dafür vielleicht schon die Eingangsszene, in der ein Junge und sein Vater Holzstücke mit Figuren und Ornamenten bearbeiten, die Geschichten erzählen, die sich jedoch erst langsam, wenn überhaupt, entziffern lassen.

Asllan mit einem Buben
Kino der Realität und Fantasie
Vom Alter gezeichnet, schaut sich der Vater in gemächlichem Gang im Dorf um und stellt fest, dass alle alten Häuser, seine damaligen Lebensräume, verschwunden sind. Dabei trifft er einen Jungen, der ihm Birnen vom Baum holt, die beide geniessen und den Beschenkten an seine Kindheit erinnern. Zwischen freudigen Entdeckungen und schmerzlichen Enthüllungen durchleben Vater und Tochter Stunden, Tage und Jahre von damals, erlittene Wunden und erfahrene Freuden. Die Filmemacherin erfährt in den Worten des Vaters und den Gesprächen mit der Bevölkerung erstmal real seine Vergangenheit.
Das Planen und Bauen, das Bespielen mit alten Inhalten im neuen Filmhaus hat die Cineastin originell und klug konzipiert. Mit senkrechten und horizontalen Versatzteilen entsteht das Skelett eines Hauses, das mit Requisiten, Betten, Vorhängen und Fenstern bestückt wird. Dea hat ihren Vater gebeten, sie durch die Inszenierung zu führen. Vielleicht haben Asllan<<s Erinnerungen Dea beflügelt, selbst Geschichten zu erzählen, also Filme zu drehen. Bei einem Lagerfeuer meint ein Junge, dass der Weg zu den Sternen hinauf acht Tage dauert, und verweist damit wohl auf den Mars-Film und bringt etwas Kosmisches auch in den neuen Film.

Dorfgemeinschaft
Kosovo im Krieg
Während Asllan fragt und sucht und Antworten darüber erhält, wie es damals war, nähert sich der Film der Kriegsvergangenheit, dem Kosovokrieg. Damals wurde sein Haus bis auf den Grund zerstört. Doch nicht nur das Haus, auch die Beziehungen zwischen den Menschen. Wie war es, den Kosovo-Krieg in der Schweiz am Fernsehen erlebt zu haben und nicht im Land? Der Vater hörte, als er acht war, wie sein Vater mit seinem Bruder beschloss, nach Pristina zu fahren, weil die Razzien der serbischen Polizei unerträglich wurden, und erzählt, wie er als Neunzehnjähriger nach einer Demonstration für einen freien Kosovo ins Gefängnis kam. Alte Menschen erzählen, wie die serbische Politik sie belästigte, die Soldaten Tag und Nacht kamen, die Kosovaren schikanierten und dazu bewegten, das Dorf zu verlassen. Konkret im neu gebauten Haus wird ein Überfall gespielt, bei dem die Familienältesten und auch Onkel Salih zur Polizei gebracht und dort verprügelt wurden. Damals sangen die Kinder: «Oh Flugzeug am Himmel, hast du meinen Vater gesehen?»

Das Leben geht weiter
Das Aufarbeiten
In einem mächtigen Neubau stehen Vater und Tochter und betrachten die Spuren der Barbarei auf den Mauern gegenüber: Ein riesiger Staat, bis an die Zähne bewaffnet, gegen eine einzige Familie! Von fünfzig Männern überlebte bei einem Überfall ein Kind. Die Serben blieben zwei Jahre. Im Kosovo herrschte Krieg! Es hiess, wir sollen nach Albanien gehen, man hielt die Männer und Jungen zurück, dann wurden sie getötet. Im Jahr danach galt es, die Minen, Granaten und Geschosse wegzuräumen.
Der Besuch auf einem Friedhof weckt weitere Erinnerungen, und im Archiv werden die Akte von Tante Dinore verwaltet, die in ihrem letzten Telefongespräch sagte: «Ich habe ein erfülltes Leben gehabt und warte noch darauf, meinen Sohn zu sehen.» Dieser erinnert sich, er habe die Schweiz verlassen, um die slovenische Grenze heimlich zu überqueren und in den Kosovo zu gelangen; er wurde aber erwischt, und der Beamte meinte: «Gehen sie zurück in die Schweiz, vergessen sie Kosovo». So wurden all meine Gefühle für meine Familie amputiert. Gegen Schluss erzählt die Tochter dem Vater am Bahnhof, was ihre persönlichen Recherchen gebracht haben. Doch Tante Dinores Leiche wurde nie gefunden und identifiziert.

Was ist nun «La beauté de l’âne»?
Die Geschichte von Asllan und von Dea führt uns hinein in einen Sturm von Emotionen und Erfahrungen: mit freudigen und traurigen Erinnerungen, die nun das neue Fundament von zwei Menschen bilden ‒ wohl auch bei uns Zuschauenden der Schmerz, die Sehnsucht und vielleicht auch der Hoffnung auf die Wärme der Versöhnung, die Aufnahme und Geborgenheit in der menschlichen Gemeinschaft.
«La beauté de l’âne» ist ein starker, schöner, berührender Film, wahrgenommen von einem Esel, der die Gespräche, Begegnungen, Träume, das Trauern und Sich-Freuen gesehen, beobachtet und bedacht hat. Und so stimmt es wohl, wenn Dea Gjinovci zum Filmtitel sagt: «Mein Vater sagte uns immer, dass er, wenn er eines Tages einen Roman über sein Leben schreiben würde, dieser ’Die Schönheit des Esels’ heissen soll. Also haben wir diesen Titel auch für den Film übernommen.»
Und für uns die Schlussfrage: Was ist nun die «Schönheit des Esels»? Ist es eventuell die Schönheit, die der Esel bei den Menschen beobachtet, wenn sie auf dem Weg zum Ursprung danach fragen, suchen und in der Ferne erahnen oder erblicken?
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