L'Engloutie
Wie nur selten in der Kunst, dürfen oder sollten wir uns hier fallen lassen in den Film mit den wunderbaren Welten zwischen Mythos und Aufklärung, Tradition und Moderne, eingehüllt in Bilder und Klänge wie von andern Welten. Die Story bietet sich als Einstieg zu Kurzgeschichten an, die sich zu einer Einheit zusammenfügen, mit der grossartigen Kamera von Marine Atlan, die im Hell-Dunkel an Paul Cézanne erinnert, und mit der sphärischen Musik von Emile Sornin, die das Verstehen erlebbar macht, angesiedelt am Anfang des 20. Jahrhunderts und bezugnehmend auf René Descartes mit seiner «Geschichte des Menschen».
Mit Ausschnitten aus einem Interview mit der Regisseurin versuche ich, dem Film näher zu kommen.
Aimée, eine grossartige Galatea Belluggi, engagiert sich mit ihrer aufgeklärten Haltung gegen den konservativen Glauben der Bevölkerung, deren Sprache sie nicht spricht. Mit den Kindern macht sie Fortschritte, mit den Alten bleibt das Verhältnis zwiespältig.
Der Film ist von realen und imaginären Geschichten aus Ihrer Familie inspiriert. Erzählen Sie uns mehr darüber. Mütterlicherseits stamme ich aus einer Familie mit mehreren Generationen von Lehrerinnen, die für ihre ersten Stellen während der Wintermonate in abgelegene Alpendörfer geschickt wurden. Wie meine Heldin Aimée wurden diese jungen Frauen, getragen von laizistischen und republikanischen Idealen, beauftragt, den Kindern Lesen und Schreiben beizubringen, bis der Schnee schmolz und die Eltern die Kinder wieder in der Landwirtschaft brauchten. Mein Grossvater, ebenso von Geschichten geprägt, schrieb Kurzgeschichten. Eine davon über einen Sarg auf einem Dach. Bilder, die sich in meinem Drehbuch niederliessen.
«L'Engloutie» (deutscher Filmtitel «Das Mädchen im Schnee») beschäftigt sich mit Sitten und Bräuchen in einem kleinen Alpendorf. Die Geschichte steht im Hintergrund, eine oft bedrückende Stimmung und eine imposante Bergwelt sind die Hauptdarsteller des Films, der nie Klarheit über Realität und Magie offenlegt.
Ihre Geschichte hat etwas Märchenhaftes, mit Figuren wie Jupiter, Enoch oder Pépin. Warum diese fantastischen Elemente innerhalb des naturalistischen Rahmens? Ich würde es magischen Realismus nennen. Genau diese Mischung suchte ich. Das beginnt schon beim Titel: «L’Engloutie», der einen sofort in die Welt des Märchens und jener Geschichten versetzt, die meine Figuren abends am Feuer erzählten, wie es bei Totenwachen üblich war. Dasselbe gilt für die Vornamen, mythologische oder biblische aus dem Alten Testament. Man muss wissen, dass die Täler der Hautes-Alpes Zufluchtsorte der Waldenser waren.

Ein untergründiger psychologischer Horror durchzieht den Film, wird nie recht fassbar und lässt Interpretationsspielräume offen. Primär ist er ein Drama in einem ungewohnten Mikrokosmos.
Liegt der Wendepunkt nicht dort, wo Aimées Sexualität ins Spiel kommt? Das plötzliche Verschwinden ihrer beiden Liebhaber Enoch und Pépin ist rätselhaft und symbolisch. Ihr Begehren entsteht nicht erst durch den Anblick dieser Jungen. Es ist bereits vorher da, man sieht es daran, wie sie ihr altes Anatomiebuch benutzt. Dennoch lebt sie zunächst in einer reinen Fantasiewelt. Als Daniel, der ihr den Schuh nageln will, ihren Knöchel berührt, fühlt sich das für sie an wie ein erstes Mal. Die abgeschiedene Hochgebirgswelt wird paradoxerweise zu ihrem ersten Ort der Freiheit, fern von der Familie. Die Sexualität öffnet den Zugang zu ihrem geheimen Inneren, voller Ängste und Neugier. Sie ist Ort des Loslassens und der Transformation. Das Geheimnisvolle entsteht aus dem, was wir nicht kontrollieren können: dem Schneesturm, dem Eis und Feuer. Diese Elemente schaffen eine reiche und widersprüchliche Welt von Empfindungen. Ich wollte, dass der Berg sinnlich ist und eine aktive Rolle spielt. So nähere ich mich dem Irrationalen. Mich interessieren die Verbindungen zwischen Erotik und einer tellurischen, bedrohlichen Natur.

Die Schauplätze beschränken sich auf einen kleinen Weiler mit einigen rustikalen Hütten, in denen es nur das Allernötigste gibt. Das Leben ist einfach und hart. Die klaustrophobische Grundstimmung in den Hütten und den Schneemassen entwickelt einen umfassenden Sog. Der Clash zwischen Moderne und Tradition, Mythos und Wissenschaft macht den Film zum Drama.
Generell wird in Ihrem Film viel über Bild und Ton erzählt, weniger über Dialoge. Die Höhlenszene in der Mitte ist dafür ein Beispiel. Die Höhle ist ein faszinierender Ort im Inneren des Berges. Sie erinnert an das Höhlengleichnis, aber auch an eine Gebärmutter. Genau das wollten wir. Die Geräusche prallen an den Wänden ab und hallen in der Dunkelheit wider. Wenn Aimée eintritt und die Seufzer der beiden Jungen hört, habe ich mich für eine blosse Andeutung entschieden, weil der Ton die Vorstellungskraft anregt. Es interessiert mich, wenn das Publikum die Dunkelheit absucht, getrieben von eigenem Impuls.

Das Lokalkolorit mit Tänzen, Klängen und zeitgemässen Instrumenten, wie beispielsweise die Drehleier, erzeugt einen Charme, der zum Verweilen einlädt und gleichzeitig Distanz schafft. Der ganze Film spielt zwischen Überlieferung und Realität, Tatsachen und Einbildungen.
Auch das Licht, aussen sehr weiss, innen halbdunkel, ist präzise gesetzt. Wie war die Zusammenarbeit mit Ihrer Kamerafrau? Eine Freundschaftsgeschichte. Marine hat fast alle meine Filme gedreht. Für «L’Engloutie» wusste sie, dass ich das Bildformat 1:33 wollte, um das Gefühl der Vertikale zu verstärken. Beim Licht wollte ich, dass wir so sehen, wie die Menschen damals gesehen haben. Doch man nimmt nie alles wahr, ein Rest bleibt Geheimnis. Draussen blendet uns tagsüber das fast bläuliche Weiss des Schnees. Nachts nahmen wir den Mond zu unserem Verbündeten. Wenn er scheint, wirkt die Schneedecke wie ein riesiger Reflektor, ermöglicht ein natürliches Day-for-Night. Das Fremde soll aus der Realität entstehen.

Oft gehen wir an Kunstwerke, auch an Filme heran mit Fragen und erhoffen Antworten. «L’Engloutie» ist kein Film, der Antworten gibt. Er stellt Fragen.
Ein Ende, das bewusst offen bleibt. Ja, ich habe keine definitive Antwort auf Aimées Schicksal. Mich interessiert die Konfrontation dieses kartesianischen Wesens mit dem Irrationalen und das Mitgehen des Publikums. Je weiter der Film voranschreitet, desto mehr gerät ihre Rationalität ins Wanken, bis hinein in ihre Körper. Ist Aimée am Ende noch am Leben? Ein Sündenbock, den das Dorf ausgestossen hat? Oder spukt sie nun im Wald, wie in der Legende von La Boye, die bei der letzten Totenwache erzählt wird? Was ist mit Pépin und Enoch geschehen? Tot, verschwunden, verdampft? Alles ist möglich. Ich möchte Unsicherheit erzeugen, das ist es, was ich am Kino liebe. «L’Engloutie» (versunken, verschlungen) sollte ein Film sein, der im Denken versinkt und nachhallt.
Regie: Louise Hémon, Produktion: 2025, Länge: 98 min, Verleih: Sister Distribution