Mother's Baby
Georg, Julia, das Kind
«In der Gesellschaft dominiert die Erzählung, dass die Geburt eines Kindes das schönste Ereignis in einem Leben ist. Für viele Frauen überwiegt aber ein anderer Aspekt: Eine Geburt kann auch ein Albtraum sein, und es hat eine Schwere und Langeweile, viel Zeit mit kleinen Kindern allein, ohne Ansprache, ohne Feedback, Tag für Tag in einer reinen Versorgerrolle zu verbringen. Ich halte es für wichtig, auch darüber zu erzählen», meint Johanna Moder, die Drehbuchautorin und Regisseurin von «Mother's Baby».
Was, wenn die Geburt eines Kindes statt des erhofften Familienglücks ganz andere Gefühle auslöst: Ängste, Bedauern, eine Depression? Moders Auseinandersetzung mit dem Thema ist unbequem, emotional komplex und düster. Marie Leuenberger verkörpert in diesem Psychothriller über das Mutterwerden die Hauptfigur Julie mit kühler Intensität, was in seiner Radikalität auch auf Widerstand stossen kann. ̶ Den definitiven Horrorfilm zum Thema schuf Roman Polanskis 1968 mit «Rosemarys Baby».
Julia Bode, eine erfolgreiche Dirigentin, und ihr Gatte Georg, ein vielbeschäftigter Architekt, beide in den Vierzigern und glücklich verheiratet, sehnen sich seit Langem nach einem Kind. Bisher hat es nicht geklappt. Bis der charismatische Fruchtbarkeitsspezialist Dr. Adrian Vilfort ihnen Hoffnung gibt und Julia mit der neuartigen Behandlung in der Privatklinik «Lumen Vitae» erfolgreich schwanger wird.

Dr. Vilfort, Julia
Vom Traum zum Albtraum, 1. Teil
Die Geburt verläuft dramatisch. Kaum entbunden, wird das Baby weggebracht und das Paar über Nacht im Unklaren gelassen. Als die frischgebackene Mutter ihr gesundes Neugeborenes endlich in den Armen hält, erlebt sie eine seltsame Distanz. Warum ist es so still und apathisch? Julia sollte sich glücklich in die Reihe der strahlenden Mütter einreihen. Ist die Bindungsstörung das Symptom einer postnatalen Depression, wie die Umwelt ihr weismachen will? Oder ist es gar nicht ihr Kind, das sie aus dem Spital zurückerhalten hat? Es gibt doch Anzeichen, dass mit dem Arzt und der Klinik etwas nicht stimmen könnte. Sind ihre Schwierigkeiten tatsächlich auf psychische Probleme zurückzuführen? Warum zeigt ihr Baby kaum emotionale Regungen, schreit nicht einmal, als es vom Wickeltisch fällt? Warum lässt Dr. Vilfort sie von seiner Hebamme regelrecht überwachen? Und was hat es mit der merkwürdigen Obsession des Mediziners mit einem Axolotl in seiner Praxis auf sich?
Die 46-jährige österreichische Regisseurin Johanna Moder fährt nicht mit dem Teufel ein wie Polanski, sondern beschreibt subtil die Ängste um Geburt und Mutterschaft und steigert dies zu einem postnatalen Crescendo furioso. Sie habe eine eigene traumatische Geburtserfahrung zum Anlass genommen, diesen Film zu drehen, erzählt sie an der Premiere. Was im Film immer wieder an den kleineren und grösseren Hilflosigkeiten zu spüren ist, wie wir sie im Umgang mit Spitälern und Ärzten aus eigener Erfahrung kennen, entwickelt sich bei Julia zum Drama.
Alles ganz normal, alles in Ordnung
Der Arzt, der nicht Klartext spricht, die Anästhesieschwester, die Fragen mit einem Lächeln wegwischt, die Hebamme, die trotz Panik im Gesicht versichert, alles sei normal und in Ordnung. Später heisst es, die Nabelschnur habe sich um den Hals des Säuglings gelegt, was einen zeitweiligen Sauerstoffmangel bewirkt habe, weswegen er in aller Eile aus dem Kreisssaal in die Neonatologie eines anderen Spitals gefahren wurde. Die erwartete Magie bleibt aus. Das Kind ist Julia fremd. Im Umfeld gibt es seltsame Entdeckungen wie jene mit dem mexikanische Schwanzlurch Axolotl im Büro des Arztes. Und später sehen wir, wie Julia nachts, allein und verzweifelt durch die Strassen der Stadt irrt, um das Krankenhaus zu finden, wo ihr Sohn nach der Geburt hätte aufgenommen werden sollen. Sie findet keines. Allmählich mutiert «Mother's Baby» zum Horrorfilm.
Vom Traum zum Albtraum, 2. Teil
Auch Wochen nach der Entbindung kann sich das Paar nicht für einen Namen für das Kind entscheiden. Warum ist das Baby immer so ruhig, scheint nie Hunger zu haben? Warum empfiehlt ihr die Hebamme, Ersatzmilch zu verwenden, statt zu stillen? Julie erlebt Widersprüche. Steigert sie sich in etwas hinein? Doch alle beruhigen sie, alles sei normal, in Ordnung.
Dass Julia von einem Es, nicht von ihrem Jungen spricht, zeigt ihre emotionale Distanz. Diese baut die Regisseurin realistisch immer weiter aus. Dabei hilft ihr die grossartige Performance von Marie Leuenberger, welche die Mischung aus Panik, Distanz, schlechtem Gewissen und totaler Überforderung immer stärker zum Ausdruck bringt. Allein mit dem Baby spürt sie eine innere Leere und keinen Impuls, zu ihm die Nähe zu suchen.
Es sind einfache Szenen, die dem Film seine Wucht verleihen. Wenn Julia die Musik immer lauter aufdreht, angesichts des still daliegenden Kindes. Wenn sie es schliesslich mit einem Quietschspielzeug zum Weinen bringt und sich dann entsetzt entschuldigt. Es zeigt sich, wohin übergrosse Erwartungen an die Mutterschaft und die Unsicherheit nach der Geburt führen können. Auch der Mutteralltag wird für sie zum Horrortrip: Wie viel Grauen zwischen Wickelkommode, Babybett und Stillkissen passen kann. Welche Rolle die Freundinnen und der Vater spielen, wird offensichtlich.

Bin ich die Schuldige?
Was ist «Mother's Baby»?
«Mother’s Baby» beginnt als feinfühliges, allmählich subtil anschwellendes Melodrama und wandelt sich zum Psychothriller einer postnatalen Depression: empathisch und Empathie fordernd. Irgendwann, etwas nach der 70. Minute, vielleicht dort, wo Julia und Georg zu Hause von einer Aktion im Aquarium zutiefst erschreckt werden, kippt der Film.
Bis hierhin schilderte er psychologisch, Etappe um Etappe, die Entwicklung einer postnatalen Depression mit deren individuellen, zwischenmenschlichen und sozialen Dimensionen. Ab dieser und weiteren Schockszenen erhält Julias Leben allmählich klare pathologische Züge. Die Schockbilder verschweige ich, erwähne jedoch zwei Szenen, die den Film gegen Ende vielleicht sogar auf ein Happy End hin öffnen.
Erste Szene: Julia findet in der Klinik einen in Plastik verpackten Fötus, nimmt ihn an sich, flieht mit ihm und liebkost ihn, was uns wohl Fragen stellen lässt: Hat sie vielleicht ihr totes Kind gefunden? Oder möchte sie es zum Leben erwecken? Zweite Szene: Hat Julia nach der Babypause wieder einen Auftritt als Dirigentin mit ihrem Orchester in der berühmten Elbphilharmonie in Hamburg und ist zufrieden und glücklich mit der Musik, auch ohne den von ihr geborenen Sohn?
Lassen diese Szenen nicht die Vermutung zu, dass Julia durch die dunklen Abgründe hindurch sich erfolgreich auf dem Weg zur Heilung befindet? Dass auch Mütter mit postnataler Depression geheilt werden können
Was ist eine postnatale Depression?
Regie: Johanna Moder, Produktion: 2025, Länge: 109 min, Verleih: Filmcoopi