Palestine 36

Aufstand gegen Unterdrückung: 1936 steht Palästina am Beginn eines breiten Widerstandes gegen die britische Mandatsmacht, einer rasante Zunahme jüdischer Einwanderer und damit eines hoch komplizierten Konfliktes und eines historischen Wendepunktes, der das Schicksal des palästinensischen Volkes für immer prägen wird. Die palästinensisch-amerikanische Regisseurin Annemarie Jacir hat in ihrem Langspielfilm «Palestine 36» ein grossartiges, der Komplexität des Themas angemessenes Epos geschaffen über eine Leidensgeschichte, die leider nicht beendet ist. Ab 21. Mai im Kino
Palestine 36

 

Wir schreiben das Jahr 1936: Die Kolonialverwaltung herrscht über die Region zwischen Jordan und Mittelmeer. Eigentlich hatten die Briten mit der 1917 verabschiedeten Balfour-Deklaration zugesagt, sich für die Errichtung einer «nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina» einzusetzen, aber auch zugesichert, dass dies nicht auf Kosten der nicht-jüdischen Bevölkerung der Region geschehen soll. Ein Versprechen, das nicht gehalten wurde und Ursache für die aktuelle tragische Geschichte der Region ist und in der Vergangenheit seine Wurzeln hat.

 

Davon erzählt Annemarie Jacir in ihrem emotional und informativ starken Film, der immer wieder versucht, Parallelen zwischen der Historie und der Gegenwart aufzuzeigen. Von einer Mauer zwischen den verfeindeten Gebieten, von Siedlerangriffen auf Palästinenser, von willkürlichen Morden und anderen Formen der Unterdrückung ist die Rede. Betont einseitig berichtet die Geschichte, stilisiert britische Soldaten zu latent sadistischen Typen, die ihre in Indien und anderen Kolonialgebieten gelernten Methoden zur Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung auch in Palästina einsetzen.

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In mehreren Erzählsträngen folgt der Film den Figuren, die auf unterschiedliche Weise in die Aufstände hineingezogen werden. Der junge Yusuf etwa pendelt zwischen seinem Dorf und Jerusalem, wo er für den wohlhabenden Journalisten und Aktivisten Amir arbeitet und eine Position erhält, die ihm neue Perspektiven eröffnet, aber auch die Klassenunterschiede in seiner Gesellschaft offenlegt. Während sein Vater ihn zurück auf die Familienfelder drängt, wächst unter den Bauern die Angst vor Enteignung durch die steigende Zahl von Einwanderern, die vor dem Antisemitismus in Europa flüchten. Eine persönliche Tragödie zwingt Yusuf, Stellung zu beziehen. Auch die junge Witwe Rebab sieht sich zunehmendem Druck ausgesetzt und versucht, ihre Tochter Afra zu beruhigen, während diese die Spannungen der Erwachsenenwelt immer deutlicher wahrnimmt. In Jaffa wird der Hafenarbeiter Khalid durch harte Arbeitsbedingungen in den Widerstand getrieben, während die Journalistin Khouloud in Jerusalem mit den Eliten ihrer Stadt in Konflikt gerät, als sie koloniale Ungerechtigkeiten öffentlich macht. Gleichzeitig kämpfen britische Behörden darum, die Kontrolle zu bewahren.

 

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In ihrem vierten Film verbindet Annemarie Jacir das Persönliche mit dem Politischen und zeigt, wie Widerstand sowohl still als auch in explosiv sich entwickelt. Daraus entfaltet sich in einem vielschichtigen Geflecht aus persönlichen Schicksalen, sozialen Gegensätzen und politischen Spannungen ein zutiefst humanistisches Fresko das zum Nachvollzug und da und dort wohl auch zum Neuüberdenken einlädt.

 

Mit internationalen Stars (unter anderem Jeremy Irons, Billy Howle, Liam Cunningham) und altbekannten palästinensischen wie Hiam Abbass oder Saleh Bakri gelingt Jacir ein dicht gewobener Epochenfilm, der über mehrere Kontinente finanziert, aber vollständig in der Region gedreht wurde.

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Die Regisseurin Annemarie Jacir

 

Annemarie Jacir, 1975 in Bethlehem geboren, lebt und arbeitet heute in Palästina, hat über 16 Filme geschrieben, inszeniert und produziert. Sie arbeitet sowohl im Spiel- als auch im Dokumentarfilmbereich, war Jurymitglied bei zahlreichen Festivals und engagiert sich in Mentoring und Ausbildung für das unabhängige Filmschaffen in der Region. Ihre Werke feierten Premiere in Cannes, Berlin, Venedig, Locarno, Rotterdam und Toronto. In den letzten Jahren wurden ihr in New York und Toronto Retrospektiven gewidmet, in deren Rahmen viele ihrer Filme erstmals zu sehen waren. Ihr jüngstes Werk, «Palestine 36», ist ihr bisher ambitioniertestes Projekt. Ihre Spielfilme, auch der neueste, gingen allesamt für Palästina ins Oscar-Rennen.

 

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Vier Filme als Vorbereitung auf «Palestine 36»

 

Jacirs Erstling «Salt of This Sea» von 2008 erzählt von der 28-jährigen Soraya, die in Brooklin aufgewachsen ist, zum ersten Mal nach Palästina in die Heimat ihrer Vorfahren reist, wo sie unverhofft einen einheimischen Mann trifft und mit ihm eine Reise zu ihrenpersönlichen Wurzeln beginnt. 2012 folgte «When I Saw You»  mit dem jungen Tarek, der sich nach dem Sechstagekrieg 1967 auf den Weg macht, seinen Vater zu suchen und sein Vaterland zu finden, das es nicht mehr gibt. Den Abschluss macht 2017 «Wajib», der am Beispiel einer Vater-Sohn-Beziehung die gesamtgesellschaftliche Israel-Palästina-Beziehung unpolemisch und mit Empathie thematisiert.

Als Ergänzung und Ausweitung der Geschichte Palästinas empfiehlt sich der 2025 von der palästinensisch-amerikanischen Regisseurin Cherien Dabis realisierte Spielfilm «All That’s Left of You», der die britische Kolonialgeschichte über drei Generationen umfasst, 1948 mit der Nakba beginnt und dabei die zionistische Idee «ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land» klar widerlegt.

 

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Es heisst oft, dass Geschichte von den Siegern geschrieben wird. In diesem Sinne mag man «Palestine 36» als notwendige Gegendarstellung verstehen, die von einer für den Nahost-Konflikt entscheidenden historischen Episode erzählt und dabei dezidiert die palästinensische Sicht der Dinge einnimmt, einseitig, doch legitim und mit grosser emotionaler Kraft.

 

Der Dichter Ne’ma Hasan aus Gaza sagte einmal, was uns die Regisseurin übermittelt hat: Wenn die Strassen blockiert sind, zeichne eine neue Karte. Das ist zu unserer Lebensweise geworden, die wir von unseren Eltern und Grosseltern gelernt haben. Sie prägt alles, was wir tun: zur Arbeit gehen, zum Arzttermin, die Familie besuchen, einen Film drehen ...

 

Interessante Hintergrund- und Zusatzinformationen enthält ein Text der Regisseurin:
Annemarie Jacir zu ihrem Spielfilm

Regie: Annemarie Jacir, Produktion: 2025, Länge: 119 min, Verleih: trigon-film