Renoir

Den Schmerz der anderen verstehen: In ihrem zweiten Spielfilm erzählt die japanische Regisseurin Chie Hayakawa eine Geschichte, deren Ursprung ihre eigenen schmerzhaften und verwirrenden Kindheitserlebnisse sind. Der Spielfilm «Renoir» stellt auf turbulente und provozierende Weise die Frage: Kann man den Schmerz anderer wirklich verstehen? Ab 28. Mai im Kino
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Fuki

 

Fuki, die Hauptperson, grossartig gespielt von der jungen Yui Suzuki, ist Schülerin einer vierten Klasse der Primarschule und lebt zu Hause mit dem kranken Vater, während die Mutter auswärts arbeitet. Als sie begreift, dass ihr Vater nicht mehr lange leben wird, bricht eine Flutwelle mit neuen, fremden, bedrückenden Gefühlen und Bildern über sie herein, mit denen sie als Elfjährige sich unvorbereitet auseinanderzusetzen hat. Obwohl die Handlungen und Situationen im Film fiktiv sind, gleichen sie dem, was die Regisseurin in ihrer Jugend real erlebt hatte: diffuse Ängste, bohrende Schuldgefühle, Fluchtfantasien, ein unschuldiges Staunen vor Renoirs Bild «La petite Irène».

 

Mit ihrem neuen Film erkundigt Chie Hayakawa die Innen- und Aussenwelt eines Kindes in einer emotionalen und audiovisuellen Achterbahnfahrt. Doch schon «Plan 75», ihr erster Film, hat ein ähnlich gesellschaftlich verdrängtes Thema als Inhalt wie «Renoir», dort der Alten.

 

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Vater mit Tochter

 

Im Meer des Nicht-Verstanden-Seins

 

Innere und äussere Unruhe erleben auch Fukis Eltern: die Mutter, Hikari Ishida, der Vater, Lily Franky, erweitert und bereichert durch die Nachbarschaft und das Spitalpersonal. Sie alle erfahren und erzeugen Hektik, Schmerz und Verzweiflung, aber gelegentlich auch Freude, Unterhaltung und Überraschungen. Wie die Regisseurin in ihrer Jugend und Fuki im Film, waren und sind sie beide nicht fähig zu gegenseitiger Empathie. Während die Kleine leidend an Vaters Bett sitzt, er den Tod fürchtet und der Krebs seinen Körper zerfrisst, fragt sich das allein gelassene Kind, welche Sendung es am Abend am Fernseher schauen soll. Als man dem Vater sagt, dass ihm nur noch wenig Zeit bleibe, stellen die Regisseurin und die Protagonistin sich vor, die Menschen um sie herum müssten doch eigentlich alle mit ihnen nett sein, als wären sie die Heldinnen des Dramas.

 

Subjektiv und objektiv ein Chaos

 

Fuki fragte sich, ob ihr nicht grundlegende Gefühle fehlen, und beginnt, sich selbst zu verachten. Unglück, Schmerz und Trauer der Erwachsenen werden in gesteigertem Masse Unglück, Schmerz und Trauer des Kindes. Doch auch innerhalb der Familie scheint es unmöglich, sich zu verstehen, kommt es eher zu gegenseitigen Verletzungen. Und Fuki entdeckt, als sie sich in den Tagen nach Vaters Tod mehr und mehr mit anderen in Verbindung setzt, dass ihr dies für Momente Trost und Hoffnung spendet. Da Fuki innerhalb der Familie nur wenig Erholung und Trost erfährt, versucht sie es bei Fremden, gelegentlich mit etwas sonderbaren Angeboten. Das Melodrama bleibt intensiv und aufwühlend, hautnah bei Fuki und wohl auch bei uns.

 

Steine für ein Augen öffnendes Puzzle

 

In «Renoir» wechseln die Aussagen immer wieder zwischen subjektiv und objektiv: Hier ist Fuki die Agierende, dort die Reagierende und umgekehrt. Dieses Wechselspiel erleben auch wir Zuschauer:innen. Solches ist nicht alltäglich und selbstverständlich. Dieser Film zeigt, dass der Mensch, nicht wie wir oft meinen, ein schönes, rundes, eindeutiges, sondern hier und wohl auch sonst ein mehrdimensionales, multiples, komplexes und in der Zeit sich veränderndes Lebewesen ist. So erst funktionieren Geschichten und Dramen, ob von Sophokles, Shakespeare oder in der Siebten Kunst. Während zwei Stunden erleben wir ein existenzielles Tohuwabohu, das uns fordert. Kaum einmal vor diesem Film habe ich in einem anderen ein solches künstlerisch gestaltetes Durcheinander erlebt. Chie Hayakawa brauchte für dieses grossartige, kaleidoskopartige Lebens-Puzzle mehrere Dutzend sich antwortende Szenen, vorantreibende Episoden, uns hin- und herreissende Fragmente, wechselnde Stimmungen evozierende Bilder sowie Ort und Zeit wechselnde Kurz- und Kürzestgeschichten.

 

Wahrnehmung von Kindern und Erwachsenen

 

«Renoir» ist ein Film über ein Kind, das beobachtet, hört und fühlt, das reagiert und erduldet, lange bevor es all das versteht, dann aber von der Filmemacherin differenziert und unendlich zart beschrieben wird. «Renoir» ist in meinen Augen auch ein Film generell über die Wahrnehmung, das Für-wahr-Nehmen, und das betrifft junge wie alte Menschen.

 

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Mutter mit Fuki

 

Über das Absurde Antworten finden

 

Vermutlich geht der Film, wenn wir ihn mit offenen Sinnen und einer existenziellen Neugier wahrzunehmen versuchen in eine Richtung, die sich im Absurden verortet. Und dann drängt sich mir Albert Camus mit seinem literarischen und philosophischen Werk auf ‒ durch das ich nachfolgend etwas schlendern werde.

 

Sein Roman «L’Étranger» aus dem Jahr 1942 erzählt die Geschichte eines Mannes, dem scheinbar alles egal ist, der Tod seiner Mutter, sein möglicher Umzug nach Paris und der Heiratsantrag seiner Geliebten. Eines Tages erschiesst er ohne offensichtlichen Grund einen Araber und wird in Untersuchungshaft genommen. Im Gerichtsprozess gegen ihn sind ihm auch sein Ruf und sein mögliches Strafurteil scheinbar egal, er verteidigt sich kaum und wird schliesslich zum Tode verurteilt. Ein ungewöhnliches, vielleicht Kopfschütteln auslösendes In-der-Welt-Sein. Als Symbol? Als Frage?

 

«La mort heurese», der erste Roman des französischen Schriftstellers und Philosophen Albert Camus stammt aus dem Jahr 1971. Das existentialistische Werk behandelt den menschlichen «Willen zum Glück», das bewusste Streben nach dem eigenen Glück, samt dem Geld und der Zeit, die dafür benötigt werden. Das Buch stützt sich auf Erinnerungen des Autors an seine eigene Lohnarbeit bei einer Hafenkommission in Algerien, sein Leiden an der Tuberkulose und seine Reisen durch Europa. Das bewusste Streben nach dem eigenen Glück als Motor des «Élan vital»?

 

In «Le mythe de Sisyphe» von 1942 entwickelte der Nobelpreisträger wohl am radikalsten seine Philosophie des Absurden. Seine zentrale Feststellung als Einstieg: «Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht» und sein Schluss: «Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.» Vielleicht ist Camus der Erste, der nicht bloss die Arbeit und Qual, den Stein immer wieder auf den Berg tragen zu müssen, beschrieben hat, sondern diesen Träger porträtiert und uns den «glücklichen Menschen» als Wegweiser vorgeschlagen hat.

 

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Vielleicht kann uns das Bild des Sisyphos als glücklicher Mensch, also ein absurdes Glück, zu einer Antwort führen: für Fuki und für uns. Ob ich mich mit dem Versuch, den Film mit dem Mythos zu erklären, vom Ziel wegbewegt habe, weiss ich nicht, hoffe jedoch das Gegenteil, einen begehbaren Weg dahin gefunden zu haben.

Vielleicht ist «Renoir» fasst man die zahllosen offensichtlichen und geheimnisvollen Entdeckungen während des Filmes zusammen wirklich die menschenfreundliche und dennoch schonungslos ehrliche Einführung in das Leben der endgültigen Einsamkeit.

Texte zu Chie Hayakawa und Renoir

 Regie: Chie Hayakawa, Produktion: 2025, Länge: 119 min, Verleih: Xenix