Solomamma
Edith und Sigurd
Einleitung der Regisseurin Janicke Askevold
Der Wunsch nach Kindern und einer Familie ist ein Traum, den viele Menschen teilen. «Solomamma» beleuchtet die Komplexität des Alleinerziehendseins, die ethischen Dilemmata und emotionalen Konflikte, mit denen Frauen wie Edith konfrontiert sind, die Gefühle für den leiblichen Vater ihres Sohnes entwickelt, ohne ihre wahre Identität preiszugeben. Der Film taucht tief in den inneren Konflikt ein, ihre Wünsche, gesellschaftlichen Erwartungen und ihre Rolle als Mutter in Einklang zu bringen, und zeigt eine Reise der Selbstfindung. «Solomamma» beleuchtet das Leben als alleinerziehende Mutter anhand einer Frau, die ihre Identität vor dem Vater ihres Sohnes verbirgt. Hin- und hergerissen zwischen Sehnsucht, Pflicht und Identität, navigiert sie auf einer zutiefst persönlichen Reise durch Liebe, Ethik und Mutterschaft.
Zum Hintergrund
In Norwegen wurde vor fünf Jahren die Mutterschaft durch Befruchtung durch eine Gesetzesänderung legal, kostenlos und in öffentlichen Krankenhäusern zugänglich gemacht. In anderen Ländern wie zum Beispiel Italien, ist dies nach wie vor illegal, und die Einstellungen dazu gehen weit auseinander. In der Schweiz ist sie seit 2001 unter bestimmten Bedingungen erlaubt.
Premiere feierte «Solomamma» 2025 am Locarno Film Festival, wo er mit dem Preis der ökumenischen Jury ausgezeichnet wurde.

Nils und Edith
Die Beziehungen beginnen sich zu entwickeln und verwickeln
In der Einleitungssequenz bezeichnet sich der Samenspender als grosszügig, weil ihm die Vorstellung gefällt, «dass irgendwo da draussen ein Teil von mir ist.» Gleich danach folgt eine Szene aus dem Alltag der alleinerziehenden Edith, von Anfang bis Schluss grossartig gespielt von Lisa Loven Kongsli. Auf den Punkt gebracht mit der unschuldigen Frage ihres fünfjährigen Sigurd: Warum ihn immer die Mutter von der Schule abhole, ob Papa tot sei oder im Gefängnis? Ediths Antwort: Als ich dich haben wollte, war grad kein Papa verfügbar und ich ging ins Spital.
Andere Solo-Mammas haben sich zu einer unternehmungslustigen, sich gegenseitig unterstützenden Gemeinschaft zusammengeschlossen. Trina, von Trude-Sofie Olavsrud Anthonsen differenziert und wandelbar performt ihre Freundin, Mutter von Amanda, der Freundin von Sigurd, stellt fest, dass Edith nie erzählt habe, was sie über den Spender wisse. Von ihr, die für ihre Tochter den gleichen Samenspender hatte wie Edith, erhält sie den heissen Tipp: Auf der Audiodatei des Spenders finde sie unter «Inuus 24897» Auskünfte über ihn, die sie im Internet vertieft. Er heisst Nils Krohn, präzise und kontrolliert von Herbert Nordrum gespielt. Um näher an ihn zu kommen, wendet sie sich direkt an diesen, einen landesweit bekannten Gameentwickler, indem sie ein Interview mit ihm für ihre Zeitung machen will.
Unsere Solo Mamma lebt mit Sigurd bei ihrer Mutter Dorte, die an beginnender Demenz leidet, zu deren verstorbenem Mann die Tochter nie ein gutes Verhältnis hatte. Edith trifft Nils, dessen Tochter Molly und beiläufig seine Frau mit dem zweiten Kind. Der Geschäftsmann und Informatiker gibt Auskunft, er berate sein eigenes Team, helfe anderen für ein gutes Leben und habe die Absicht, dass es irgendwo draussen einen Teil von ihm gebe. Ihre Neugier wird geweckt, sie will mehr erfahren.
Allmählich bündeln sich die Beziehungsstränge aus der Audiodatei, dem Internet und dem Besuch bei Nils. Schon bald treffen sie sich bei einem Fest, gehen zu ihr nach Hause, tanzen, tauschen ihre Kleider. Er bekommt von ihr ein Tattoo und sagt ihr, dass die beiden Kinder nicht seine leiblichen seien. Edith aber erzählt Nils weiterhin, dass der Vater von Sigurd in New York als Maler lebe. Als sie nach der gemeinsamen Nacht Morgenbrötchen holt, entdeckt er auf ihrem Laptop sein Statement und findet ein Foto des kleinen Jungen, der ihm als Kind gleicht, und folgert, dass er wohl sein Vater sei. Er löscht die Datei über sich auf dem Laptop, bevor überraschend Trina mit den Kindern hereinplatzt, doch dezent wieder verschwindet.

Amanda, Edith, Sigurd, Trina
In den Tiefen des Schlusses verwoben und vernetzt
Der für die Deutung entscheidende mehrteilige und mehrschichtige Schluss entwickelt sich, dies eine leise Kritik, stark wortlastig, wenig dem Spiel der Akteure vertrauend. Deshalb ist ein sehr genaues Hinhorchen verlangt. ‒ Die folgenden Notizen aus dem Ablaufprotokoll können dabei vielleicht helfen.
· Edith: Möchten Sie dem Kind, das aus Ihrer Samenspende entstanden ist, etwas sagen?
· Trina: Ich will für das nächste Kind keine der beiden Spender. Sie sind mir zu real geworden.
· Edith: Du bist nicht meine Freundin. Du bist die Mutter von Sigurds Freundin. Ich bin froh, dass wir dich haben. Ohne dich würde ich es nicht schaffen. Ich habe da draussen 10 000 weitere Geschwister.
· Tim zu Edith: Ich fühle mich hintergangen. Du hast mich in eine schwierige Situation gebracht. Du hast eine Grenze überschritten. Mir gegenüber. Edith: Ja, und es tut mir sehr leid.
· Nils: Was hast du dir davon erhofft? Ich dachte, ich würde meinen Sohn besser verstehen, wenn ich seinen Vater kenne.
· Dir war sicher klar, dass du früher oder später auffliegen würdest. Ich habe mich mitreissen lassen. Ich mochte dich. Ich war auch fasziniert von dir.
· Allein ein Kind zu haben, war mein Plan B.
· Ich möchte, dass Sigurd und ich uns kennenlernen. Wenn alles passt. Aber schlussendlich liegt es bei dir. Sigurd ist dein Sohn. Aber ...
· Wieso hast du gespendet? Es war ziemlich spontan. Es ging mir vielleicht nur darum, zu wissen, dass ein Teil von mir irgendwo da draussen ist.
· Wenn du deine Meinung änderst? Sigurd soll nicht das Gefühl haben, dass ihm etwas fehlt. Für ihn bist du irgendein netter Mann, der mir geholfen hat, ihn zu haben. Mehr nicht. Er soll entscheiden, ob er dich kennenlernen möchte, wenn er alt genug dafür ist. Ich hoffe, dass er es irgendwann will. Für dich war das mit dem Becher wahrscheinlich nichts. Aber mir bedeutet es alles.