Soudain

Hinein in den Garten der Freiheit: Der Film «Soudain» des japanischen Meisterregisseurs Ryusuke Hamaguchi erzählt von der französischen Heimleiterin Marie-Lou, deren Leben durch die Begegnung mit der japanischen Regisseurin Mari Morisaki nachhaltig geprägt wird. Sein Film wurde 2026 am Filmfestival von Cannes uraufgeführt und dort mit Preisen für die beiden Protagonistinnen belohnt, in Locarno in diesen Tagen nochmals für Virginie Efira. Ab 27. August im Kino
Soudain

 

Marie-Lou im «Garten der Freiheit»

Annäherung

Marie-Lou leitet ihr Altenheim in einem Pariser Vorort. Trotz Widerständen versucht sie, mit einer dem Menschen zugewandte Pflegemethode zu führen. Eines Tages macht sie die Bekanntschaft mit Mari, einer an Krebs erkrankten japanischen Theaterregisseurin. Dies verändert ihr Leben grundlegend. Eine gemeinsame Mission und die Liebe zur Sprache des je anderen Landes lassen zwischen den beiden Frauen, von Virginie Efira und Tao Okamoto gespielt, eine tiefe Verbundenheit entstehen. Diese prägt nicht nur ihre Weltsicht, sondern auch das Leben im Heim nachhaltig und lässt mit Empathie und Resilienz Hoffnung aufleben, gemeinsam Unmögliches möglich zu machen.

«Soudain» (Plötzlich) auf eine Frauenfreundschaft zu reduzieren, greift zu kurz. Der Film veranschaulicht das Pflegekonzept «Humanitude», das «Im Garten der Freiheit» eingeführt wird, als Kern jedes Umgangs mit Menschen, die nicht mehr bei Verstand sind, aber auch als Kern jedes Umgangs mit dem Personal und den Angehörigen ‒ wer ist denn wirklich bei Verstand? Und es ist ein berührendes Gleichnis für alles, was zwischen Menschen geschieht und geschehen kann ‒ betrifft also auch uns! Abgehandelt wird dies primär emotional in Bildern und im Spiel, sekundär in einem auf ihrer Ausbildung fussenden anthropologischen, psychologischen, politischen und philosophischen Diskurs, wie es ihn im Kino nur selten gibt ‒ im Gegensatz zum Buch, beispielsweise bei Erich Fromms «Über den Ungehorsam», das ich gerade weglege, um mich in den Film zu vertiefen. Oder bei «Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft» desselben Autors.

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Tomoki Kubodera und Marie-Lou in Paris

Aus einem Interview mit dem Regisseur

Eine Antwort von Ryusuke Hamaguchi aus einem Interview, das im Anhang, zusammen mit einem Interview mit Virginie Efira, integral folgt:

Wann wurde das Buch «When Life Suddenly Takes a Turn» für Sie zu einer Vorlage für einen Film?
2020 schlug mir die Produzentin Hiroko Matsuda vor, auf der Grundlage eines publizierten Briefwechsels zwischen Makiko Miyano und Maho Isono zu arbeiten, in dem es um Krankheit und die plötzliche Verschlechterung des Gesundheitszustands geht. Es handelt sich dabei um eine Konversation zwischen einer Philosophin und einer Anthropologin. Sie schreiben sich zehn Briefe. Die Philosophin leidet an Krebs, und etwa in der Mitte des Briefwechsels verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand. Hier verändern sich die Briefe; die Gedanken werden intensiver und tiefer. Es ist nun nicht mehr bloss ein intellektuelles Gespräch zwischen zwei Wissenschaftlerinnen; es entsteht eine echte menschliche Annäherung. Es handelt sich also um nicht-fiktionales Material. Die Lektüre berührte mich zutiefst.

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Goro Kiyomiya, Schauspieler im Théâtre 13, Vater von Tomoki Kubodera

Hamaguchis letzte Filme

Entschuldigen Sie bitte meine lange Einleitung. Doch vielleicht hilft sie, gut in den Film einzusteigen, ihn nicht bloss von aussen zu beschreiben, sondern die Handlung wirklich mitzuerleben. Es sind dies:

«Drive My Car», 2021, handelt von einer langen Fahrt zum eigenen Ich: Ein filmisches und menschliches Meisterwerk, welches in einer Theaterwelt das Leben als Mysterium feiert. Von seinen 179 Minuten ist keine Minute zu viel!

«Evil Does Not Exist», 2023, der radikale und geheimnisvolle Film ist die Symphonie eines Unterganges und eines Überganges, weil ein abstruses Luxuscampus-Projekt die soziale und ökologische Balance in einem japanischen Bergdorf gefährdet.

Im neuen 196-minütigen Film «Soudain» erreicht der 1978 in Tokyo geborene Regisseur eine Anmut und Grösse, wie ich sie im Kino nur selten erlebe, samt den langen, tiefgründigen Gesprächen über Fürsorge, Pflege und den Kapitalismus dahinter. Deren Wirkung auf den Einzelnen und die Gesellschaft ist nie bloss theoretische Abhandlungen, sondern immer existenzielle Offenbarung. Bei Hamaguchi geht es nie ums Erklären, sondern um Suchen, Zögern, Riskieren, Sich Öffnen, um die Anderen und die Welt neu wahrzunehmen und zu erkennen. Die Figuren offenbaren sich stets in Halbworten, Pausen und bei der Stille danach.

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Tao Okamoto und Virginie Efira, die Schauspielerinnen, aktuell in Tokyo

Persönliche Entdeckungen, Erfahrungen, Einsichten und Erkenntnisse ‒ in Stichworten

Humanitude: Französisches Pflegekonzept, das auf Zuwendung und Zuhören fusst, unter steter Wahrung der Würde der Bewohner:innen. Diese Idee und Praxis betrifft das Alter und das ganze Leben.

Normal oder lebendig: Aus der Nähe ist niemand normal, Wer ist wirklich lebendig? Sind gesunde Menschen lebendig? So und ähnlich lauten Botschaften und Fragen von Goro Kiyomiya vom Théâtre 13.

Zufällig hört der Pfleger Djibril bei einem Gespräch der zwei Frauen das Wort Krieg, was bei ihm ankommt als eine Ursache, dass der Kriege wegen überall Geld fehlt für eine umfassende, menschengemässe Pflege.

In einem langen Diskurs erklärt Tao den Grund des Geburtenrückgangs im Kapitalismus und entwickelt dazu einen philosophischen, anthropologischen und politischen Über- und Unterbau, der Nachdenken erfordert.

Das Sterben in Zeitlupe: Wie die Japanerin ihren Krebstod stirbt, und Marie-Lou sie begleitet, ist allein schon das Mysterium eines menschenwürdigen finalen Lebensabschnittes, wie er nur sehr selten gezeigt wird.

Theater als bevorzugtes Medium des Filmemachers Ryusuke Hamaguchi, das in seinem neuesten Film geradezu theatertherapeutische Dimensionen für die Theorie und die Praxis bekommt.

Dieser Film erzählt und feiert ein eindrückliches grosses Welttheater, erarbeitet gleichzeitig Schritt um Schritt das System hinter allem, in einer klugen, differenzierten Kapitalismuskritik.

Immer wieder stellt der Film die Frage nach dem Du, gegenseitig, also auch nach dem Ich. Vielleicht ein neuer Weg zu dem, was schon Martin Buber eindrücklich beschrieben und vertreten hat.

Die Philosophin Mari zeigt in ihrer Arbeit als Theaterregisseurin, dass es gilt, «Philosophie zu leben, nicht nur zu denken», womit sich Praxis und Theorie treffen und so im Alltag zum Tragen kommen.

Zwei Sprachen, zwei Kulturen: Dass «Soudain» eine Französin und eine Japanerin bestreiten, ist nicht nur produktionell begründet, sondern der zwei Welten wegen, die sich hier zu einer einen grossen vereinen.

Zufall und Risikos: Diese bohrende, meist verdrängte Frage umfasst die Gespräche und umfasst das ganze Leben von der Geburt bis zum Tod, nicht nur in Heimen für Alte, Behinderte, Sterbende.

Mit dem Theater, das hier vieles in Bewegung setzt, verweist der Film auf die Antipsychiatrie und den Psychiater Franco Basaglia, der im Geiste der 68er die «Irrenanstalten» öffnete und so Humanitude vorbereitete.

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Djibril, Marie-Lou mit Simone Duris

Dank

In jedem Detail dieses schönen und tiefen Filmes scheint die Hoffnung durch, dass das Unmögliche möglich wird, in Szene gesetzt durch ein grossartiges Team hinter und vor der Kamera, das meinen grossen Dank verdient. ‒ Und aus dieser Stimmung heraus nehme ich nun mein Buch von Erich Fromm über den Ungehorsam wieder zur Hand und suche weiter...

Interview mit Ryusuke Hamaguchi
Interview mit Virginie Efira

Regie: Ryusuke Hamaguchi, Produktion: 2026, Länge: 196 min, Verleih: Frenetic Film