Silent Friend
Der Ginkgobaum als Hauptdarsteller
2020 hat ein Neurowissenschaftler in Hongkong die kognitive Entwicklung eines Babys erforscht. 1972 erfährt ein junger Student beim konzentrierten Beobachten einer Geranie einen Wandel. 1908 wurde die erste Studentin der von Männern dominierten Universität immatrikuliert und entdeckt ihre Leidenschaft für Fotografie und damit verborgene Muster des Universums.
Nach zahlreichen kurzen und langen Filmen präsentiert die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi mit «Silent Friend» ein poetisches Werk, in dem sie die Beziehung zwischen Pflanzen und Menschen als Gleichnis für die universelle Sehnsucht nach Verbundenheit feiert. In den Versuchen der Protagonist:innen, sich mit der Natur zu verbinden, entfaltet sich die Geschichte. In Venedig wurden der Film mit dem Preis der Internationalen Filmkritik und Luna Wedler für ihre Rollen als beste junge Entdeckung geehrt. Frühere Filme von Enyedi, so «The Story of My Wife» und «On Body and Soul» dienen schon beim Lesen der Besprechungen als Einstieg in das vielleicht noch fremde, doch bewusstseinserweiternde Universum der Ungarin.
Ildikó Enyedi führt uns ein in ihren Film
Meine Absicht war es, Fragen aufzuwerfen und bestimmte, für mich spannende Themen zur weiteren Erforschung in den Fokus zu rücken. Diese haben viel mit meinem persönlichen Werdegang zu tun: Ich war in den 70er Jahren ein Teenager und verbrachte zwei bedeutende Jahre in Frankreich an der Universität Paul Valéry in Montpellier, wo ich als Gymnasiastin aus dem Ostblock eine Sondergenehmigung erhalten hatte. Sie können sich vorstellen, wie prägend es für eine 16- bis 17-Jährige war, Teil dieses pulsierenden, intensiven Universitätslebens nach 1968 zu sein. Es war eine Zeit der Neugierde und der Offenheit gegenüber vielen Themen, während damals auch die erste grosse Welle von Experimenten zur Kommunikation mit Pflanzen begann. Das war für mich äusserst spannend. Die Grundhaltung von einst hat bis heute Bestand. Es ist bezeichnend, dass ich mich in jener Zeit, wo so viele Dinge hinterfragt und neu erfunden wurden, nicht für politischen Aktivismus, sondern die Neugierde gegenüber anderen Lebensformen entschieden habe.
Der Film «Silent Friend» spielt in drei Epochen, drei Protagonisten unterschiedlichen Alters stehen im Zentrum. Die drei verschiedenen Momente in den letzten hundert Jahren zeigen, wie sehr und wie schnell sich unser scheinbar unerschütterlich solides Realitätsempfinden verändert. Es wird nicht nur durch unsere Sinne definiert, sondern ist auch ein kulturelles Konstrukt und als solches vergänglich. Unsere Helden wandeln auf denselben Wegen durch denselben Garten, betreten die Gebäude desselben Campus, aber jede und jeder von ihnen nimmt dabei eine andere Welt wahr. Wenn sie versuchen, sich mit dem Ginkgobaum und den Pflanzen um sie herum zu verbinden, entdecken sie nicht nur verschiedene Pflanzen, sondern auch sich selbst. ‒ Das Ganze Interview mit Ildikó Enyedi findet sich im Anhang.
Die Figuren, Kapitel, Themen
Tony
Der erfahrene Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung Chiu-wai) untersucht in Hongkong die Gehirnströme von Säuglingen und wird als Gastprofessor an die Philipps-Universität eingeladen. Sein Unterricht wird jäh von der Corona-Pandemie beendet, weshalb er sein Forschen, vom Hausmeister skeptisch beäugt, auf den Ginkgo Biloba verlegt. Zur gleichen Zeit tritt auch Dr. Alice Sauvage (Léa Seydoux) auf, eine weltbekannte Botanikerin, die gemeinsam mit dem Neurobiologen die geheimnisvollen Verbindungen zwischen Mensch und Pflanze, insbesondere dem Ginkgo, untersucht.
Luna
Gut ein Jahrhundert früher wurde Grete (die Schweizerin Luna Wedler) am selben Ort als erste Frau, sich gescheit dem frauen- und sexualfeindlichen Klima der Wilhelminischen Ära widersetzend, zum Biologiestudium zugelassen. Um sich den Lebensunterhalt zu verdienen, geht die kluge Studentin bei einem Fotografen in die Lehre, der ihr den Weg zeigt, die Wirklichkeit mit anderen Augen zu betrachten. Ihre Körperlichkeit erlebt sie mit Yoga und Tanzen, und mit ihrer Rolle erweitert sie den Zeitrahmen des mehrfach gesplitteten Films.

Hannes
Anfang der 1970er Jahre verliebt sich der zuerst noch etwas ziellose, konventionell aufgewachsene Studienanfänger Hannes (Enzo Brumm), ein Aussenseiter, in seine Mitbewohnerin Gundula und setzt in den Semesterferien aufopferungsvoll deren Experimente mit einer empfindsamen Geranie fort. Zu den zahlreichen Wundern des Films gehört auch diese, parallel zur 68-er Bewegung sich entwickelnde Episode um das Schicksal einer auf der Fensterbank platzierten Blume, die sich von ihm erschrecken lässt und ihm Türen öffnet.
Annäherungsversuche
In «Silent Friend» begegnen Menschen Pflanzen, vor allem einem Baum, hinter den sie sich verstecken, auf dessen Äste sie klettern und in dessen Wurzelwerk sie tauchen, das den menschlichen und tierischen Nervensystemen ähnelt. Mit plumper Vermenschlichung ist das nicht zu verwechseln. Enyedi ist nicht daran gelegen, der Natur ihr Geheimnis auszutreiben, sie erkundet mit der Kamera neugierig die Strukturen der Pflanzen, die Gesichter der Darstellerinnen und Darsteller und die Gassen der Stadt.
Jede Episode mündet in unerwartete Erkenntnisse, bei denen die grosse Stilistin und Philosophin gar nicht darauf erpicht ist, jede Erzählebene auszuerzählen. Diese switchen zwischen gefühlten tausend Bildern und hundert Szenen samt Goethe und Rilke im Hintergrund assoziativ weiter und weiter. Der Kameramann Gergely Pálos scheidet die unterschiedlichen Szenen mit verschiedenen Aufnahmeverfahren voneinander: HD für die Gegenwart, monochromer 35-mm-Film zum Beginn des 20. Jahrhunderts und körnigen 16-mm-Farbfilm für die 70er-Jahre.
Diese Erzählungen umfassen die Botanik und Biologie, die Landschaften und Menschen, bis leise, zarte Formen von Kommunikation entstehen. Das Alltägliche wird ungewöhnlich, das scheinbar Nebensächliche zentral. Die Wissenschaft, nicht in ihrer nüchternen, messenden Form, sondern als kindliche Lust am Entdecken, drängt die Handlung voran. Der Film feiert die Forschung als Poesie, die nicht alle Antworten kennt, sondern immer neue Fragen stellt. Dass Pflanzen uns letztlich fremd bleiben, dass wir nie wissen, «wie es ist, ein Baum zu sein», wird nicht als Scheitern verstanden, sondern als Chance, und wir erkennen uns in unserer Begrenztheit, unsere Würde: Errare humanum est.
Mit zweieinhalb Stunden Laufzeit bietet der Film-Essay keine leichte Kost. Manche Episoden enden abrupt, bleiben gelegentlich ohne klare Auflösung. Aber auch das entspricht der Haltung der Cineastin: Auch das Leben kennt selten perfekte Schlüsse. Am Ende bleibt das Gefühl, ein Stück Weg mit den Personen des Films gegangen zu sein. Für manche mag das ermüden, für andere wird es vielleicht das poetischste Werk des Kinojahres, verbunden mit der Einladung zum Innehalten in einer Welt, die sich immer schneller dreht.
Enyedi hat keinen politischen Film gedreht, sondern Rückzugsräume geschaffen, wo Fragen nach Zugehörigkeit und Verbundenheit gestellt werden. Dass dies gerade jetzt, in Zeiten der Unsicherheit, eine besondere Wirkung entfaltet, dürfte Absicht sein. «Stille Freunde» ist mehr als nur ein Film über die Natur, ist ein Film über unser Menschsein, über unsere Fragilität und Sehnsucht, mit dem Blick auf den Baum des Lebens, der vielleicht nachwirkt, wenn wir unseren nächsten Waldspaziergang machen.