Tristan Forever

Eine Odyssee ans Ende der Welt: Jahre lang pflegte ein Arzt aus Paris Freundschaften mit Bewohnern von Tristan da Cunha, der abgelegensten bewohnten Insel. Nun reist er mit dem Plan ab, für immer dort zu bleiben. Mit ihrem stillen und dennoch radikalen Film «Tristan Forever» führen uns der Schweizer Filmer Tobias Nölle und der Franzose Loran Bonnardot an einen utopischen und dennoch realen Ort hinter den Horizonten. Ab 17. September im Kino
Tristan  Forever

 

 

Die Zeit steht still auf Tristan da Cunha. Die Insel liegt mitten im Südatlantik. Über die Jahre hat Loran Bonnardot hier immer wieder Zuflucht gefunden und die Bevölkerung wurde zu seiner zweiten Familie. Jetzt hat er sich vorgenommen, definitiv dort zu bleiben. Dafür wartet er auf die Zustimmung des Inselrates. Doch je näher er seinem Ziel kommt, desto mehr verschwimmt für ihn die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit.

 

Seit dreissig Jahren besucht der Arzt aus Pariser Tristan da Cunha, die isolierteste bewohnte Insel der Erde. Die vulkanische Insel wurde zu Lorans Zuflucht, ihre Bewohner zu seiner Wahlfamilie. Jetzt mit 50 reist er nochmals, diesmal mit der Absicht zu bleiben: Er will einer der 230 Inselbewohner werden.

 

Statement von Tobias Nölle

 

Als mir Loran Bonnardot von seiner 30-jährigen Beziehung mit der Insel erzählte, war ich sofort gebannt: Was treibt einen Arzt aus Paris dazu, sich einer Gemeinschaft am Ende der Welt anzuschliessen? Was bewegt diese Inselbewohner an, so abgeschieden zu leben? Ich sah in Loran einen Ausgestossenen unserer hyperkompetitiven Gesellschaft, der nach Authentizität und Nächstenliebe sucht, die wir verloren haben: eine universelle Sehnsucht, die ich in ein filmisches Erlebnis verwandeln wollte. Loran wurde zum Protagonisten einer inneren Suche nach Zugehörigkeit und zum emotionalen Kern des Films. Als ich erfuhr, wie die Tristanier nach einem Vulkanausbruch im Jahr 1961 nach England evakuiert wurden, aber nach zwei Jahren von der modernen Welt wieder auf die alte zurückkehrten, sah ich erstaunliche Parallelen zwischen Loran und den Inselbewohnern: eine Spiegelung, die Fragen über Selbstbestimmung und Freiheit aufwirft.

 

Wer ist Tobias Nölle? Er studierte Film an der School of Visual Arts in New York. Sein Kurzfilm «René» (2007) gewann u.a. den Goldenen Leoparden in Locarno, sein Spielfilmdebüt «Aloys» (2016) u.a. den FIPRESCI-Preis an der Berlinale. Er lebt und arbeitet in Zürich und Berlin.

 

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Aus einem Interview mit Tobias Nölle (integral im Anhang)

 

Was hat die Geschichte von «Tristan Forever» inspiriert?

 

Als ich Loran Bonnardot kennenlernte und er mir von seiner Beziehung zu Tristan da Cunha erzählte, war ich fasziniert von der unglaublichen Fernbeziehung, die er seit 30 Jahren pflegte. Was ist das für ein Ort und was für eine Gemeinschaft? Könnte es sein, dass die Insel sowas wie die letzte Utopie ist? Sowohl Neugierde als auch Abenteuerlust fesselten mich. Er hegte schon lange den Wunsch, einen Film über seinen Zufluchtsort zu machen und suchte nach einem Regisseur. Wir beschlossen, dass ich ihn mit meiner Kamera begleiten würde. Auch er frage sich manchmal, ob Tristan wirklich existiere oder nur eine Erfindung seiner Fantasie sei. Wir einigten uns deshalb, Dokumentation und Fiktion so zu verweben, dass sich dieses Gefühl der Ambivalenz überträgt. Während dem Dreh fühlte ich mich auch selbst in einer Zwischenwelt: mitten im endlosen Atlantik, auf der winzigen Insel, gestrandet zwischen Traum und Wirklichkeit.

 

In der Einsamkeit des Protagonisten stecken Humor und Melancholie. Wie hast du dafür die Balance gefunden?

 

Die Welt ist traurig und bedrückend, aber auch lustig, wahnsinnig schön und voller Wunder. Beides existiert nebeneinander. Beim Drehen versuchte ich, diese Dualität einzufangen. Loran und seine Beziehung zu Tristan verkörpern in meinen Augen ebenfalls diese beiden Aspekte. Er ist ein ewig Reisender, auch Getriebener, ein Mensch voller Staunen und Begeisterung, der in Tristan einen utopischen Zufluchtsort gefunden hat. Gleichzeitig hat seine Suche etwas Tragisches, ja Existentialistisches. Das Paradies zu erreichen, kann zu einer einsamen Erfahrung werden.

 

Ich kann Lorans Fernweh nachempfinden. Es war mir eine fast physische Erleichterung, als ich in Kapstadt auf das Schiff stieg, um unserer von Krisen zerrütteten Realität zu entfliehen. Gleichzeitig wird man in dieser Abgeschiedenheit viel stärker mit sich selbst konfrontiert. Das kann dunkle Gefühle hervorrufen. Die Tristanier kennen diese Gefühle weniger, sie sind dort geboren. Tristan ist ein einsamer und rauer, aber auch ein sanfter, humorvoller und glücklicher Ort, voller menschlicher Wärme. Diese Ambivalenz wollte ich spürbar machen.

 

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Aus einem Interview mit dem Co-Regisseur Loran Bonnardot (integral im Anhang)

 

Was hat dich vor 30 Jahren auf die Insel geführt und was bewegt dich, immer wieder zurückzukehren?

 

Vor 30 Jahren spürte ich ein starkes Verlangen, eine innere Notwendigkeit, wegzugehen – möglichst weit weg. Zu dieser Zeit arbeitete ich an einem Fotoprojekt und suchte nach einer isolierten Gemeinschaft, die vom Tourismus weitgehend unberührt geblieben war. So stiess ich auf Tristan da Cunha. Mein erster Eindruck war überwältigend. Nach knapp zwei Wochen Fahrt auf dem Schiff war ich völlig erschöpft. Als ich ankam, war die ganze Gemeinschaft am Hafen versammelt. Die Familien erwarteten mich mit strahlenden Gesichtern und einer unglaublichen Herzlichkeit. Ich spürte, dass ich an einem aussergewöhnlichen Ort angekommen bin. Ich habe auf Tristan enge Beziehungen geknüpft und fühle mich mit der Gemeinschaft bis heute tief verbunden. Dies ist auch der Grund, weshalb ich seither immer wieder auf die Insel zurückkehre.

 

Wie würdest du deine Beziehung zur Insel und zu den Menschen dort beschreiben?

 

Es ist eine zutiefst familiäre Beziehung, ich habe dort eine zweite Familie gefunden. Durch die engen Bindungen, die entstanden sind, und all die gemeinsamen Erlebnisse bin ich Teil dieser Community geworden. Ein entscheidender Moment war, als ich Pate von Rachel wurde, der zweiten Tochter von Martin und Iris. Von diesem Augenblick an vertiefte sich meine Verbindung persönlicher und intimer. Später nahm ich immer mehr an ihrem Alltag teil, unterstützte sie bei medizinischen Notfällen und der Gesundheitsversorgung vor Ort. So durfte ich die Geburt von Connor, meinem zweiten Patenkind, miterleben.

 

Wer ist Loran Bonnardot? Ein französischer Arzt und Filmer, der in Paris und auf der ganzen Welt tätig ist. Der von ihm mitproduzierte Kurzfilm «37°4» wurde beim Filmfestival von Cannes mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet.

 

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Laudatio der Jury am Krakauer Filmfestival

 

Durch seine einzigartige filmische Vision und seine poetische, hybride Form beleuchtet dieser Film den inneren Konflikt zwischen einem Menschen und seinem imaginären Selbst und erforscht dabei die universelle Sehnsucht nach Heimat und Identität. Der Film, der die Grenzen des kreativen Dokumentarfilms erweitert, unternimmt – dank seiner Originalität, Sensibilität und emotionalen Tiefe – eine Reise durch die Zeit, um über die unerbittliche Ungeduld der menschlichen Natur angesichts gesellschaftlicher Erwartungen nachzudenken. Für diese herausragende künstlerische Leistung verleihen wir «Tristan Forever» das «Goldene Horn».

 

Jury-Laudatio am Filmkunstfest Schwerin

 

Wie zeigt man die Zwischenwelt von Magie und harter Realität? Wo findet man darin das Gleichgewicht? Die tiefe Sehnsucht nach Gemeinschaft in der Einsamkeit ‒ wie lassen sich Bilder für eine innere, sich aufzehrende Suche finden? Dieser Film bewegt sich zwischen Realität, Fiktion und Traum mit präzisen, poetischen Bildern von einem utopisch fernen Ort. Es sind filmische Gemälde, sensibel eingefangenes Licht zwischen Tag und Nacht, Innen und Aussen. Die Bildgestaltung besticht durch ihre mystische Atmosphäre und spürbare Haptik. Der Film stellt existentielle Fragen nach Zugehörigkeit und visualisiert inneren Zweifel: Gibt es diesen Ort der Sehnsucht oder ist alles nur ein Traum? Der Preis für die beste Bildgestaltung im Dokumentarfilm geht an Tobias Nölle für «Tristan Forever».

 

Persönliche Würdigung

 

Mit Loran Bonnardot als Loran, Martin Green als sein Freund und Glenda Rogers als seine Freundin, in Szene gesetzt von Tobias und Loran, realisiert mit der Kamera von Tobias, der Montage von Aurora Vögeli, der Musik von Michael Sauter, dem Ton von Oscar van Hoogevest und der Mischung von Jacques Kieffer ist «Tristan Forever» ein grossartiges, ein wunderbares Werk geworden, das uns menschenfreundlich und geheimnisvoll mitnimmt in andere Welten und eintauchen lässt in unser aller Bewusstsein, Denken und Fühlen, eingespannt in die aktuelle Welt, die so wunderbar und so grausam ist. Jedes Bild, jeder Ton, jede Bewegung beglückt und bereichert ‒ für das es für mich nur eine Antwort gibt: ein riesiges Dankeschön.

 

Interviews mit Tobias Nölle und Loran Bonnardot

Regie: Tobias Nölle und Loran Bonnardot, Produktion: 2026, Länge: 90 min, Verleih: Anderdog

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