Wenn die Erinnerung verblasst
Birgitta Martensson
Wie lebt man weiter, wenn man weiss, dass die eigenen Erinnerungen eines Tages verschwinden werden?
Der Demenz mit Würde begegnen: In ihrem Dokumentarfilm begleiten die Schweizer Filmemacherinnen die an Alzheimer erkrankte Birgitta Martensson während fast drei Jahren. Ihr Film ist das sensible und respektvolle Porträt einer starken Frau und ein informatives Dokument darüber, wie ein Mensch einer Krankheit begegnet, die ihm nach und nach die eigenen Erinnerungen nimmt.
Während 15 Jahren war Birgitta Martensson Geschäftsleiterin von «Alzheimer Schweiz». Mit 70 Jahren erhielt sie die Diagnose Alzheimer und wurde selbst Teil jener Geschichte, die sie beruflich begleitet hatte. Lange vor der Diagnose spürte sie erste Symptome, doch statt sich zurückzuziehen, spricht sie offen über ihre Erfahrung: mit Mut und einer Lebensfreude, die auch dort noch spürbar bleibt, wo das Gedächtnis bereits Lücken bekommt. Ihr Motto hiess weiter: «Das Leben ist schön.» Was viele verbergen, macht sie öffentlich! In Vorträgen oder zufälligen Begegnungen wiederholt sie: «Ich habe Alzheimer», bricht damit ein Tabu und macht deutlich, was ihr wichtig ist: «Menschen mit Demenz sind keine Opfer ihrer Krankheit, sondern Menschen, die mit Demenz leben.»

Die Diagnose des Neurologen
Birgitta Martensson ist schwedischer Herkunft, lebt in Lausanne, spricht mehrere Sprachen, ist unverheiratet und hat keine Kinder. Unabhängigkeit war immer zentral in ihrem Leben. Bis fast zum Schluss der Dreharbeiten lebte die alleinstehende 76-Jährige selbständig. Doch allmählich veränderte sich ihr Alltag: Namen gehen verloren, Gegenstände werden verlegt und Termine vergessen.
Marianne Pletscher und Martina Rieder begannen, sie zu begleitet. Der Film zeigt sie in alltäglichen Situationen: beim Kochen, Einkaufen oder beim Lösen eines Metrotickets mit der App ‒ Handlungen, die für die meisten selbstverständlich sind, für Menschen mit einer Demenzerkrankung jedoch zunehmend zur Herausforderung werden können. Noch begegnet sie Erinnerungslücken und Orientierungsschwierigkeiten mit Humor, lacht über Missgeschicke, nimmt Umwege in Kauf und bewahrt sich eine bewundernswerte Gelassenheit.
Doch mit dem Fortschreiten der Krankheit schleichen sich nach und nach auch Zweifel, Erschöpfung und Momente der Verunsicherung ein. Aus den hellen Farben des Alltags werden langsam Grautöne. Irgendwann stellt sie fest: «Alzheimer ist wirklich nicht lustig. Und was mache ich damit?» Darin verdichtet sich die ganze Wucht der Krankheit, mit der Erkenntnis, dass selbst der grösste Optimismus die Realität nicht aufhalten kann.

Mit der besten Freundin
Die Filmemacherinnen
Marianne Pletscher: Als ich Birgitta Martensson fragte, ob ich einen Dokumentarfilm über sie und ihr Leben mit Alzheimer drehen dürfe, war sie sofort begeistert. «C’est pour la cause», stellte sie fest. Drei Jahre lang haben Martina und ich sie begleitet. Wir wollten beobachten, wie sie, die genau weiss, was diese Krankheit bedeutet, damit lebt, wenn sie selbst betroffen ist. Wie lange kann sie selbstständig bleiben? Was verändert sich für sie? Was passiert mit Freundschaften? Und wie bewahrt sie ihre Selbstbestimmung, wenn ihr die Kontrolle über das eigene Denken und Handeln langsam entgleitet?

Eingebettet in der Natur
Martina Rieder: Beim Dreh konnten wir nie wissen, wie der Tag tatsächlich verlaufen wird. Brigitta war viele Jahre öffentlich aufgetreten und wusste genau, wie man spricht. Sie hatte ihre Sätze und Botschaften zum Umgang mit Alzheimer. Diese gehörten zu ihr und mussten selbstverständlich in den Film. Aber wir wollten auch die Momente einfangen, in denen sie nachdenklich wurde und ihre Kontrolle sie ein Stück weit verliess. Wir mussten warten, bis sich dieser Raum öffnete. Manchmal sassen wir stundenlang bei ihr, bis zum Beispiel aus der Wohnung von nebenan Musik zu ihr drang, sie sich darüber freute und begann, über ihren Alzheimer ihre Krankheit zu sprechen.

Als Referentin vor Publikum
Versuch einer Würdigung des Films «Wenn die Erinnerung verblasst» ‒ und ein Dankeschön
Jenseits der Fakten und Zahlen ‒ zum Beispiel, dass aktuell in der Schweiz 166 300 Menschen mit Alzheimer leben ‒ bietet uns dieser Film einen wertvollen Mehrwert, der eine Würdigung und ein grosses Dankeschön verdient.
* Der Film porträtiert Birgitta und macht mit dem Porträt eine Auslegeordnung über das, was Demenz resp. Alzheimer ist oder sein kann, nicht über das, was in den Büchern steht, sondern über das, was die hier vorgestellte höchst kompetente Frau an sich selbst erfahren hat: ihre persönlich erlebten und erlittenen Informationen.
* Die zwei Filmschaffenden bieten uns noch mehr, indem sie nah an die Menschen herangehen: an Birgitta, ihre beste Freundin, ihre ehemaligen Mitarbeiterinnen, ihre Familien in Schweden und in der Schweiz, wo weitere Frauen bereits im «Demenz-Land» leben, und lassen uns ihre Beziehungsnetze mit den feinsten Nuancen verfolgen.
* Das cineastische Können der beiden, unterstützt von Roland Widmers Musik und Anja Bombellis Montage, vermittelt uns neue Erkenntnisse und Erfahrungen: sinnliche und sinnige «Paysages d'âme», diskrete und dennoch klare Seelenlandschaften, festgemacht an Wohnräumen, Pflanzen, vor allem Landschaften und immer wieder Wolken.
* Gegen Ende wird der Film hektisch und dramatisch. Denn es folgen Sätze, Bilder, Klänge, die Antworten verlangen. Und nachdem Birgitta vor Kurzem noch meinte, «Es ist ein Geschenk, leben zu können», korrigiert sie jetzt, «Es ist Zeit.» Und zwischen den beiden Sätzen gibt es Bilder und Klänge, auf die es keine Antworten mehr gibt.
* Und wenn wir dem Film von Kapitel zu Kapitel, von Szene zu Szene gefolgt sind, die Geschichte bei uns angekommen ist, spürt man, dass er mehr bietet und bedeutet als schöne Seelenlandschaften: das Leben, das ganze Leben...

Paysages d'âme und mehr
Weitere Anmerkungen zum Film gibt es im Anhang: Chronist:innen einer unerbittlichen Krankheit
Besprechungen weiterer Filme zu den Themen Demenz und Alzheimer finden sich auf der Website der-andere-film.ch, wenn man mit den Stichworten nach Titeln sucht.