Frank & Louis
Frank und Louis
Die Insassen mit ihren Geschichten
Frank (Kingsley Ben-Adir), ein Mann in den Vierzigern, verbüsst eine lebenslange Haftstrafe mit Aussicht auf Bewährung. Um die brutale Realität des Gefängnisalltags zu ertragen, hat er sich emotional abgeschottet. Doch nachdem er in eine neue Einrichtung verlegt wird, schliesst er sich dort «Gold Coats» an, einem Programm, in dem Häftlinge andere, an Alzheimer oder Demenz erkrankte, Mitinsassen betreuen in der Hoffnung, durch dieses Engagement die Chancen auf seine Entlassung zu erhöhen. In der neuen Aufgabe unterstützt ihn die Psychologin Dr. Watts (Indira Varma) und besucht ihn seine Tochter Trish (Rosalind Eleazar). Die neue Arbeit fordert ihn heraus, doch Frank entwickelt eine unerwartete Beziehung zu seinem Patienten Louis Nelson (Rob Morgan), einem Mann, der einst für seine Macht und Autorität gefürchtet war. Ihn zu pflegen bringt Frank oft an seine körperlichen und emotionalen Grenzen, aber auch zu einer persönlichen Herausforderung und schliesslich Resilienz.
«Frank & Louis», der Film der Schweizer Regisseurin Petra Volpe («Heldin», «Die göttliche Ordnung», «Heidi» und weiteren Kino- und TV-Filme) feierte am renommierten Sundance Film Festival im Januar 2026 Weltpremiere und anlässlich des Locarno Film Festival auf der Piazza Grande Europapremiere, wo er den Publikumspreis gewann.

Frank im Team der «Gold Coats»
Die aktuell wohl erfolgreichste Schweizer Filmemacherin Petra Volpe nimmt uns mit «Frank & Louis» engagiert und einfühlsam in ein US-Gefängnis mit und lässt uns Anteil nehmen an diversen Gefangenenschicksalen, aber auch an berührenden Freundschaften und Augenblicken der Menschlichkeit. Doch ihr neuer Film ist mehr als ein konventioneller Gefängnisfilm. Er ist eine universelle Geschichte über Zärtlichkeit, Verletzlichkeit und Mitgefühl an einem erbarmungslosen Ort und stellt komplexe moralische Fragen, ohne einfache Antworten zu geben. ‒ Versuch einer Würdigung:
Neun Gefangene kommen mit einem Polizeitransporter im neuen Gefängnis an. Auch hier stehen ausbruchsichere Türen aus Eisen, zerstörungssichere Wände aus Gitter. Alles in kaltes Blau getaucht. Die Wege und Zeiten, Räume und Aufsichten bilden den Rahmen. Die Hausordnung und die Demenz bestimmen den Rhythmus. Und stets die Einsamkeit! Bis in die Nächte hinein, wenndie Bilder der Vergangenheit, der Jugend und der Verbrechen, auftauchen. ‒ Das Gefängnis wirkt, selbst wenn es vielleicht nicht so geplant war, für mich als der Raum, der das Leben der Gefangenen definiert, ihnen, vielleicht auch uns, Bedeutung und Sinn gibt.
Das Therapie-Projekt «Gold Coats» will das Leben der Gefangenen mit Alzheimer verbessern, da ihre Erinnerungen löchrig und verwirrt sind. Von Zeit zu Zeit werden sie kontrolliert und gezählt, werden zu Nummern. Doch schon die bescheidene Bastelarbeit, die Frank in der Zelle versucht, entführt ihn aus dem Alltag eine unbestimmte Zukunft ‒ und zu seinem Klienten Louis, dem er mit Respekt und Empathie zu begegnen versucht. Die Gefangenen in den gelben Vesten helfen, wo es nötig ist. So taucht gelegentlich Frank in die Träume von Louis ein und mit ihm in seine Rollenspiele.
Der Brief von Franks Schwester Trish an die Behörde bestärkt ihn, gibt ihm Mut, und er beginnt, ihr zu erzählen, dass er damals getötet habe, was er bisher geleugnet hatte. Jetzt bekennt er sich vor sich als schuldig und bereut. Nun kann er seinen gelben Veston wieder anziehen, den er nach der Absage der Justiz ausgezogen hatte. Aus diesem gegenseitigen Helfen entsteht tief innen ein neues, ehrliches Bewusstsein. ‒ Auch Louis spürt das und antwortet Frank mit «I love you, my son» und legt ihm die Hand auf den Kopf, vielleicht als eine Form von Absolution, bevor Frank ihm ein wunderbares Geschenk auf den Weg ins Hospiz mitgibt.
Louis lebt mit Demenz
Statement der Regisseurin und Drehbuchautorin Petra Volpe
«Vor zehn Jahren stiess meine Co-Autorin Esther Bernstorff auf die Geschichte der «Gold Coats»: Männer in der California Men’s Colony in San Luis Obispo, die sich um ältere Mitgefangene mit Demenz oder Alzheimer kümmern. Viele von ihnen verbüssen lange Haftstrafen, einige sind wegen Mordes verurteilt. Esther und ich waren damals auf der Suche nach einem neuen gemeinsamen Projekt. Als sie mir von den «Gold Coats» erzählte, hat mich die Geschichte sofort berührt. Inmitten einer Umgebung, die man vor allem mit Gewalt und Härte verbindet, entstand etwas Unerwartetes: Fürsorge, Nähe und Mitgefühl. Uns war schnell klar, dass darin eine tiefmenschliche und universelle Geschichte steckt.

Dr. Watts von «Golden Goats»
2014 reisten meine Kamerafrau Judith Kaufmann und ich zum ersten Mal in die California Men’s Colony, um die «Gold Coats» kennenzulernen. Die Begegnungen dort haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Damals wurde das Programm von vielen kritisch betrachtet. Es schien kaum vorstellbar, dass Männer mit schweren Straftaten die Verantwortung für pflegebedürftige Mitgefangene übernehmen könnten. Gleichzeitig war aber offensichtlich, wie positiv sich diese Arbeit auf alle Beteiligten auswirkte. Die Pflege gab den älteren Männern Unterstützung und Sicherheit, den Pflegenden wiederum Verantwortung, Anerkennung und ein Stück Selbstwert zurück.
Auf dem Weg ins Hospiz
2017 kehrten Judith und ich zurück, um das Drehbuch mit den «Gold Coats» zu besprechen. Ihre Rückmeldungen, ihre Erfahrungen und ihre Offenheit waren für uns von grossem Wert. Die Figuren in «Frank & Louis» sind stark von den Männern inspiriert, denen wir dort begegnet sind. Bis dieser Film realisiert werden konnte, vergingen viele Jahre. Mehr als einmal stand das Projekt auf der Kippe. Was uns, die Produzenten, das Team und mich, immer wieder motiviert hat, war die Überzeugung, dass diese Geschichte erzählt werden sollte. Und je länger wir daran arbeiteten, desto deutlicher wurde für uns ihre Aktualität. Menschen im Gefängnis werden oft auf ihre Tat reduziert. Besonders schwarze inhaftierte Männer sind mit starken Vorurteilen konfrontiert. Dabei sind Gefängnisse kein abgeschlossener Raum ausserhalb der Gesellschaft, sondern Teil von ihr.
Mit «Frank & Louis» wollten wir keine einfachen Antworten auf schwierige Fragen geben. Uns ging es darum, Menschen in ihrer Widersprüchlichkeit zu zeigen und den Blick auf eine Realität zu lenken, die selten sichtbar wird. Vor allem aber wollten wir eine Geschichte erzählen, die von Menschlichkeit handelt und davon, wie Würde selbst dort entstehen kann, wo man sie am wenigsten erwartet.»