For Sama

In der Hölle von Aleppo: Mit «For Sama» schufen Waad al-Kateab und Edward Watts ein erschütterndes Dokument des Lebens der Menschen im Syrienkrieg, das viele sehen sollten, doch vielleicht nicht alle ertragen. – Ab 3. Oktober im Kino
For Sama

Sama, das Mädchen von Waad und Hamza

Die Syrerin Waad al-Kateab hat die Belagerung und Verwüstung von Aleppo zwischen 2012 und 2016 durchlebt. Als die friedlichen Demonstrationen gegen das Regime von Bashar El-Assad einsetzten, war sie Studentin und begann, die Ereignisse in ihrem Umfeld zu filmen, zunächst die Begeisterung der freiheitsliebenden Jugendlichen, später die Niederschlagung der Demonstrierenden durch die Armee. Vom Januar 2013 an ändern sich die Bilder: Nun sind es Aufnahmen von Zivilisten, die massakriert und in den Fluss geworfen werden. Ihre Eltern flehen Waad an, Aleppo zu verlassen, doch sie bleibt, um sich, zusammen mit ihren Freunden, zu wehren und dafür zu kämpfen, dass ein Krankenhaus in Ost-Aleppo eingerichtet wird. Dort arbeit Hamza, ein engagierter Arzt, den sie schliesslich heiratet. Befreit von bewaffneten Rebellen, bleibt der Stadtteil unter Dauerbeschuss. Aleppo im Belagerungszustand! Hamzas und Waads Tochter Sama wird in dem Moment geboren, als das Bombardement des Regimes sich weiter intensiviert. «In was für ein Leben habe ich dich da geführt? Wirst du mir verzeihen?», fragt sich die junge Mutter mit dem Kind im Arm und inmitten des Tötens und Sterbens, in einer der zahlreichen Szenen, die einen tief berühren.

Sama plappert und trinkt aus der Flasche im Keller des Krankenhauses, wo die Bevölkerung während der Luftangriffe Zuflucht sucht. Angst und Freude wechseln sich ab. Sollen wir ausharren und bleiben, während Tausende fliehen? Die Familie bleibt, und Waad filmt mit dem Handy und einer kleinen Kamera, während Hunderte von Verwundeten ins Krankenhaus gebracht und unzählige Tote herausgetragen und Wasser und Essen knapp werden. Im Dezember 2016 kapitulieren die Rebellen und ein Abkommen ermöglicht die Evakuierung der letzten Zivilisten aus Aleppo. Die Stadt ist ein Ruinenfeld geworden, Sama, gerade ein Jahr alt, kann mit ihren Eltern das Land verlassen. – Der Dokumentarfilm «For Sama» ist ein aussergewöhnliches Zeugnis, das es nur gibt, weil eine junge, mutige Frau und Mutter ihre Kamera zum Dokumentieren des Überlebens und Sterbens verwendet hat.

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Waad als Bürgerjournalistin

Biografie der Regisseurin Waad al-Kateab

Januar 2016 begann Waad al-Kateab, die Schrecken von Aleppo für «Channel 4 News» mit dem Titel «Inside Aleppo» zu dokumentieren. Die Berichte über den Konflikt in Syrien und die humanitäre Krise in diesem Land wurden zu den meist gesehenen Sendungen im britischen Fernsehen, erhielten fast eine halbe Milliarde Zuschauer online und gewannen 24 Auszeichnungen, darunter den Internationalen Emmy 2016 für bahnbrechende Berichterstattung. Wie viele ihrer Landsleute wurde sie Bürgerjournalistin, entschlossen, die Schrecken des Krieges zu dokumentieren. Als auch sie und ihre Familie ins Exil fahren konnten, gelang es ihr, das gesamte Filmmaterial mitzunehmen. Heute lebt sie mit ihrem Mann und zwei Töchtern in London.

Aus einem Statement der Regisseurin

«Das ist nicht nur ein Film für mich – es ist mein Leben. Ich fing an, meine persönliche Geschichte ohne irgendeinen Plan festzuhalten, indem ich einfach die Proteste in Syrien mit meinem Handy filmte wie so viele andere Aktivisten. Ich hatte mir nie vorstellen könnten, wohin meine Reise mich durch diese Jahre führen wird. Die Mischung aus Emotionen, die wir erlebt haben – Glück, Verlust, Liebe – während der schrecklichen Verbrechen, die vom Assad-Regime an unschuldigen Menschen begangen wurden, waren unvorstellbar, selbst als wir sie überlebt hatten. Von Anfang an fühlte ich mich dazu hingezogen, Geschichten über das Leben und die Menschlichkeit festzuhalten, anstatt mich auf den Tod und die Zerstörung zu konzentrieren, welche die Nachrichten füllten. Und als Frau in einem konservativen Teil der Stadt hatte ich Zugang zu den Erfahrungen von Frauen und Kindern. Das erlaubte mir, den Alltag der gewöhnlichen Syrerinnen und Syrer zu zeigen, die versuchen, ein normales Leben inmitten des Freiheitskampfes zu führen. Gleichzeitig lebte ich mein eigenes Leben weiter. Ich heiratete und bekam ein Kind. Dabei befand ich mich parallel in vielen Rollen: als Mutter, Aktivistin, Journalistin, Filmemacherin. Diesen Film zu machen war fast so schwer wie die Jahre in Aleppo. Ich musste dabei alles immer wieder neu erleben.»

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Überleben im zerbombten Aleppo

Biografie des Co-Regisseurs Edward Watts

Edward Watts ist ein Emmy-prämierter Filmemacher, der über zwanzig Spiel- und Dokumentarfilme gedreht hat, welche wahre Geschichten von Mut, Heldentum und Humor aus der ganzen Welt erzählen: von Kriegsverbrechen im Kongo bis zum bunten Leben der Menschen in den Favelas von Rio de Janeiro. Sein Film «Escape from ISIS» von 2015 zeigt die brutale Behandlung der geschätzten 4 Millionen Frauen, die unter der Herrschaft des islamischen Staates leben. Der Film erhielt zahlreiche internationale Preise. Watts hat ein Auge für das Unerwartete: die Intimität, die selbst an den trostlosesten Orten zu finden ist, die Geschichten der Hoffnung inmitten des Schreckens. Er kreiert Filme auf einer starken Grundlage aus fesselnden narrativen Erzählungen und eindrucksvollen filmischen Bildern.

Aus einem Statement des Regisseur

«Dies ist der wichtigste Film, an dem ich je gearbeitet habe. Ich verfolge den syrischen Aufstand seit seinem Beginn und versuche, die Wahrheit über die Lügen und Propaganda hinaus zu vermitteln. Diese Wahrheit wird hier durch den Mut, die Ehrlichkeit und den Altruismus von Waad, Hamza und Sama verkörpert. Es sind aussergewöhnliche Menschen. In meinen Dokumentationen habe ich immer versucht, den Humor und die Menschlichkeit hervorzuheben, die wir mit Menschen teilen, die in verzweifelten Situationen leben. Es war mir eine Ehre und ein Privileg, diesen Film mit ihr realisieren zu können.»

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Das Film- und Ärzteteam im Notspital

Besuch in der Hölle von Aleppo

Der grossartig montierte und vertonte und menschlich tief berührende Dokumentarspielfilm «For Sama» – einerseits Thriller, anderseits Elegie – schildert die Brutalität, mit welcher der syrische Machthaber und seine Verbündeten das Volk massakriert. In Szenen, die wehtun, fast nicht auszuhalten sind, jedoch ergänzt werden durch Momente der Lebenslust und Freude, die überraschen und berühren, weil selbst in dieser Hölle von Aleppo immer wieder Hoffnung, der «Élan vital» durchschimmert. Den folgenden Presseurteilen möchte ich vollumfänglich zustimmen: «Was Krieg bedeutet», schreibt der «Perltaucher», «ist schon oft erzählt worden, aber bei al-Kateab muss sich der Zuschauer vorstellen, wie es wäre, wenn es ihn selber träfe.» Und: «Es gab ganz einfach noch keinen Film wie diesen», meint die «Times», «das ist einer der wichtigsten Filme, den Sie je sehen werden in Ihrem Leben.»

Regie: Waad al-Kateab und Edward Watts, Produktion: 2019, Länge: 95 min, Verleih: trigonfilm