Bauernkrieg
Von der Ballade zum Krieg und weiter: 1998 hat Erich Langjahr zum 150. Geburtstag der modernen Schweiz, als zweiten Teil einer Trilogie, den Dokumentarfilm «Bauernkrieg» realisiert, 2025 kommt dieser, restauriert und digitalisiert, als Reprise in die Kinos. Der Film war damals eine engagierte filmische Auseinandersetzung mit dem GATT-Beitritt der Schweiz und hat heute nichts von seiner Aktualität verloren. Ab 20. Januar 2026 im Kino.
Erich Langjahr wurde 1944 in meiner Heimatgemeinde Baar geboren, besuchte nach Aus- und Weiterbildungen 1973/74 die Vorlesungen «Nonverbale Kommunikation im Film» von Walter Marti und Reni Mertens und arbeitete anschliessend mit ihnen zusammen. 1994 gründete er zusammen mit seiner Frau Silvia Haselbeck die Langjahr GmbH. Neben einem Dutzend Kurzfilmen hat er bisher ebenso viele abendfüllende Dokumentarfilme geschaffen, für die er zahlreiche nationale und internationale Preise erhalten hat.
Bauerndemonstration, Luzern 1992
Meine Besprechung des Films in der «Zeitlupe» 10/1998
In einer Zeit, wo nur noch Geld und Rendite zählen, wo der Shareholder Value zum Mass aller Dinge wird, haben es die Bauern schwer. Moderne Dienstleistungsbetriebe drängen sie zurück in kaum mehr zu bewirtschaftende Gebiete. Wer dem Druck standhalten will, muss seinen Betrieb umstellen, darf nicht mehr Landschaftsgärtner und Tierpfleger sein, muss Wirtschaftsstratege werden.

Die Kuh als Teil der Maschine
«Bauernkrieg» ist nach der erfolgreichen «Sennen-Ballade» des Schweizer Dokumentaristen Erich Langjahr der zweite Film einer Bauern-Trilogie. Ging es im ersten Teil um die Identität der Bauern, steht im zweiten ihr Überleben im Zentrum. An Beispielen in Perlen, Emmen und Turgi werden Schicksale aufgezeigt, die für viele andere stehen. Pächter verlieren ihre Höfe, weil die Besitzer höheren Gewinne anstreben. Das Land wird zur Handelsware, der Bauer überflüssig.
Elite Züchtung für den Markt
Weiter widmet sich der Film der zunehmenden Diskrepanz zwischen Tradition und Moderne: Hier der Zuger Stiermarkt, dort der Spermatransfer mittels künstlicher Besamung; hier die Hausschlachtung, dort die industrialisierte Massenentsorgung von Tierkadavern.
Umrahmt wird der Film von lautstarken Bauernprotesten. Die Demonstrationen 1992 in Luzern und 1969 in Bern, wo es zu Eskalationen und Tränengaseinsätzen kam, werden zu lodernden Zeichen eines bedrohten Standes. Langjahr verzichtet auf Statistiken, Experten und Kommentaren, seine Bilder (Kamerafrau war seine Lebenspartnerin Silvia Haselbeck) sprechen für sich. Gezeigt wird der Überlebenskampf eines vom Aussterben bedrohten Berufsstandes. Ausgedrückt wird die Wut, Ohnmacht und Trauer vieler Bauern. Geschrieben wird eine ebenso sensible wie schockierende Chronik einer Zeit, in welcher Profite wichtiger sind als Menschen.

Vom toten Tier zum Fleischmehl
Weitere Filme von Erich Langjahr, die hier schon besprochen wurden
Allein schon die folgenden Filme des Regisseur verweisen auf sein kluges und vernetztes Denken und seinen breiten Horizont als Filmemacher: So «Sennen-Ballade» von 1996, «Hirtenreise ins dritte Jahrtausend» von 2002, «Mein erster Berg» von 2012 und «Die Tabubrecherin» von 2024.

Erich Langjahr und Silvia Haselbeck
Der Film und wir
«Bauernkrieg» enthält auch für die aktuellen Fragen rund um die Bauern und den Bauernstand kritische und konstruktive Anmerkungen, die weit über die Schweiz hinaus zielen und das Leben und Überleben der Bauern betreffen, aber auch das Wohlergehen der Tiere und den Fortbestand der Biodiversität. Der Film meint das grosse Zusammenleben, die Ökologie, die Wissenschaft der Wechselwirkungen zwischen den Lebewesen und ihrer Umwelt, heruntergebrochen auf unsere kleine Schweiz. Langjahr ist nie belehrend, sondern motiviert oder provoziert zum eigenen Denken ‒ für jene, die genau hinschauen, zum Weiterdenken, weit über den Film hinaus.

Bauerndemonstration, Bern 1969, © filmbulletin
Probleme und Herausforderungen der Schweizer Bauern, nach KI
Schweizer Bauern kämpfen mit tiefen Einkommen (oft nur 17 Fr./Std.), Überproduktion und Preisdruck, mangelnder Wertschätzung, Bürokratie (Bundesamt für Landwirtschaft), fehlender Hofnachfolge, psychischem Stress (Burnout), steigenden Anforderungen (Umweltauflagen) und den Folgen des Klimawandels (extreme Wetterereignisse). Sie fordern faire Preise, die ihre Kosten decken, weniger Regulierung und eine bessere Perspektive für ihren Beruf.
Grundsätzlich gilt, im übertragenen Sinn, was einst Dag Hammerskjöld, der Generalsekretär der UNO in den Fünfzigerjahren, gesagt hat: «Die Vereinten Nationen wurden nicht geschaffen, um die Menschheit in den Himmel zu bringen, sondern um sie vor der Hölle zu bewahren».
Regie: Erich Langjahr, Produktion: 1998 / 2026, Länge: 84 min, Verleih: Langjahr Film GmbH
