Hanami
Nana
«Hanami» spielt auf einer der Inseln von Kap Verde vor der Westküste Afrikas. Hier wird Nana von ihrer Mutter Nia, die auf der Suche nach einem besseren Leben das Land verlässt, von ihrem Vater und fünf Frauen aufgezogen. Als Nia krank wird, schickt die Familie sie zur Behandlung an den Fuss eines Vulkans, wo sie Magie erlebt. Erst als Teenager begegnen sich Tochter und Mutter zum ersten Mal wirklich.

Nana (r) mit Freundin
Notizen der Regisseurin
Als ich ein Kind war, fiel mir auf, dass Kap Verde aufgrund seiner Kleinheit auf Weltkarten und Globen oft fehlte. Um es sichtbar zu machen, habe ich das Land und seine Bewohner:innen zum zentralen Thema meines ersten Langspielfilms gemacht. «Hanami» besteht aus materiellen und immateriellen Elementen, aus Geschichten und Erfahrungen, die Teil des Lebens der Menschen auf dem Kap sind. Oft träumen jene, die gehen, von der Rückkehr, und jene, die bleiben, vom Fortgehen. Die Verbindung, die der Film mit Japan eingeht, ist bedeutungsvoll und spielerisch. Während die Welt, in der wir leben, sich mit Grenzen definiert, sind diese im Film ätherisch. «Hanami» wurde auf Fogo, einer der zehn Inseln des Kapverde-Archipels, gedreht. Die Besetzung besteht überwiegend aus Laien.

Mutter Nia mit Tochter Nana
Mit Denise Fernandes auf den Weg zu «Hanami»
Als Vertreterin einer neuen Generation mutiger Filmschaffender ist der Werdegang der Regisseurin Denise Fernandes beispielhaft. 1990 in Lissabon als Tochter kapverdischer Eltern geboren, wächst sie in Locarno auf und weiss schon früh, dass sie Regisseurin werden will. Ab 2008 studiert sie in Lugano und später in Kuba Film. Ihr Studium auf der Insel beschreibt sie als eine Art surreale Blase, eine Erfahrung, die ihren Blick geprägt hat und der sie ihre Vorliebe für Erzählungen verdankt, die nicht alle in der Realität verankert sind.
Ihre menschlich-künstlerische Entwicklung zeigt sich in ihren Kurzfilmen. Während sich die Protagonist:innen ihres ersten Films generell mit den Fragen des Lebens auseinandersetzen, behandelt ihr zweiter das Thema Tod aus der Perspektive zweier junger Schwestern und erzählt der dritte vom Übergang zur Adoleszenz aus einem poetischen Blickwinkel fernab von Realismus. Zu ihrer Neigung zum Fantastischen kommen Sensibilität in der Darstellung der Natur und Talent für die Komposition schlichter, eindrucksvoller Bilder.

Nana beim Vater
Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz stellt die Filmemacherin 2014 fest, dass die hiesige Filmszene zu wenig diversifiziert ist, und beschliesst, auf der Suche nach ihrer künstlerischen Identität nach Paris zu gehen. Dort lernt sie aufstrebende franco-afrikanische Filmschaffende kennen, was sie bestärkt, ihren eigenen Weg zu gehen. Später lässt sie sich in ihrer Geburtsstadt nieder, um in einem weiteren kurzen Film ihre kapverdischen Wurzeln zu thematisieren. Dieser erzählt von der Rückkehr einer jungen kapverdischen Frau in ihre Heimat und von der emotionalen Kluft, die sich nach ihrer langen Abwesenheit auftut.
Dieses Thema vertieft Fernandes in ihrem ersten Langspielfilm «Hanami», an dessen Drehbuch sie parallel gearbeitet hatte. Die Erzählung nimmt die Perspektive eines kleinen Mädchens ein, das auf den Kapverden zurückbleibt und im Laufe des Erwachsenwerdens eine intime Beziehung zur Natur und zur Bevölkerung der Insel aufbaut, einer ehemaligen portugiesischen Kolonie, die heute zu den politisch stabilsten und wohlhabenderen Ländern Afrikas gehört.

Nana mit einer Mutter
Das Ergebnis ist ein bemerkenswerter Erstling, in dem sich all jene Einflüsse widerspiegeln, denen die junge Frau in ihrem bisherigen Leben ausgesetzt war. Der Film wirft einen kritischen Blick auf eine Gesellschaft in ständiger (Re-)Migration und nimmt das Publikum mit auf eine intime Reise zur Entdeckung der Insel, fernab von plakativem Bildmaterial. Die Initiationsgeschichte Nanas lässt viel Raum für ihre invasive, anteilnehmende Erzählweise. Sich der normativen Gefahr ihres Werkes voll bewusst, übernimmt sie die Verantwortung für das Bild, das sie von den Kapverden zeichnet. Überzeugt hat sie damit die Jury des Locarno Film Festivals 2024, wo «Hanami» Premiere feierte, ausgezeichnet wurde und anschliessend in mehr als zwei Dutzend Festivals lief.

Nana und Nina, gegen Schluss des Films
«Nanami» ̶ Bausteine einer Würdigung
In «Hanami» gibt es Gespräche und Ereignisse, die überraschen, verunsichern und berühren, ohne dass Logik und Psychologik weiterhelfen. Vieles bleibt Geheimnis.
Was zwischen Jungen und Alten abläuft, ist letztlich ein Erwachsen-, ein Älter-, ein Lebendigwerden, das zärtlich, harmonisch, grossartig inszeniert ist. Darum geht es so direkt in unsere Herzen.
Den ganzen Film durchziehen Fragen im Umkreis Mutterschaft von Frau und Mann und des Kindseins heute. Und diese weichen oftmals von den herrschenden Gesellschaftsnormen ab.
Die Bilder von Alana Media Gonzales, die Musik von Rahel Zimmermann, strukturiert von Selin Dettwilers Montage, erschaffen auf Kap Verde für uns eine neue Welt. Bis unsere uns fremd wird.
Der Alltag wird nicht verdrängt, bleibt Hintergrund. Es wird Schule gehalten, Biologie, Oekologie gelehrt, in die Arbeit, die Poesie eingeführt. Alles vielleicht als Einführung in ein glückliches Leben.
Die Landschaften, fernab jeder Touristik, sind wahr, schön und gut, der Dreiheit des Thomas von Aquin folgend. Dies lässt uns Atem holen, der uns neues Leben schenkt.
Vielleicht genügt es, während der 96 Minuten zu versuchen, die Bilder in Worte und diese in Gefühle zu übersetzen. Dann sind wir im Leben auf Kap Verde angekommen, ebenso bei uns.
Wenn wir ein Gedicht zum Beispiel von Rainer-Maria Rilke nicht beim ersten Lesen verstehen, lesen wir es wohl ein zweites, drittes Mal. Wäre vielleicht auch bei «Hanami» empfohlen.
Der Film kann uns da oder dort an andere Kunstwerke erinnert, etwa Paul Cezannes «Montagne Sainte-Victoire» oder Claude Monets «Nympheas». Dann wissen wir, dass wir richtig liegen.
Etwas vom Glück, das der Film verbreitet, kommt wohl daher, dass er alles zur Ruhe entschleunigt und Fragmente zum Ganzen vereinigt werden. Kann vielleicht von vielen Modernismen befreien.
Die Geschichten, die der Film erzählt, lässt uns eintauchen in die umfassende Geschichtenwelt aller Völker. Vielleicht werden wir deshalb angesprochen, weil wir stets mitgemeint sind.
Die Wechsel von Kapitel zu Kapitel folgen einem Rhythmus, der wie Musik klingt, wie Poesie aussieht, von denen wir wissen, dass sie Leben schaffen. Und das ist das Werk von Denise Fernandes!
Regie: Denise Fernandes, Produktion: 2024, Länge: 96 min, Verleih: Cineworx