Gelbe Briefe
Wie kam es zum Film?
İlker Çatak: «Die Idee entstand 2019, als ich für einen andern Film in Istanbul war. Kolleg:innen erzählten mir von den Entlassungsschreiben, die sie erhalten hatten, mit zum Teil hanebüchenen Begründungen, beispielsweise, es sei in der Umkleide des Theaters geraucht worden, weshalb ein Disziplinarverfahren eingeleitet wurde. Etwa zweitausend Künstler:innen und Akademiker:innen wurden zwischen 2016 und 2019 suspendiert und vor Gericht gestellt, weil sie eine Friedenspetition unterzeichnet hatten. Es waren umfassende Säuberungen im Bereich der Kultur und Wissenschaft, die nach dem Putschversuch im Sommer 2016 noch verschärft wurden. Berufsverbote wurden ausgesprochen, Gerichtsverfahren angesagt.»

Ein Drama beginnt und nimmt seinen Lauf
Mit tosendem Beifall wird am Staatstheater von Ankara die Premiere des neuen Stücks mit der beliebten Bühnenschauspielerin Derya (Özgü Namal) und ihrem Mann, dem angesehenen Dramaturgen und Universitätsprofessor Aziz (Tansu Biçer), gefeiert. Während er im Foyer noch Hände schüttelt, verschwindet sie in der Garderobe, wo sie von der Agentin einer TV-Serie aufgehalten wird, die Interesse an einer Zusammenarbeit mit ihr bekundet.
Auf dem Heimweg im Taxi hören sie am Radio von fortschreitenden Kämpfen, Terroranschlägen und Protesten im Land. In der Wohnung werden sie von ihrer 13-jährigen Tochter Ezgi erwartet, die sich für die Arbeit ihrer Eltern wenig begeistern kann, obwohl ihr Vater der Meinung ist, dass Theater die Welt retten könne. Am nächsten Morgen findet eine grosse Friedensdemonstration statt, der sich fast alle Studierenden aus Aziz‘ Kurs anschliessen. Später erfährt er, dass sämtliche Dozent:innen seines Fachbereichs suspendiert wurden. Unter dem Vorwand, sie hätten nicht die verlangten Wochenstunden erbracht und mit herablassenden Bemerkungen Persönlichkeitsrechte verletzt. Es wurden Kurse gestrichen, Verträge aufgelöst, Aziz‘ Stück mit sofortiger Wirkung abgesetzt.
Abends erhält das Paar Besuch von ihrem Vermieter, der beunruhigt ist, da Polizisten das Haus ins Visier genommen haben und behaupten, seine Mieter würden mit Verrätern und Terroristen verkehren. Während Derya und Aziz sich Sorgen um ihre finanzielle Situation machen, werden die Büros an der Universität von der Polizei durchsucht. Während er mit gemischten Gefühlen sich bei einer Demonstration gegen die Einschränkung der Bürgerrechte hinter seine Kolleg:innen stellt, erhält sie am Theatereingang vom Pförtner einen gelben Umschlag mit ihrer Kündigung in die Hand gedrückt.

Derya, Aziz und Ezgi ziehen zu Aziz‘ Mutter in deren kleine Wohnung in Istanbul. Die Universität hat Klage eingereicht, der Staatsanwalt fordert eine Haftstrafe wegen Beleidigung des Präsidenten in den sozialen Medien, der Gerichtstermin soll in sieben Monaten stattfinden. Um ihre Geldprobleme zu lösen, besuchen sie Deryas Bruder in dessen Import-Export-Geschäft. Sie ringt sich durch, die TV-Agentin zu kontaktieren, um eventuell in einer TV-Serie zu spielen. Ihr wird empfohlen, einige politische Posts von ihrem Account zu löschen. Er bekommt einen Job als Taxifahrer. Als er eines Abends zwei Fahrgäste am Off-Theater eines alten Freundes absetzt, blickt er ihnen sehnsüchtig nach, und noch in dieser Nacht beginnt er an einem neuen Stück zu schreiben.
Derya lädt ihren Bruder samt Familie zum Fastenbrechen ein. Doch beim versöhnlich gemeinten Essen entwickelt sich schnell ein Streitgespräch, in dem die unterschiedlichen Überzeugungen der Familienmitglieder aufeinanderprallen. Sie lässt sich provozieren und wirft ihm vor, dass er sie vor den anderen nicht genügend unterstützt habe. Trotz der Meinungsverschiedenheit besuchen sie kurz danach gemeinsam eine Aufführung im Theater eines Freundes, der ihnen den Vorschlag macht, ganz wie zu alten Zeiten ein gemeinsames Projekt auf die Beine zu stellen. Derya zweifelt, dass ihnen die Arbeit an dieser kleinen unabhängigen Bühne weiterhilft, bis Aziz ihr sein neues Stück präsentiert.

Am Off-Theater beginnen die Proben für Aziz‘ neues Stück «Gelbe Briefe», in dem Derya die Hauptrolle spielen soll, obwohl sie ihrem Mann nichts von einem Telefonat mit der TV-Agentin erzählt hat. (Was im Film der «gelbe Brief», bedeutet bei uns der «blaue Brief».)
Später fahren die beiden zur Gerichtsverhandlung nach Ankara. Der Staatsanwalt legt neues Beweismaterial gegen Aziz vor: Ein heimlich gefilmtes Video soll zeigen, dass er seine Studierenden zu staatlichem Ungehorsam angestiftet habe. Es folgt eine weitere Strafanzeige wegen Terrorpropaganda. Das Berufs- und Ausreiseverbot bleibt, das Warten auf einen Verhandlungstermin beginnt erneut.
Kurz nach der Anhörung erhält Aziz einen Anruf von seiner Mutter, die mit Ezgi aneinandergeraten ist. Anstatt seine Kolleg:innen vor Gericht weiter zu unterstützen, beschliesst das Paar, sofort nach Istanbul zurückzukehren. Derya brilliert beim Casting für die Serie «Paradiesgarten», hinter dem Rücken von Aziz. Als sie die Rolle bekommt, erklärt sie ihrer Familie nebenbei beim Abendessen, sie könne beim neuen Stück ihres Mannes nicht mitspielen, habe beim Staatsfernsehen eine Hauptrolle übernommen. Zwischen den beiden entbrennt ein heftiger Streit über moralische Integrität und Lebensnotwendigkeiten. Zu spät bemerken sie, dass Ezgi verschwunden ist. Als diese auf Anrufe nicht reagiert, wendet sich das Leben des Paares: Das Verschwinden ihrer Tochter relativiert all ihre Probleme.

Statement des Produzenten Ingo Fliess
«Das Private ist politisch.» Damit begann die Arbeit am Film mit der Story, die İlker Çatak mit seiner Frau Ayda Meryem Çatak entwickelt hat: als eine schonungslose Nabelschau der Werte, die Paare täglich miteinander verhandeln, deren Gewichtung sich aber verschiebt, wenn es ums Überleben geht. So steht die kleine glückliche Familie von Derya und Aziz plötzlich in einer Arena, in der die grossen Fragen von Ehrlichkeit, Anstand, Pragmatismus und Moral verhandelt werden, mittendrin die pubertierende Tochter, die hin- und hergerissen ist zwischen dem hohen moralischen Anspruch ihres Vaters und dem handfesten Überlebenswillen ihrer Mutter.
Es war unser türkischer Co-Produzent und Autor Enis Köstepen, der vorschlug, die Handlung des Films nach Deutschland zu verlegen, also verkörpert Ankara Berlin und Istanbul Hamburg. Wir waren elektrisiert! Unsere türkische Familie bewohnte plötzlich ein Niemands- oder Jedermannsland.»
Zum Schluss
In seinem Film «Gelbe Briefe» bereichert uns İlker Çatak mit einem Füllhorn von Anregungen und Herausforderungen , getragen von grossartigen Darsteller:innen und unterstützt von Judit Kaufmann an der Kamera, Marvin Miller mit der Musik, Zazie Knepper mit den Szenenbildern und Gesa Jäger mit dem Schnitt. Entstanden ist dabei ein Welttheater aus Ideologien und Religionen, Politik und Ethik, Psychologie und Pädagogik, Tradition und Moderne ‒ und einem überzeugten Glauben an die Kunst und einem ebenso überzeugenden Glauben an die Menschlichkeit.
Regie: İlker Çatak, Produktion: 2025, Länge: 128 min, Verleih: Filmcoopi