Calle Málaga
Carmen Mauro als Maria Angeles
Tanger ist seit Langem ein Land der Immigration, wenige Kilometer trennen die Stadt von Spanien, einem ehemaligen spanisches Protektorat und Schmelztiegel der Sprachen und Kulturen. In den 1930er-Jahren kamen viele Spanier, die vor Franco geflohen waren, hierher, einige gingen wieder, andere blieben, weil sie sich mit diesem Land tief verbunden fühlen.

Maria Angeles und Tochter Clara
Drei Filme von Maryam Touzani über das Mensch-Sein am Rande
Maryam Touzani, die Regisseurin von «Calle Málaga», wurde 1980 in Tanger geboren, wo sie ihre Jugend verbrachte. Nach dem Studium in London begann sie als Journalistin mit dem Schwerpunkt Kino. 2017 spielte sie im Film «Razzia», den sie zusammen mit ihrem Mann geschrieben hatte, eine Hauptrolle. Danach wurde sie Drehbuchautorin und Regisseurin von Kurz- und Dokumentarfilmen. 2019 realisierte sie ihren ersten Spielfilm, «Adam», der für Cannes ausgewählt und als Oscar-Beitrag eingereicht wurde. Eine Einladung nach Cannes folgte 2022 für «Le Bleu du Caftan», der auf die Oscar-Shortlist kam. Ihr dritter Spielfilm, «Calle Málaga», feierte in Venedig Weltpremiere und gewann dort den Publikumspreis.
«Adam»: vom Mutter-Sein und in der Einsamkeit
Touzanis erste Spielfilm, «Adam», fusst auf einer Begegnung in ihrer Jugend mit einer jungen Frau, welche für beide schmerzhaft war, für die Cineastin inspirierend wirkte und unauslöschliche Spuren hinterliess. Vertieft wurde die Erfahrung, als Maryam selbst Mutter wurde, sich an jene Frau erinnerte und sich entschloss, diese Geschichte zu verfilmen. Das half ihr, die damaligen Wunden des Verlustes, der Not, der Verleugnung und der Trauer jener jungen Mutter zu heilen.
«Le Bleu du Caftan»: ein Liebes-Trio als Gleichnis
Im zweiten Film, «Le Bleu du Caftan», schneidern in einer marokkanischen Altstadt ein Mann und seine Frau kostbare Kaftane, bis ein junger Lehrling beim Meister zu arbeiten beginnt und bei diesem erotische Gefühle weckt, welche dieser unterdrückt, die Frau sie jedoch wahrnimmt. In diesem Liebes-Trio können neue Beziehungen wachsen, obwohl gesellschaftlich verboten und verdrängt, durch die tiefe Menschlichkeit der Frau, die sie befeuert und über den Tod hinaus am Leben erhält.

Maria und Abslam
«Calle Málaga»: Würde und Widerstand im Alter
Was im dritten Film, «Calle Málaga«, zwischen der verwitweten, lebensfreudigen Maria Angeles und ihrer Tochter Clara, der Klosterfrau Josefa und dem Antiquitätenhändler Abslam abläuft, verrät die hohe Kunst des Beobachtens und Schilderns zwischenmenschlicher Kommunikation der Regisseurin. Den ganzen Film durchdringen zudem strahlende Würde, berührende Schönheit gelebter Sexualität und ein unbeugsamer Wille für ein selbstbestimmtes Alter.
Wirklich daheim ist Maria, von der 80-jährigen Carmen Maura, der Primadonna des spanischen Kinos, gespielt, in Tanger, geborgen, doch nicht problemlos, sondern bedrängt von der Lebenssituation ihrer Tochter, welche diese von Marta Etura treffend verkörpert. Ebenso berührend und nachvollziehbar der Wandel des Antiquitätenhändlers Abslam, dargestellt von Ahmed Boulane, der Spannung und Neugier verbreitet. Eine originelle, nachhaltige Rolle nimmt zudem die Klosterfrau Josefa ein, die Alfonso Rosso performt, die den Lebenslauf Marias stumm akzeptiert und segnet.
Sequenz um Sequenz taucht der Film ein in die Welt von Tanger und das Leben der Hauptpersonen. Geste um Geste, Satz um Satz, Klang um Klang taucht die Geschichte in die warmen Brauntöne am Tag und die kühlen Blautöne in der Nacht, zwischen Marktplatz und Friedhof pendelnd, wo Verzweiflung und Nostalgie, Heimat und Entwurzelung, Selbstbestimmung und Einschränkung sich streiten. Eine grosse Neuvermessung des Lebens! Alles gipfelt in den letzten Bildern der jungen und der alten Frau, in einem offenen Schluss, wie er in solcher Konsequenz nur selten im Kino zu sehen ist.
Maryam Touzani
Statement der Regisseurin
«Calle Málaga» entstand aus dem tiefen Bedürfnis heraus, mich wieder mit meinen Erinnerungen zu verbinden, sie zu erforschen und wieder zum Leben zu erwecken. Ich glaube, dass das, was wir schaffen, ein Echo der Spuren ist, die das Leben in uns hinterlässt.
Als ich geboren wurde, lebte meine spanische Grossmutter bereits bei meinen Eltern in Tanger. Wie viele Spanier war sie als junges Mädchen dorthin gezogen und blieb für den Rest ihres Lebens dort. Sie hätte sich niemals vorstellen können, die Stadt zu verlassen, die sie so sehr liebte: ihre Stadt.
Als ich aufwuchs, beobachtete ich, wie ihre Freunde, Teil der grossen spanischen Gemeinschaft, darum kämpften, nicht entwurzelt zu werden. Sie wurden oft von ihren Kindern missverstanden, die nach Spanien gezogen waren und wollten, dass sie ihnen folgten. Diese Verbundenheit hat mich zutiefst bewegt. Ich verspürte das Bedürfnis, diese starke Bindung zu erforschen.
Ich glaube, alt zu werden ist ein Privileg, und jede Falte in unserem Gesicht ist ein Zeugnis für ein voll gelebtes Leben mit all seinen Freuden und Leiden. Ich wollte eine andere Art des Alterns darstellen: eine, die noch voller Leben ist und sich den Grenzen widersetzt, die ihr oft auferlegt werden. Durch Maria Angeles wollte ich die gesellschaftlichen Ansichten über das Altern, die Erwartungen, Vorurteile, Barrieren, hinterfragen und sie diese überwinden lassen.
Acht Sterne für «Calle Málaga» und ein grosses Dankeschön an Maryam Touzani
* Maryam Touzani hat uns mit ihrer Drehbuch- und ihrer Regieleistung eine das ganze Mensch-Sein umfassende Geschichte geschenkt, die, was nur Poesie kann, eine neue Welt erschafft.
* Die Regisseurin führt uns so nah an die Menschen heran, dass wir glauben, ihren Atem und ihren Händedruck zu verspüren.
* Grossartig die Kamera von Virginie Surdej, die Musik von Freya Arde, der Schnitt von Teresa Font, die den Film in ein filmisches Bijou verwandeln.
* Maryam erzählt wie das Fliessen des Wassers und wie das Fliessen der Zeit, in das wir eingebettet sind und unser Leben leben.
* Die im Film gezeigt Liebe eines alten Paares dürfte überzeugend auf unser Leben und damit auch in die Gesellschaft von morgen ausstrahlen.
* Noch nie habe ich Falten und Runzeln in den Gesichtern von Achtzigjährigen so überzeugend als Zeichen gelebten Lebens gesehen wie in «Calle Málaga».
* Die Figur der Klosterschwester Josefa als einen tief frommen, vom kirchlichen Brimborium befreiten weiblichen Beichtvater ist für mich eine dramaturgische Sensation.
* Der Schluss des Filmes, der die Dramatik des ganzen Menschenlebens umfasst, beinhaltet eine existenzielle, eine humanistische Dimension, die mich überzeugt.