DJ Ahmet
Es beginnt mit einem tiefen Dröhnen, gefolgt von rhythmischen Schlägen. Ahmet, die Stirnlampe festgezurrt, stolpert durch den nächtlichen Wald auf der Suche nach dem Ursprung der fremdartigen Klänge. Auf einmal öffnet sich dem 15-Jährigen eine vibrierende Welt: Neonfarbene Lichter scheinen durch die Dunkelheit, Bässe wummern, Menschen tanzen in Ekstase: eine Techno-Party mitten im Wald. Mit sehnsüchtigen Augen und einem breiten Lächeln im Gesicht taucht Ahmet in die Menge junger Leute. Der Gegensatz zu seinem Leben in einem abgelegenen Dorf könnte nicht grösser sein. Dieser Moment der Losgelöstheit bleibt jedoch nur eine kurze, illusorische Atempause seines Alltags mit Schafe hüten und sich um den kleinen Bruder Naim kümmern, der seit dem Tod ihrer Mutter kein Wort mehr gesprochen hat. Ahmets Vater trauert noch immer um sie und zeigt wenig Mitgefühl für seinen älteren Sohn. Besorgt über die Sprachlosigkeit des jüngeren wendet er viel Zeit und Geld auf, um ihn zu einem Heiler zu bringen, und nimmt als Konsequenz Ahmet von der Schule, damit dieser sich um die Tiere kümmern kann.
Die kluge, rebellische Aya, die von ihrem autoritären Vater zwangsverheiratet werden soll, träumt von einem selbstbestimmten Leben in einem anderen Land. Für das bevorstehende Dorffest studiert sie mit ihren Freundinnen heimlich eine provokante Tanzchoreografie ein, in der Hoffnung, die arrangierte Ehe damit abwenden zu können. ‒ Am Sundance Film Festival avancierte der charmante Coming-of-Age-Film zum Publikumsliebling und wurde mit dem Publikumspreis und dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet.

Patriarchat, Rebellion, Musik und eine junge Liebe
Die nachfolgenden, leicht gekürzten Kommentare stammen von Yanick Ammann im trigon-MAGAZIN Nr. 105: So malerisch die nordmazedonische Landschaft auch sein mag, inszeniert Regisseur Georgi M. Unkovski sie als eine harsche Welt, die von einem strengen Patriarchat beherrscht wird. Männer haben wenig Raum, sich mit ihren Emotionen auseinanderzusetzen, während Frauen kaum Einfluss auf ihr eigenes Leben nehmen können. Mit seiner scharfsinnigen Erzählweise veranschaulicht der Regisseur die Kluft zwischen dem vorherrschenden pastoralen Lebensstil und den Erwartungen der Jugendlichen, die über ihre Smartphones mit einer Welt verbunden sind, die weit über ihren Geburtsort hinausreicht, an die Zukunft. Aus dem kulturspezifischen Kontext leitet er seine universell verständliche Komik ab.

Gleichzeitig räumt der Regisseur und Drehbuchautor seinen Figuren Raum ein für eine glaubhafte Charakterentwicklung. Der sanftmütige Ahmet, Newcomer Arif Jakub spielt ihn mit beeindruckender Natürlichkeit, scheint sein Schicksal zunächst ohne grosse Proteste hinzunehmen, wenngleich eine sichtbare Schwere auf ihm lastet. Hinter ihm verbirgt sich eine selbstlose Tapferkeit, die ihn antreibt, sich für seinen liebenswerten Naim einzusetzen. Damit verkörpert Ahmet das Versprechen einer anderen, sensibleren Form von Männlichkeit, als sie ihm vorgelebt wird. Antrieb erhält Ahmets Emanzipation durch die gleichaltrige Aya, temperamentvoll dargestellt von Dora Akan Zlaatanova, die von ihrem autoritären Vater zwangsverheiratet werden soll. Insgeheim träumt die rebellische Teenagerin von einem selbstbestimmten Leben.

Die aufkeimende Beziehung zwischen Ahmet und Aya wirkt als Katalysator, um den gesellschaftlichen Konventionen zu trotzen. Welche stärkere Waffe könnte ihre jugendliche Rebellion haben als elektronische Tanzmusik? Von Beginn an setzt der Filmemacher auf einen vielschichtigen Soundtrack, der moderne englischsprachige mit regionaltypischen Stücken verbindet. Die musikalischen Kontraste spiegeln den Konflikt der Protagonistinnen und Protagonisten und zeigen, wie die jüngere Generation an der Musik festhält, um sich inmitten eines von religiöser Strenge geprägten Lebens zu behaupten.

Director's Note
In «DJ Ahmet» wollte ich das fragile Gleichgewicht zwischen Tradition und Selbstentfaltung ausloten, insbesondere in einer kleinen, eng verbundenen Gemeinschaft. Der Film beleuchtet die Herausforderungen des Heranwachsens in einem traditionellen Umfeld und zugleich die Entdeckung der eigenen Identität. Mich faszinierte die Spannung, die entsteht, wenn individuelle Wünsche mit den Erwartungen der Gemeinschaft kollidieren. Im Kern handelt der Film vom universellen menschlichen Bedürfnis, sich selbst auszudrücken, und davon, wie Kunst, hier Musik, sowohl Zufluchtsort als auch Katalysator für Veränderungen sein kann. Meine Vision war es, eine Geschichte zu schaffen, die das Publikum berührt, indem sie sowohl den Humor als auch die Dramatik einfängt, die diesem inneren und äusseren Ringen innewohnen, und dabei die Kraft der Selbstfindung in den Mittelpunkt stellt.

Exkurs zum Vernetzen mit dem Hier und Jetzt
In de Filmbesprechung «One To One: John & Yoko» (https://der-andere-film.ch/filme/filme/titel/mno/one-to-one-john-yoko) habe ich mich an moderne Musik herangewagt und bin dabei auf Nemo gestossen. Hier versuche ich, ihn mit dem Film «DJ Ahmet» in Beziehung zu setzen. Denn Nemo ging es am Eurovision Song Contest 2025 mit seinem Song «The Code» um das Gleiche wie Georgi M. Unkovski mit «DJ Ahmet». Der Film und der Song handeln vom Suchen und Finden seiner Identität. Ähnliches peilt der Song «Alice» von Veronica Fusaro, der am ESC 2026 die Schweiz in Wien vertreten soll. Dieser erzählt von einer gut-bürgerlichen, katholischen Hochzeitsfeier und wohin diese führen kann für die Braut in eine Schockstarre.
In «DJ Ahmed» heisst es am Schluss vor der Moschee, wo der Konflikt eskaliert und in eine Lösung kippt, auf der Leinwand: «Sei, wer du sein willst», «Werde, wer du werden willst». Leise tauchte dabei in meinen Erinnerungen auf, was ich vor vielen Jahren erfahren habe, was auf dem Apollontempel in Korinth geschrieben steht: »Γνῶθι σεαυτόν , gnōthi seauton /Erkenne dich selbst.» Ist es nicht tröstlich, dass in einem heutigen Film aus Mazedonien und in zwei Liedern des ESC die gleiche menschliche Sehnsucht ausgedrückt und durchgespielt wird wie damals im alten Griechenland?