Promis le ciel

Migration in Afrika: Drei Frauen von der Elfenbeinküste teilen sich nach ihrer Flucht nach Tunis eine Wohnung und unterstützen sich gegenseitig. Als sie ein kleines Mädchen, das einen Schiffbruch im Mittelmeer überlebt hat, bei sich aufnehmen, gerät ihr fragiles Gleichgewicht ins Wanken. Nach ihrem Debütfilm «Under the Fig Trees» richtet Erige Sehiri in «Promis le ciel» die Kamera auf die Lebenswege dieser Frauen, die vom Süden der Sahara in den Norden geflohen sind und dort ihr Leben mit bemerkenswerter Stärke meistern. Ab 19. Februar im Kino
Promis le ciel

 

Marie

 

«Für mich folgt dieser Film dem gleichen Ansatz wie die bisherigen: Unsichtbare sichtbar machen», meint die französisch-tunesische Regisseurin und Produzentin Erige Sehiri. «Promis le ciel» folgt dem Alltag von Marie, Naney und Jolie, drei Ivorerinnen, die in der tunesischen Hauptstadt Zuflucht gefunden haben. Ohne rechtliche Grundlage, aber mit viel Herz, nimmt die evangelische Pastorin Marie wie schon Naney und Jolie auch die kleine Kenza bei sich auf, die auf dem Weg in den Norden Waise geworden ist. Gemeinsam versuchen die drei Frauen, ihr eine Familie zu bieten und sich selbst vor Armut und Diskriminierung zu schützen, die ihre Umgebung zunehmend prägen. Marie leitet die Gottesdienste in ihrer «Kirche der Beharrlichkeit» mit Inbrunst und steht kompromisslos für ihre Werte ein, Jolie setzt auf ihr Studium, um sich zu integrieren, während Naney plant, das Meer zu überqueren. Bei aller Solidarität treten ihre unterschiedlichen Ziele und Temperamente unter dem Druck von aussen immer deutlicher hervor und stellen das Zusammenleben auf die Probe. Doch Aufgeben ist für sie keine Option.

 

Zwei Filme mit Frauen in der Mitte ...

 

In ihrem zweiten Spielfilm, der turbulent und wild in fremde Lebenswelten eintaucht und erst gegen Schluss diese erklärt, erzählt Erige Sehiri eine selten beleuchtete Geschichte, flüssig und nahe an den Körpern und Blicken gefilmt. Im Mittelpunkt steht nicht die Flucht nach Europa, sondern das Leben afrikanischer Migrantinnen auf ihrem eigenen Kontinent: Frauen zwischen Hoffnung und Ernüchterung, im zarten Abendlicht oder in eindrucksvollen Kontrastbildern, von ganz nah oder verloren unter dem weiten Himmel, der so viel verspricht ... Die poetischen Momente im Alltag, gepaart mit der kraftvollen und authentischen Darstellung der Protagonistinnen, machen «Promis le ciel» zu einem Kinoerlebnis, das über das individuelle Schicksal seiner Heldinnen hinausgeht.

 

«Man vergisst oft, dass die grosse Mehrheit der afrikanischen Migrant:innen, nämlich rund 80 Prozent, innerhalb des Kontinents umsiedeln. Nur 20 Prozent wandern nach Europa aus.» Gemeinsam erschaffen sie ein vielschichtiges und buntes Gemälde, das für alle Frauen steht, die nach Tunesien gekommen sind und ihre Familien, Wurzeln, Traumata und Vergangenheit hinter sich gelassen haben. Damit liefert der Film wertvolle Hinweise auf die oft pauschalisierende Diskussion über die Migration, ohne Moralin und Melodramatik.

 

In ihrem ersten Spielfilm «Under the Fig Trees« (https://admin.der-andere-film.ch/filme/filme/titel/tuv/under-the-fig-trees?searchterm=Under+the+F), der 2022 in Cannes lief, präsentiert die Regisseurin ein eindrückliches Huis Clos unter freiem Himmel. In einem Obstgarten mischt sie sich diskret unter die jungen Feigenpflückerinnen und erlebt einfühlsam und realistisch die Fantasie und Kraft tunesischer Frauen in einer Gesellschaft im Umbruch.

 

Im zweiten Film setzt die Regisseurin mit «Promis de ciel» ihre Erkundung des echten Lebens fort, einem erneut immersiven Werk, das sich ins Herz einer Frauengemeinschaft nistet, visuell mit den Bildern der Kamera von Frida Marzouk und musikalisch mit den Klängen von Valentin Hadjadj. 2025 in Cannes als Eröffnungsfilm der Sektion Un Certain Regard auserkoren, folgt der Film dem Lebensweg von Marie, Nancey, Julie und dem kleinen Mädchen, das sie verbindet und fordert. Kenza hat den Schiffbruch eines Migrantenbootes überlebt. Der Film beginn jedoch nicht im Meer, sondern mit einer intimen Szene im Wasser einer Badewanne.

 

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Maria mit Kenza

 

Eine Gemeinschaft von Frauen ...

 

Die vierjährige Kenza ist umringt von Marie, einer evangelischen Pastorin, Naney und Julie in einem Haus, das auch als Gotteshaus dient. Sie führen dort eine Art WG und versuchen, sich gemeinsam vor Diskriminierung zu schützen, die ihren Alltag prägten. Das fragile Zusammenleben ist in diesen Tagen bedroht, der Druck von aussen steigt: Maries religiöse Tätigkeit wird in Frage gestellt; Naney hat keine Papiere; Julie kämpft um die Emanzipation von ihrer Familie. Die drei Frauen werden mit Kraft und Sinnlichkeit dargestellt: Aïssa Maïga verkörpert Marie mit Zurückhaltung, Laetitia Ky verleiht Jolie magnetisches Charisma, Debora Lobe lässt die Laiendarstellerin Naney ihre Lebensenergie entdecken, als sie die Überfahrt wagen will. Die vierjährige Kenza spielt Estelle Kenzo Dogbo mit grosser Spontaneität. Inspiriert ist diese Figur von einem Kind, das die Regisseurin bei Recherche in Tunis getroffen hatte und das später bei der Überfahrt ums Lebe kam. Die Realität war stets präsent.

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Doued und Naney

 

… und Männer am Rand

 

Eine reale Figur ist Blamassi Touré, ein Menschenrechtsaktivist, der seit 15 Jahren in Tunesien lebt und tatsächlich blind ist. Wie Marie unterstützt und verteidigt er Migrant:innen. Der tunesische Schauspieler Mohamed Grayaa verkörpert Ismael, den Besitzer des Hauses, das auch als Kirche dient. Er ist hin- und hergerissen zwischen seiner Menschlichkeit, welche die Pastorin geschickt aus ihm herauskitzelt, und der Möglichkeit, Miete zu kassieren, ohne etwas zu renovieren. Kommt dazu, dass der rassistische und gesellschaftspolitische Druck ihn anhält, «Ausländerinnen» keinen solchen Dienst zu erweisen. Doued, verkörpert von Zoued Zaazaa, ist der Freund von Naney und scheint sich nicht wirklich bewusst zu sein, was ihr irregulärer Status genau bedeutet. Wie viele andere hält er sich aufgrund der Wirtschaftskrise und der verbreiteten Arbeitslosigkeit mit Tricks über Waser.

 

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Die Familiengemeinschaft

 

Nachgefragt

 

Immer wieder stelle ich mir bei meinen Filmbesprechungen die Frage, warum die Auswahl auffällig viele Filme aus Afrika, Ländern des Südens und Ostens enthält, im Gegensatz zu den Blockbustern aus den USA im hiesigen Mainstreamkino. Die Antwort stellt sich schnell ein: Die USA sind nicht die Welt, Hollywood und Netflix nicht ihr Zentrum, was auch meine Arbeit sichtbar machen soll.

 

Weiter stelle ich mir die Frage, warum in meiner Auswahl, verglichen mit der Situation im Fernsehen und in den Printmedien bei uns, sowohl in der Fiktion wie der Dokumentation, deutlich mehr Frauen als Männer im Mittelpunkt stehen. Meine Wahrnehmung in den Mainstreammedien und in der Öffentlichkeit bei uns zeigt überproportional viele Männer, weisse Männer, Männer mit Krawatten, absolut dominierend in ihrem absurden Spiel in der Welt und mit der Welt. Das zu korrigieren scheint mir nötig.

 

Und immer wieder erlaube ich mir Kommentare von Handlungen und Befindlichkeiten mehr oder weniger direkt oder engagiert als kirchenkritisch, nicht religionskritisch. Kritisch finde ich das, was die Kirchen aus der Religion machen. Religion, verstanden als Bindung und Offenheit nach oben, habe ich hoffentlich nie kritisiert. So ist «Promis le ciel» für mich auch ein wunderbares religiöses Gleichnis, das im Schlusslied bedeutungsschwer und doch mutmachend besungen wird: «Man hat mir den Himmel versprochen, bis dahin rudere ich weiter auf der Erde».

 

Regie: Erige Sehiri, Produktion: 2025, Länge: 92 min, Verleih: trigon-film

Regie: Erige Sehiri, Produktion: 2025, Länge: 92 min, Verleih: trigon-film