Solidarity
Solidarität ist wohl eines der wertvollsten Prinzipien menschlicher Gemeinschaften – und zugleich ein zutiefst widersprüchliches. Der Autor begleitet fünf Akteure der Solidarität. Wenn Migranten und Migrantinnen an der belarussisch-polnischen Grenze sterben, wenn sich die EU-Grenzen für Flüchtende aus der Ukraine öffnen, wenn der Krieg im Nahen Osten eskaliert und sogar die solidarische Hilfe der UNO in Frage gestellt wird, zeigen sich die helle und die dunkle Seite der Solidarität. Muss «globale Solidarität» neu erfunden werden?
Solidarität kann als universelles Bestreben verstanden werden, sich um alles, was lebt, zu kümmern, sie kann sich aber auch zu einer Kraft der Ausgrenzung oder zu einem Aufruf zu den Waffen entwickeln. Die Protagonisten dieses Films sind professionell Pflegende und Helfende, keine Ersthelfer, sondern Arbeiter in den Tiefen der humanitären Systeme der «globalen Solidarität». Sie arbeiten auf sehr unterschiedlichen Ebenen, von der nationalen Basis bis zu den höchsten Ebenen der Vereinten Nationen.

Eine Menschenrechtsaktivistin und eine Flüchtlingshelferin in Polen, die Leiter des UNHCR (UN-Flüchtlingskommissariat) in Genf und ein Philosoph in Beirut lassen uns an ihrem Alltag teilhaben. Der Autor tritt mit ihnen in den Dialog, wenn Menschen an der weissrussisch-polnischen Grenze abgewiesen werden, wenn sich die Grenzen für Flüchtlinge aus der Ukraine öffnen, wenn der Konflikt im Nahe Osten ausbricht und damit sogar die politische Unterstützung für internationale Institutionen und Menschenrechte gefährdet.
Zwei neuere Filme, die das Allgemeine dieses Geschehens konkretisieren: «Qui vit encore» von Nicolas Wadimoff und «Green Border» von Agnieszka Holland. Ist die globale Solidarität ein kompliziertes und heikles menschliches Projekt, das eine neue Grundlage braucht, eine neue Erzählung, die wir alle verstehen, die wir und die Welt annehmen können?

Statement des Regisseurs
Solidarität ist vielleicht das wertvollste Menschheits-Prinzip, aber manchmal auch Katalysator für Hass und entfesselte Gewalt. Die Fragen um diese Einsicht waren der Ausgangspunkt für die Arbeit am Dokumentarfilm «Solidarity». Wir hatten nach intensiver Recherche einen ausgeklügelten, breit angelegten Drehplan. Aber die Krisen der letzten Jahre zerlegten nicht nur unseren Plan, sondern überschütteten uns auch mit immer neuen Antworten. Daher begannen wir uns auf eine Frage zu konzentrieren: Gibt es so etwas wie Solidarität gegenüber allen Menschen? Und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Wir folgten dieser Frage in einer Welt, die gerade dabei ist, sich zu zerreissen. Und richteten sie an eine Europäische Union, die sich einst als Bund solidarischer Staaten organisiert hat und sich noch immer als Advokatin einer gerechteren Welt versteht, aber den politischen Konsens dafür zu verspielen droht. Es ist schwer vorstellbar, dass angesichts der neuen brachialitätautoritären Bewegungen und der opportunistischen Aneignung dieser Brachialität auch durch demokratische Parteien die Welt heute in der Lage wäre, so etwas wie universelle Menschenrechte zu erfinden. Umso wichtiger ist es, uns zu vergegenwärtigen, was die Basis der Menschenrechte ist: Ein einzigartiges Verständnis für «globale Solidarität», für alle Menschen in Not, eine Solidarität, die über die Grenzen der Familie, der Gemeinschaft, der Kultur oder Nation hinausreicht und die nur existiert, wenn man sie wählt.

Pressestimmen aus Deutschland
Der engagierte Film kommt ohne erhobenen Zeigefinger, zumeist ohne Überdramatisierung aus, sondern regt zum Nachdenken und Diskutieren an.
Heike Angermaier
Die Beispiele sind naheliegend und doch gut gewählt. Es fällt dem Publikum nicht schwer, sich in den Themen des Films wiederzufinden, selbst wenn man nicht allem zustimmen muss, was hier gesagt wird. «Solidarity» will letztlich auch gar nicht gross selbst urteilen. Das hier ist keiner der Dokumentarfilme, die das Publikum missionieren wollen und vorgeben, was man zu tun und zu denken hat.
Oliver Armknecht
Dass wohlmeinende und aktiv helfende Mitarbeiter von humanitären Organisationen in Krisengebieten selbst zu Zielscheiben werden, zeigt der Film ebenso, wie er über die Schattenseiten der Solidarität nachdenkt. Solidarität sei eine Entscheidung; man will das Gute und fördere dabei bisweilen das Gegenteil, sagt Filippo Grandi.
Kira Taszman
Wieso bleibt für die einen nur Stacheldraht und Grenzzaun, während den anderen eine Willkommenskultur und landesweite Solidarität entgegengebracht wird? Der vielschichtige Film «Solidarity» geht diesen und anderen Fragen differenziert nach und berücksichtigt den Blick der Helfenden ebenso wie der Hilfesuchenden.
Björn Schneider
Wie brüchig das Versprechen der Solidarität geworden ist – und wie dringend wir es neu denken müssen. Ein kluger, leiser und zugleich politisch scharfer Film. So ist «Solidarity» weniger ein Bericht über humanitäre Krisen als eine Reflexion über die Spannungen zwischen Ideal und Realität, zwischen Anspruch und Praxis. Ein Film, der sich nicht in der Skandalisierung erschöpft, sondern einlädt, Verantwortung neu zu denken – und damit genau das leistet, was engagiertes Dokumentarkino ausmacht: Es macht das Unsichtbare sichtbar und zwingt uns, über die vermeintlichen Gewissheiten unserer Zeit neu nachzudenken.
Franziska Keil
Vom Schluss zum Anfang
Richard Dindo, der Grossmeister des Schweizer Dokumentarfilms, meint im eben erschienenen, von Martin Walder geschriebenen Buch «Richard Dindo, Erinnerungsarbeiter. Ein Streifzug durch seine Filme»: «Es ist an uns, am Publikum, beim Betrachten den Film quasi ständig neu entstehen zu lassen, und zwar auf unsere eigene Weise, ohne durch seine Interpretation als Filmemacher allzu sehr gelenkt zu sein.»
Nicht nur Filme quasi neu entstehen zu lassen, sondern auch das Thema dieses Filmes, die Solidarität, neu zu denken, zu erfinden und neu entstehen zu lassen! Das ist es wohl auch, was David Bernet für seinen Film sich wünscht.