Melodie

Vom Sinn und Glück des Singens: Mit dem Dokumentarfilm «Melodie» erkundet die Schweizer Filmemacherin Anka Schmid die faszinierende Kraft des Gesangs und das Zusammenspiel mit dem Gefühl. Entstanden ist ein bewegendes und anregendes Manifest der Lebensfreude. Ab 5. März im Kino
Melodie

Männerchor im Thurgau

 

Menschen unterschiedlicher Herkunft geben sich, allein oder in Gemeinschaft, dem Gesang hin. Singen gibt über alle Lebenslagen hinweg ein Gefühl von Kraft, Glück und Trost, es berührt unsere Seelen, weckt Erinnerungen und erträumt Zukünfte. Von der Tessiner Rapperin zur kurdischen Flüchtlingsfamilie, vom Frühgeborenen zu Menschen mit Demenz schafft Gesang Vertrauen und Wohlbefinden.

 

Gemeinschaftliches Singen erfordert Zuhören und sich auf die anderen Einstimmen, um sie zu verstehen. Das gilt für Fussballfans, den gemischten Chor GoAndSing, den traditionellen Männerchor im Thurgau, die Schwestern im Kloster Fahr bis zum kämpferischen Gesang an der Frauendemo. Dass Singen ein individueller Ausdruck und kollektives Erlebnis zugleich ist, zeigt «Melodie» leichtfüssig, melodiös und beschwingt was gerade in der heutigen schwierigen Zeit ermuntert und motiviert.

 

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Eine kurdische Flüchtlingsfamilie

 

Die Melodie

 

Nach Wikipedia besteht eine Melodie aus einer linearen Abfolge von musikalischen Tönen, die Zuhörende als Einheit wahrnehmen, ist eine bewusst gestaltete Tonfolge innerhalb eines Liedes, ein fester Bestandteil einer Gesangs- oder Instrumentalkomposition. Als Melodik bezeichnet man die Lehre von der Melodie bzw. Melodiebildung und das spezifische Erscheinungsbild der Melodien eines Komponisten, einer Gattung oder Epoche vokalen, instrumentalen, liedmässigen, rezitativen oder virtuos-ariosen Charakters.

 

Dass man von Melodien auch im Visuellen, zum Beispiel in einem Gemälde oder einem Bauwerk, sprechen kann, dürfte naheliegen. Und dass es auch eine Melodie der Körperbewegungen, etwa beim Ballett, und des Herzens und der Seele, etwa bei einer Begegnung, gibt, könnte etwas wenige bekannt sein ‒ legt einem der Film jedoch akustisch und visuell immer wieder nahe.

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Rapperin aus dem Tessin

 

Das Alphabet ...

 

Filme erzählen ihre Geschichten nicht nur, um Spannung zu erzeugen oder abzulenken, sie verbreiten auch Bilder der Welt, also Weltanschauungen. Das macht «Melodie» grossartig, unterhaltsam und lehrreich, zeigt uns, wie Menschen sich lebendig fühlen und lebendig werden. «Gesang ist die eigentliche Muttersprache des Menschen» meinte schon Yehudi Menuhin.

 

Der Film spielt, in einem Bild ausgedrückt, das Alphabet der möglichen Befindlichkeiten des Lebens durch. Als Kind steigen wir ein in die Welt der Laute und Worte, als Schüler in die Welt der Buchstaben und Texte. Und bald schon sind es die 26 Buchstaben des Alphabets, die uns in die grosse, weite Welt bringen. «Melodie» spielt, so meine Interpretation, mit dem ganzen Alphabet der menschlichen Eigenschaften und Befindlichkeiten. Einzelne Melodien lassen uns neue Gefühle wie Freude, Trauer oder Sehnsucht entdecken, andere erinnern an frühere Erlebnisse, und gelegentlich kommen wir mit Melodien in eine «Terra incognita», wo Menschen, unabhängig von der Sprache, sich überraschend verstehen.

 

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Gesang für den verstorbenen Geliebten

 

... und das Einmaleins des Lebens

 

Etwa gleichzeitig mit den Buchstaben erlernten Kinder die Zahlen. Und wenn unser Alphabet nur 26 Buchstaben umfasst, erweitert das Einmaleins den Bereich der Wahrnehmung ins Unendliche. Es erweitert unsere verborgenen Eigenschaften. Indem wir, bildlich verstanden, mit den Melodien wie mit Zahlen immer wieder neue Welten entdecken, erweitern wir unser Leben und werden reicher.

 

Nicht unwichtig ist die Art und Weise, die Qualität dieser Bewusstseinserweiterung. Und wenn wir dafür die Biofilmografie von Anka Schmid (siehe unten) herbeiziehen, ihr bewegtes, abwechslungsreiches, innovatives Leben, dann wird es verständlich, dass diese die Auswahl und Form der «Melodie»-Beiträge beeinflusst. Denn die Regisseurin ist eine kluge und einfühlsame Dirigentin des Films.

 

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An der Frauendemo

 

Bio- und Filmografie von Anke Schmid (Buch & Regie)

 

Anka Schmid, 1961 in Zürich geboren, drehte in den bewegten 80er Jahren erste Super-8-Filme und Experimentalvideos. 1984 begann sie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin zu studieren. 1988 lebte sie ein Jahr lang bei den Hopis in Arizona und realisierte gemeinsam mit den Hopi-Ältesten den Dokumentarfilm «Techqua Ikachi, Land – mein Leben», der im Wettbewerb von Sundance lief. 1990 beendete sie das Studium mit dem mehrfach preisgekrönten Spielfilm «Hinter verschlossenen Türen». Fortan arbeitete sie als freischaffende Filmerin und Regieassistentin in Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Argentinien und den USA. 1994 kam ihr Sohn in Berlin zur Welt. Kurz danach realisierte sie den Essayfilm «Magic Matterhorn», den sie in Zermatt, Kalifornien und Berlin drehte. 1998 zog sie mit ihrem Kind nach Zürich. Hier entstanden in Zusammenarbeit mit der Produzentin Franziska Reck bisher sieben lange und mittellange Filme. Unter anderem waren sie mit «Mit dem Bauch durch die Wand» an der Berlinale und mit «Wild Women – Gentle Beasts» in Locarno. Ihr Animadoc «Haarig» lief an der DOK Leipzig.

 

Anka Schmid ist Grenzgängerin zwischen Film und Kunst und realisiert sowohl Kino- und Fernsehfilme als auch Art-Videos und Kunst-Installationen. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit arbeitet sie als Mediendozentin und gibt Animationsworkshops.

 

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Schwestern im Kloster Fahr

 

Anmerkungen der Regisseurin

 

In «Melodie» geht es mir um Kraftschöpfung und Verbindung: Verbindung zu sich selber und untereinander und dies ganz einfach mittels Singen. Initialzündung des Films war die Sterbebegleitung meines Vaters und die tröstende Wirkung des Singens. So entstand die Idee, im nächsten Film dem Geheimnis des Singens und den damit verbundenen Gefühlen auf den Grund zu gehen. Denn Gesang begleitet uns von der Geburt bis in den Tod, weltweit in allen Kulturen und Religionen.

 

Wir alle haben Lieder, die unsere Biografie markieren, wie das erste Kinderlied, ein alter Love-Song, das laute Fangebrüll vom Fussballfeld. Singen schafft einen unmittelbaren Zugang zu unseren Gefühlen und somit zu uns selbst. Wir brauchen dazu nichts, denn das Instrument sind wir selber, unser Körper. Singen kann sowohl individuelles Ausdrucksmittel als auch gemeinsamer Ausdruck von Zusammenhalt und Stärke sein.

 

Für mich ist Singen fast so wichtig wie Atmen. Ich singe beim Fahrradfahren, in der Dusche, manchmal auch ganz unbewusst. Singen zentriert mich und gibt mir Kraft. Dieser positive Funke soll auf die Zuschauer:innen überspringen, wenn sie die unterschiedlichen Protagonist:innen beim Singen und Wirken erleben und so selber zum Lachen oder Weinen vielleicht sogar zum Singen animiert werden. Insofern will ich mit «Melodie» unser klangliches Lebenselixier wecken und in den wirren Zeiten von Kriegen, Krisen und Katastrophen dem Publikum einen Resonanz-Raum schaffen, um mit sich, dem Gegenüber und der Welt in Kontakt zu treten

 


Regie: Anka Schmid, Produktion: 2025, Länge: 86 min, Verleih: Frenetic