Confidente

Sabiha arbeitet in einem Erotik-Callcenter: Sie nimmt Anrufe an und spricht mit den Männern. Bis ein Erdbeben Istanbul erschüttert und einen Teenager, mit dem sie eben gesprochen hat, verschüttet, der sie um Hilfe anfleht. Um ihn zu retten, fällt ihr als Lösung nur ein hoher Politiker, einer ihrer Kunden, ein. Das aber zieht sie selbst in ein politisches Komplott. Das Regiepaar Çağla Zencirci & Guillaume Giovanetti hat mit «Confidente» einen Thriller und gleichzeitig ein Kammerspiel geschaffen. Ab 7. August in den Kinos
Confidente

1999, in einem Vorort der türkischen Hauptstadt Ankara. Die 40-jährige Sabiha, grossartig gespielt von der mehrfach ausgezeichneten Saadet Işıl Aksoy, sitzt an ihrem Arbeitsplatz im Callcenter und unterhält sich mit den Männern: «Guten Abend, mein Name ist Arzu, lernen wir uns ein wenig kennen...» Sie weiss um die Vorlieben ihrer Kunden, wechselt scheinbar mühelos die Rollen: grosse Brüste, Domina, Nonne... und behält die Oberhand, indem sie geschickt zwischen Nähe und Distanz pendelt. Ihr Notizbuch der Kunden ist gefüllt mit Details, auch aus deren Hintergrund, Musik, Gesprächsfetzen, ausgelassenen Feiern. Dann plötzlich die vertraute Stimme eines prominenten Staatsanwalts, dessen Namen sie für sich behält.

In der Nacht auf den 17. August hat Arzu eben noch eine Gruppe hörbar minderjähriger Jungs abgewimmelt, da klirren im Callcenter die Gläser, flackern die Lampen, zittern die Wände. Ein starkes Erdbeben, das bis Ankara spürbar ist, hat den Nordwesten der Türkei erschüttert. Arzu verfolgt mit ihren Kolleginnen die Nachrichten am Fernsehen und Radio. Da klingelt das Telefon erneut, einer der Jungen liegt in Istanbul unter den Trümmern, hat mit ihr eine Verbindung hergestellt und ruft verzweifelt um Hilfe. Ausgerechnet jener Staatsanwalt, den Arzu wenige Nächte zuvor in einer ausschweifenden Partygesellschaft belauscht hat, scheint jetzt die einzige Chance für eine Rettung. Sie greift zum Hörer, nichts ahnend, dass sie damit eine Kette von Ereignissen lostritt und sich selbst in Gefahr bringt.

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«Confidente» erinnert an «Striptease» von Andrew Bergman mit Demi Moore als Stripperin und dem zwielichtigen Politiker Burt Reynolds. Das türkisch-französische Regiepaar Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti bringt fast 30 Jahre später ein ähnliches Drama ins «Panorama» der 75. Berlinale. Während Bergmann mit einer wilden Genremischung einen überladenen Plot zelebriert, gelingt dem Regieduo ein Thriller mit Realitätsbezug und gleichzeitig ein Kammerspiel mit Intimität. «Confidente» schlägt eine feministische Deutung der Ereignisse von 1999 vor: eine kritische Auseinandersetzung mit einer Gesellschaft, deren Konventionen und Vorstellungen von Sitte und Anstand, tief geprägt von Doppelmoral, blossstellt und am Schluss einen grossen feministischen Monolog feiert.

Mit 76 Minuten ist «Confidente» ein kurzweiliger, von Anfang bis Ende spannender Film über eine «Vertraute». Der Kammerspiel-Thriller verweilt die ganze Zeit im schäbigen Callcenter bei Sabiha, vornehmlich in Nah- und Gross-Aufnahmen von Eric Devin und in der dahinfliessenden Montage von Guerric Catala. Unser Sehen und Hören ist auf eine Frau in ihren inneren Kämpfen und äusseren Reaktionen gerichtet: immer wieder auf den schwerverletzten, traumatisierten Jungen am Telefon, dem sie seelischen Beistand leistet, die korrupten Politiker und Gangster, mit denen sie verhandeln muss, die Kolleginnen, die sie beneiden, ihren Chef, der sie mit einer Zukunft im Ausland kaufen will.

Glaubhaft und eindrücklich ist der Film vor allem durch die Protagonistin. Diese gibt ihrer couragierten und mutigen Figur nicht nur körperliche Verletzlichkeit, sondern auch seelische Kühnheit, nach den chaotischen Nachwirkungen der verheerenden Naturkatastrophe, im Aufdecken der Missstände einer korrupten und misogenen Gesellschaft. Wie sie sich gegen alle Widrigkeiten durchsetzt und am Ende gestärkt und mit neuem Selbstvertrauen dasteht, fordert heraus, über den Ablauf, die Hintergründe und die Allgemeingültigkeit des Films in einer anderen Zeit, einem anderen Land, einer anderen Kultur nachzudenken.

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Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti zum Film

Über die Figur von Arzu gleitet der Diskurs von der Lüge zur Wahrheit, während sie selbst abwechselnd tröstlich, zerbrechlich und gebieterisch ist. Wie alle Protagonistinnen unserer Filme ist sie eine Aussenseiterin. Durch ihre Beeinträchtigung, die sie von Kind an ans Zuhause gebunden und ihr das Studium erschwert hat, ist sie daran gewohnt, Beziehungen über Distanz aufzubauen. Sie hat eine ausgeprägte Fähigkeit entwickelt, sich über das Telefon auszudrücken. In den 90ern boomten erotische Telefon-Hotlines in der Türkei. Wie viele andere Frauen hat Arzu einen Job in einem Call Center angenommen und hat Erfolg, weil sie Sprache und Stimme ausgezeichnet beherrscht, was bei ihren Kolleginnen Neid hervorruft. Die Arbeit bei der Hotline ist für sie die einzige Möglichkeit, an Geld zu kommen, um einen Anwalt zu bezahlen und das Sorgerecht für ihren Sohn zu erwirken. Den Job muss sie aber unbedingt geheim halten, denn das gesellschaftliche Urteil wiegt in der Türkei, wie anderswo, schwer.

«Arzu» bedeutet auf Türkisch Sehnsucht, und «Sabiha» heisst glücklich. «Confidente» wirft die Frage nach dem Begehren in der türkischen Gesellschaft auf und wie man sich selbst sein kann. Die westliche Kultur und Gesellschaft verlangen von uns, dass wir mit uns selbst klarkommen, die östliche hingegen ermutigt, Teil der Gesellschaft zu sein. Die Wünsche des Einzelnen müssen mit den Normen übereinstimmen. Wir untersuchen, wie man trotz des äusseren Drucks sich selbst sein kann, ohne das Gleichgewicht der Gesellschaft zu stören. Starke Persönlichkeiten können Veränderungen bewirken. Auch wenn die Türkei in einigen Bereichen fortschrittlich ist, türkische Frauen erhielten 1934 das Wahlrecht und 1984 das Recht auf Abtreibung, ist sie in anderen Aspekten konservativer. Darin offenbaren sich die grossen Widersprüche eines Landes, das seit jeher zwischen westlichen und östlichen Sitten gefangen ist. Als Sitz der Armee und der Regierung ist die Stadt auch für ihr legendäres Nachtleben bekannt. Damals liessen uns die moralische und wirtschaftliche Liberalisierung, die Industrialisierung und die allgemeine Modernität glauben, dass die Türkei bereit wäre, ihr europäisches Erbe anzutreten. Doch die Zeiten haben sich geändert, und paradoxerweise ist das Internet heute kontrollierter als die erotischen Hotlines der 1990er.

PS: «Confidente» ist ein Film, der vor allem über die Sprache funktioniert. 2018 drehten Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti «Sibel», eine psychologisch und symbolisch stimmige Parabel über das Eingeschlossen- und Ausgeschlossen-Sein durch die Sprache. Können die beiden, Sabiha und Sibel in einem tieferen Sinne vielleicht als Schwestern gesehen werden?

Regie: Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti, Produktion: 2025, Länge: 76 min, Verleih: trigon-film