Tatti, paese di sognatori

Ein Dorf erwacht zum Leben: Mit «Tatti, paese di sognatori» schuf der Schweizer Filmemacher und Ethnologe Ruedi Gerber die zauberhafte Liebesgeschichte eines abgelegenen Ortes in der Toscana. Während man vielerorts auf dem Land auswandert, wächst in Tatti eine neue Dorfgemeinschaft heran, erblühen Freundschaften und erstrahlt eine Lebensfreude, die wohl auch für anderswo Mut machen. Aab 19. März im Kino
Tatti, paese di sognatori

 

 

In den Film einführen wird uns nachfolgend Ruedi Gerber, der Filmemacher und Aktivist vor Ort. Er macht es kompetent und sympathisch, dass es ein Vergnügen ist, ihm zu folgen. Was er schreibt, kommt von Kopf, Herz und Hand und geht zu Kopf, Herz und Hand. Den Regisseur unterstützen die Musik von Martin Tillman, die Kamera von Greta de Lazzaris und Felix von Muralt sowie die Montage von Aline Hervé und Stefan Kälin sehr schön.

 

Anmerkungen des Projektentwicklers, Regisseurs und Produzenten Ruedi Gerber

 

Auf der Front von Fabios LKW verkünden die Worte «Tatti in the World» seine wöchentliche Reise durch Europa. Jedes Wochenende kehrt er zurück, um in unserem Dorf von seinem Ruhestand zu träumen. Wie Fabio, der ein Stück Tatti überallhin mitnimmt, wollte ich dieses Dorf mit der Linse meiner Kamera und der Kraft des Erzählens in die Welt hinaustragen.

 

Ich habe immer davon geträumt, diesen Film zu machen: ein Porträt der einzigartigen, meist älteren Menschen, die in Tatti geblieben sind. Aus den überentwickelten Welten der Schweiz und New Yorks kommend, trat ich ein in eine Welt des Verfalls und der Vernachlässigung, sah darin jedoch Potenzial, wo andere nur den Zerfall sahen. Diese letzten Bewohner bildeten eine Art Mosaik, das den Geist eines solchen Ortes ausmacht.

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Tatti, Gemeinde Massa Marittima, Provinz Grosseto, Toskana

 

Als Covid die Welt zum Stillstand brachte, entstand eine unerwartete Möglichkeit. Ich griff die alte Idee wieder auf, gemeinsam mit meinem Freund, dem Kameramann Felix Muralt. In einer Welt, die immer mehr von negativer Berichterstattung und Zynismus geprägt ist, erschien es mir essenziell, den optimistischen, humorvollen Geist der Menschen in Tatti und die wunderbare Schönheit der Umgebung einzufangen. Hier war eine Geschichte mit Seele: eine dringend benötigte Erinnerung daran, dass Hoffnung und Gemeinschaft auch an scheinbar vergessenen Orten weiterleben können.

 

Als ich das erste Filmmaterial sichtete, entdeckte ich, dass die Direktheit und Herzlichkeit der Menschen, die ich interviewt hatte, einzigartig und berührend war. Warum waren alle so offen und vertrauensvoll gegenüber mir, dem Filmemacher? Mir wurde klar, dass ich eine positive Wirkung auf diese Menschen hatte. Warum das nicht zeigen? Zusammen mit der Kamerafrau Greta de Lazzaris wechselten wir zu einem partizipativeren Ansatz und richteten den Fokus auf meine Interaktion mit den Menschen und meine Beziehungen zu ihnen.

 

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Ich wollte, dass der Film Teil einer persönlichen Spurensuche wird über meinen Traum, dort zu leben, und darüber, wie ich diesen Traum Wirklichkeit werden liess. Was zog andere an diesen Ort, etwa die Aussteiger der 70er Jahre? Wollten sie sich isolieren, der Grossstadt entfliehen, ein einfaches Landleben führen und weiter träumen? Altes Filmmaterial aus den 90ern half mir, dieser Geschichte eine breitere historische Perspektive zu geben.

 

Meine eigene Reise verlief parallel zur Transformation des Dorfes. Um Tattis Geschichte wirklich zu erzählen und sie lebendig zu halten, musste ich selbst Teil seiner Erneuerung werden. Das bedeutete, in die Landwirtschaft, das wirtschaftliche Rückgrat der Gemeinschaft, einzutauchen. Ich konzentrierte mich auf die Teile des Dorflebens, die noch lebendig waren, um sie als Ressourcen für eine neue Entwicklung zu nutzen.

 

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Durch mein direktes Engagement im Dorf kam ich den letzten aktiven Bauern nahe: den Zwillingsbrüdern Marco und Massimo, die dort seit Generationen arbeiteten. Gemeinsam erschufen wir etwas Neues: eine Verbindung zwischen ihrem traditionellen Wissen und meinen alternativen Ideen. Sie hatten die Kraft, sie kannten das Land, die Steine, einfach alles; ich brachte Konzepte wie Biodynamik, Permakultur und horizontale Strukturen mit. Sie hatten die Maschinen und waren offen für meine neuen Ideen: etwa Naturwein aus autochthonen Trauben. In diesem Prozess konnten sie in mehr Geräte investieren, und das Dorf begann wieder zu wachsen.

 

Die Perspektive der Frauen war entscheidend: Die Sicht der Ehefrauen auf die Arbeit ihrer Gatten und die Entstehung dieser neuen «Familie». Ursprünglich aus der Stadt kommend, nahmen sie mit Begeisterung an der harten Welt der Bauern teil. Als die Krise kam, Marcos Frau verliess ihn plötzlich, blieb ich als Freund an seiner Seite und teilte seinen Weg. Seine neu entdeckte Stärke durch den Gesellschaftstanz spiegelte den Erneuerungsprozess des Dorfes wider.

 

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Dieser Film ist eine Liebesgeschichte – nicht nur zwischen einem Filmemacher und einem Dorf, sondern zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Tradition und Innovation, Traum und Realität.

 

Es geht darum, dass Transformation nicht allein durch Beobachtung geschieht, sondern durch aktive Teilnahme und echte Verbindung. So wie Marco seinen Weg in ein neues Leben fand, verwandelte sich auch das Dorf, es hiess neue Menschen mit anderen Werten willkommen und entdeckte dabei sein wahres Selbst.

 

In einer Zeit, in der Medien oft Spaltung und Verzweiflung verstärken, bietet «Tatti, paese di sognatori» etwas anderes: ein seelenvolles Zeugnis für die Kraft von Gemeinschaft, Hoffnung und Erneuerung. Während ich versuchte, den Geist von Tatti einzufangen, wurde ich selbst davon eingefangen und Teil einer Geschichte, die uns daran erinnert, dass positive Veränderung möglich ist, Verbindung über Zynismus siegen kann und selbst in unserer komplexen, modernen Welt die einfachen Wahrheiten menschlicher Nähe und gemeinsamen Strebens nicht nur ein Dorf, sondern auch unseren Glauben an das Mögliche neu beleben können.

 

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Die Verwandlung und Wiedergeburt eines italienischen Dorfes gefördert und abgebildet

 

Das Besondere dieses Filmes ist in meinen Augen, dass Ruedi Gerber nicht nur über die Menschen in Tatti einen Film drehte, sondern selbst dort lebte und bei der Entwicklung der Dorfgemeinschaft wesentlich mitgewirkt hat: beispielhaft für viele andere Lebensbereiche, wo oft das Spezialistentum ein solch gemeinschaftliches Zusammenarbeiten verunmöglicht, so gelegentlich zwischen Sozialarbeit und Kunst, Pädagogik und Handwerk, Politik und Philosophie, Wirtschaft und Ökologie. Diesen Ansatz lebt und beschreibt Ruedi Gerber in diesem Film nicht theoretisch, sondern praktisch und mit Bravour. Chapeau!

 

Regie: Ruedi Gerber, Produktion: 2025, Länge: 92 min, Verleih: Zas Film