À voix basse
Lilia mit Mutter Wahida und Tante Hayet
Auf der Suche nach der Wahrheit beginnt Lilia zu verstehen, wie sehr das Ungesagte ihr Leben geprägt hat, und sucht einen Weg, sich davon zu lösen. Die tunesische Regisseurin Leyla Bouzid erzählt in ihrem dritten Spielfilm eine persönliche und gleichzeitig politische Geschichte, die in Sousse, südlich von Tunis, spielt. Was in diesem spannenden Film abläuft, wühlt auf. So hat Lilia (eine grossartige Eya Bouteraa), Angst davor, wie ihre Mutter Wahida (eine wie immer starke Hiam Abbass) reagiert, wenn sie die Wahrheit auch über ihre Tochter herausfindet. Der Onkel war homosexuell, was jeder wusste, doch nur mit «leiser Stimme» darüber gesprochen wurde. Und Lilia ist lesbisch und lebt mit einer Frau zusammen. Als Todesursache wurde beim Onkel ein Herzinfarkt ausgemacht. Doch weil die Leiche nackt gefunden wurde, ermittelt die Polizei weiter. So wird Lilia mit den Gründen konfrontiert, deretwegen sie Tunesien einst verlassen hatte. Heute interessiert sich Ihre Familie vor allem dafür, wann die 32-Jährige endlich heiratet und Mutter wird; dass sie eine erfolgreiche Ingenieurin ist, wird nur belächelt.
Mutter und Tochter
Eine intensive Mutter-Tochter-Beziehung
Die Familiengeschichte lebt von warmen Farben und atmosphärischen Bildern. Es werden traditionelle Frauen- und Männerrollen hinterfragt, ohne harsche Beurteilung, sondern ergänzt durch Lilia und Alice. Der Tod ihres Onkels geht der Nichte nahe, weil sie sich in ihm wiedererkennt. Sie selbst lebt mit Alice (der französischen Newcomerin Marion Barbeau) zusammen, ohne dass ihre Mutter Wahida oder der Rest der Familie etwas erfahren darf. Dass Daly schwul war, konnte Wahida akzeptieren, dass ihre Tochter lesbisch ist, fordert sie heraus. Mit der Absicht, die Situation zu klären, stellt Lilia Alice ihrer Mutter vor: «Sie ist lieb. Sie ist schön. Sie ist kreativ. Sie macht mich glücklich. Sie ist ein guter Mensch. Es ist einfach Liebe.»
Lilia und Alice
Ein überzeugendes Lesben-Paar
Die Regisseurin beginnt mit der Vorstellung des Paares Lilia-Alice vorsichtig und zurückhaltend, emotional präzise, doch leise dramatisiert. Schnell etabliert der Film eine unausgesprochene, doch offensichtliche Symmetrie zwischen Nichte und Onkel: Beide sind queer, beide führten ein Doppelleben und bewegen sich in einer Gesellschaft, in der Homosexualität kriminalisiert ist. Daly versteckte sich jahrzehntelang. Lilia weiss, dass sie es in Sousse ebenfalls tun muss. In «À voix basse» wird die Zerrissenheit Lilias zwischen ihrem selbst gewählten Lebensweg und den Erwartungen ihrer Familie bereits in der ersten Szene sichtbar. Die beiden fliegen von Paris nach Tunis. Kurz nachdem sie in Tunis-Carthage gelandet sind, sieht Lilia angestrengt und skeptisch aus dem Fenster, während Alice sie unbeschwert anlächelt. In Sousse steigen Kindheitserinnerungen auf und trennen ihre zwei Leben: hier Tunesien, dort Paris. Drehbuch, Regie und die Protagonistinnen lassen uns in grosser Selbstverständlichkeit Anteil nehmen am Leben des lesbischen Paares: normal, alltäglich, sich verändernd.
Lilia mit Bédis
Dalys abgetauchter Liebhaber
In Tunesien steht Homosexualität gemäss Paragraph 230 des Code pénal unter Strafe. Wie verängstigt und eingeschüchtert ihr Onkel sein musste, erahnt Lilia, als sie beim Durchsuchen alter Fotos auf ein Bündel nicht abgeschickter, an einen «Cher M.» adressierter Briefe stiess und diese dann Herrn Monef brachte. Diesen hören wir, wie er Dalys Worte liest, in denen er ausführt, dass Liebe ein Menschenrecht ist: «Mein Glück bestand darin, dich gefunden zu haben. Ich bin für ein Leben mit dir geschaffen, doch das Schicksal stellt sich gegen uns. Ich träume von dem Tag, an dem unsere Liebe ans Licht kommen darf, an dem wir unbehelligt und ohne Scham leben können, uns ansieht, uns schön findet und uns liebt. Warum dürfen wir nicht leben, wie es uns gefällt, umgeben von Familie und Freunden?»
Alice und Lilia
In der LGBTQIA+Bar
Wie auf einen Nebenschauplatz kommen Lilia und Alice in eine Bar, wo gelacht, geflirtet, angemacht wird, in den Gesprächen unterschwellig etwas durchdrückt von der erfahrenen Absurdität, dass Homosexualität bei Frauen geduldet und bei den Männern bestraft wird. Die gleichwohl herrschende Fröhlichkeit verrät etwas von einem trotzigen Willen, sich solchen Regeln zu widersetzen, und lässt leise Hoffnung aufkommen für ein freies Liebesleben in Zukunft. Als Rahmen oder Gefängnis werden Ideologien erkennbar: die geschlossene Gesellschaft, das Patriarchat, das wohl seit zehntausend Jahren herrscht und Frauen und Männer unterdrückt.
Auf dem Heimweg von diesem Treff werden die beiden Frauen von einem jungen Mann angesprochen und um Hilfe gebeten, ihn zu schützen und auf einen andern Jungen namens Bébis verwiesen, der in der Nacht von Dalys Tod dabei war. In diesen zwei Figuren wird nachvollziehbar, unter welchem Stress Menschen in diesem Land, dieser Traditionen, dieser Religion leiden, die nicht die «richtige» Form der Sexualität leben. Eine Frau in der ganzen Geschichte, der man die Unterdrückung nicht zugetraut hätte, ist die Grossmutter Néfissa, die aus dem Hintergrund das Schweigen und Lügen, zum Beispiel auch die Hochzeit von Daly, dirigiert.
Tante Hayet, Mamie Néfissa, Mutter und Tochter
Eine Welt in Hell und Dunkel
Beteiligt ist an der faszinierenden Atmosphäre, die ihr Tiefe und Sinn gibt, der Kameramann Sébastien Goepfert. «Sébastien verbrachte viel Zeit im Haus, um das Licht zu beobachten und zu verstehen, wie es sich natürlich im Raum widerspiegelt. Es ist das gelungen, was mich als Kind geprägt hat. Wir wollten auch eine Entwicklung in der Lichtgestaltung sichtbar machen. Am Anfang ist das Haus verschlossen und dunkel, erst nach und nach bahnt sich das Licht immer neue Wege, bis es sich durchsetzt und schliesslich alles erhellt.» Damit meint die Regisseurin, dass «À voix basse» zum Film ihres Hauses und ihrer Vergangenheit mit allen Ober- und Untertönen wurde.
Das Liebesspiel der beiden Frauen am Schluss lässt in seiner Schönheit vielleicht ein wenig Hoffnung aufkommen. Den ganzen Film verweilen wir in Gesten und Blicken, Worten und Schweigen, Innen- und Aussenräumen, lichtdurchflutet oder beschattet. Das Familienhaus wird zur Bühne von Ritualen, die drei Generationen von Frauen prägen. Die Männer sind am Rand. Ab der Mitte des Films verschiebt sich der Fokus: Aus der intimen, psychische Regungen abbildenden Charakterstudie wird eine zurückhaltende, stille Kriminalgeschichte mit innerer Spannung.
Leyla Bouzid interessiert sich für die Widersprüche im modernen Tunesien, das Homosexualität öffentlich verurteilt, privat duldet und alles verschweigt. Der Film formuliert seine zentralen Gedanken deutlich: Homophobie speist sich nicht nur aus Gesetzen oder Staatsgewalt, sondern verbreitet sich auch unterschwellig in den familiären Strukturen, die Reputation und Zusammenhalt schützen. Am Ende des Films, der von A bis Z mit grosser Empathie und breitem Wissen gestaltet ist, ist es nicht mehr entscheidend, wie Daly gestorben ist, sondern wie er gelebt hat, wie Frauen und Männer leben und lieben, hier wie dort, überall.
Regie:Leyla Bouzid, Produktion: 2026, Länge: 113 min, Verleih: Cineworx
Youtube: ql7BtjwdaJ0