Das unendliche Jetzt
An einen Film heranführen, das verstehe ich im Allgemeinen als meine Aufgabe. Doch wenn ein Film von einer dermassen fremden Welt handelt, wie Demenz eine ist, dann nehme ich gerne die einleitenden Worte des Regisseurs in Anspruch, vor allem, wenn dieser es so gut schreibt wie Kaspar Kasics:
Directors Statement...
Demenz und Alzheimer – Wörter, die einen stillen Schrecken in sich tragen, den Verlust des Eigenen, der Erinnerung, der Geschichte. Jeder und Jede kennt das Gefühl, wenn einem Worte oder Namen entgleiten, die man doch immer wusste. Es war aber nicht diese leise Angst, die mich zum Film geführt hat – sondern das Bedürfnis, ihr etwas entgegenzusetzen.
Aus Unkenntnis über ihren Zustand neigen wir dazu, von Demenz Betroffene nicht ernst zu nehmen. Wir wagen es nicht, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, mit ihnen zu scherzen und sie herauszufordern. Leider ist es in späteren Phasen auch oft nicht mehr möglich. Aber schon bei den Testaufnahmen zum Film merkten wir, dass die Betroffenen die Herausforderung durch den Film kaum erwarten konnten. «C’est la vrai vie», bemerkt eine Protagonistin schon in der ersten Szene, die wir drehten. Wie wenn das Leben und die Würde mit einem Mal zurückkehrten. Auch die Ängste waren verschwunden. Und das Vergessen ebenso.
Die Idee zum Film nahm Gestalt an, als mir Franz Dängeli, Gründer des Improvisationstheaters act-back, von einer besonderen Probe berichtete: Ein ehemaliges Ensemblemitglied, das an Demenz erkrankt war, hatte spontan mitgespielt – konzentriert, lebendig und voller Humor. Es war, als hätte ihn das Spiel zu sich selbst zurückgeführt. Auch bei seinem späteren Pilotversuch in der Institution Almacasa spielten Menschen mit Demenz frei aus dem Moment heraus Szenen, mit Begeisterung, Fantasie und grosser Ausdauer. Die Angst, etwas Falsches zu tun, war verschwunden. Sie spielten, als hätten sie das Leben wieder in der Hand. Dieser Erfahrung wollte ich im Film nachgehen: Was geschieht im Spiel, wenn Erinnerung und Gegenwart ineinanderfliessen? Was, wenn das Vergessen zur Quelle von Kreativität wird?
Was mich interessiert, ist das Menschliche, das, was bleibt, wenn die Erinnerung sich auflöst – das, was hervortritt, wenn das Denken zerfasert. Demenz ist mehr als eine Krankheit. Sie ist eine andere Wahrnehmung der Welt. Was in «Das unendliche Jetzt» zählt, ist die Wahrheit des Augenblicks, das, was die Betroffenen aus den szenischen Begegnungen machen. Sie nahmen diese Herausforderung dankbar an. Ohne Leistungsdruck zu spielen, gab ihnen Raum, in dem sie wieder handeln konnten – spontan und echt. Und so lebten sie uns schliesslich vor, was uns weitgehend abhandengekommen ist: die unmittelbare Gegenwart. Eine Gegenwart frei von Kontrolle und lähmender Ordnung. Nur der Rahmen und der Ausgangspunkt der Szenen wurden festgelegt. Dann nahmen es die Beteiligten selbst in die Hand. Und wir betraten filmisches Neuland, in dem wir nicht wussten, wohin uns die Beteiligten hinführen würden.
... zu den Protagonistinnen und Protagonisten
Wir suchten nach Menschen, die bereit waren, sich zu zeigen, mit ihrer Krankheit, aber auch mit ihrer Kraft und ihrer Fantasie. Menschen, die sich im frühen bis mittleren Stadium der Demenz befinden, also im Spannungsfeld zwischen Bewusstsein und Vergessen. Dank der Institution Almacasa sowie der Hilfe der Demenzexpertinnen Irene Bopp-Kistler und Cristina de Biasio fanden wir sie.

Christiane Meier
Christiane Meier stammt ursprünglich aus Lyon und lebt seit ihrer Heirat mit einem Ingenieur in der Schweiz. Eine gewandte, ältere Dame, die grossen Wert auf Höflichkeit legt, sich aber nicht scheut, Klartext zu reden, wenn etwas für sie falsch läuft. Ihre Kindheit war schwierig, da die Mutter sie weggegeben hatte. Früh arbeitete sie in der Modebranche und sieht sich heute noch als «geborene Verkäuferin». Sie suchte zeitlebens «das Schöne», reiste geschäftlich durch Frankreich und Spanien. Christiane leidet an einer Altersdemenz. Während des Castings zeigte sie grosse Dankbarkeit dafür, ernst genommen zu werden. Sie ist überzeugt, immer noch alleine leben zu können und deshalb wütend auf ihren Sohn, der ihre Wohnung «viel zu früh» kündigte und sie in Regensdorf bei Almacasa «versorgte».

Martin Bigler
Martin Bigler ist ein Spieler, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Sein Leben bestritt er als professioneller Spieler, der sein Geld in den USA vor allem mit Backgammon und in der Schweiz mit Jassen verdiente. Einen klassischen Beruf hat er nie erlernt. Er reiste jahrelang durch die USA und wurde Backgammon-Weltmeister. Nun lebt er in der Betreuungsinstitution Almacasa. Sein Geist ist sprunghaft, scharf, manchmal verwirrt, aber immer ehrlich. Er verfügt über eine Schlagfertigkeit, die in der Spielwelt offenbar nötig war. So sei er gut durchs Leben gekommen, bis er «auf den absteigenden Ast» geriet. Er wird traurig, wenn er merkt, dass ihm die Worte entgleiten. Aber da ihm meist schlagfertige Antworten gelingen, ist er mit seinem Schicksal im Reinen. Seinen Witz hat er gegen das Vergessen. Im Juni 2026 ist er verstorben.

Tatjana Bollhalter
Tatjana Bollhalder ist die Jüngste der Betroffenen, eine Frau voller Energie, temperamentvoll und direkt. 2024 erhielt sie die Diagnose «Frühdemenz», dies nach einer beruflichen Krise, die sie aus der Bahn geworfen hatte: In der Stadtverwaltung wurde ihr eine junge Mitarbeiterin vorgesetzt, jünger als ihre Tochter. Aber sie weigert sich, Opfer zu sein, lässt sich nicht unterkriegen und will ihr Leben nicht von der Diagnose bestimmen lassen. Dennoch erzählt sie ohne Zögern vom «Demi» auf ihrer Schulter, der sie beobachtet und sie nun durchs Leben begleitet. Sie kämpft ohne Selbstmitleid und hofft, dass die Krankheit langsam oder anders verläuft. In ihr liegt eine Hoffnung, die der Film braucht: die Möglichkeit, trotz allem weiterzuleben.

Christian Sonderegger
Christian Sonderegger war Deutschlehrer an einer Zürcher Kantonsschule und lebt wie Tatjana noch selbständig. Er ist der Protagonist, der sich am meisten Gedanken macht, seine Krankheit reflektiert wie kaum ein anderer: als Wandlung, aber auch als Möglichkeit, das Jetzt neu zu leben. Was mit ihm passiert, hat er auf vielen Seiten niedergeschrieben, aber sonst zu schreiben widerstrebt ihm. Er ist bereit, im Spiel sehr weit zu gehen, um zu schauen, was mit ihm passiert, was sich in seiner Haltung und seinem Denken verändert. Anfangs glaubte er, nichts spielen zu können, was nicht mit seiner Demenz zu tun habe, doch beim Casting entwickelte er mit Tatjana veritable «Szenen einer Ehe», was eine unerwartete und vielversprechende Perspektive für den Film eröffnete. Ganz unerwartet hat er seine Jugendliebe wieder gefunden. Mit ihr entdeckt er die Natur neu, das Licht, die Stille, das Wandern.
... zu den professionellen Schauspielenden
Um die Betroffenen zu unterstützen, die Szenen für einen Film variabler zu gestalten und das Spiel zu vertiefen und zu differenzieren, agieren mit Klara Rensing und Juri Elmer zwei in Schauspiel und Improvisation erfahrene Mitglieder des Improvisationstheaters act-back mit im Film. In den ersten Szenen, die sich intuitiv ergaben, kristallisierten sich von Anfang an ihre fiktiven Rollen heraus. Im Gegensatz zu den Betroffenen spielen sie nicht sich selbst. Klara Rensing spielt die Tochter von Tatjana und Juri Elmer den Barkeeper, der sich mehr für seine Gäste als für den Barbetrieb interessiert.

Klara Rensing
Es war dies ein bewusster und für mich notwendiger Einbezug der Schauspielenden, damit sich die Szenen nicht alle in einem hermetisch geschlossenen Binnenraum von Demenz-Betroffenen abspielen. Auch für Klara Rensing und Juri Elmer gab es keinerlei Vorgaben für die Szenen. Auch sie reden und handeln genauso unmittelbar aus dem Moment heraus wie die Betroffenen. Ihre Rollen bleiben fiktiv, ebenso wie die gespielte Partnerschaft von Tatjana und Christian, die durch die Krankheit immer mehr zu zersplittern droht. Was die Szenen zeigen, ist durchwegs dokumentarisch, da sie ausschliesslich durch das Erlebte und durch die Erfahrungen aller Beteiligten kreiert und erfüllt werden.

Juri Elmer
Statement von Spielcoach Franz Dängeli und von Fachleuten
Regie: Kaspar Kasics, Produktion: 2026, Länge: 98 min, Verleih: Vinca Film