Salvation

Tödliche Träume: Mit «Salvation» schuf der türkische Regisseur Emin Alper eine packende politische Allegorie als Thriller. Das vielschichtige Werk, in Berlin mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet, entlarvt schonungslos, wie Populismus Gemeinschaften spaltet, Korruption Menschenrechte vernichtet und der Krieg nicht endet wie einst bei Kain und Abel. Ab 10. September im Kino
Salvation

 

 

Gemeindeversammlung

 

«Salvation» ist wohl Alpers ausgereiftester Spielfilm, der von einer wahren Begebenheit in seinem Land inspiriert wurde, als Parabel jedoch ein Phänomen beschreibt, das die ganze Welt betrifft. In einem spannenden Drama analysiert die Radikalisierungsgeschichte die psychologischen und politischen Mechanismen, die im kollektiven Hass eskalieren.

 

Als Einführung in seinen fünften Film eignen sich seine letzten Werke: «A Tale of Three Sisters» über drei Schwestern im fernen Anatolien, vertieft mit einer einfühlsamen Beschreibung ihrer Befindlichkeit; weiter «Burning Days» über einen engagierten Staatsanwalt in einem spannenden, sinnstiftenden Thriller. Beide Filme sind bei trigon-film.org als DVD und bei filmingo.ch als Stream erhältlich.

 

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Ferit

 

Annäherung

 

Zwei rivalisierende Clans im Südosten Anatoliens sind durch eine jahrzehntealte Fehde gespalten: der Hazeran-Clan in Ober-Pingan, auf dem Gipfel, der das Tal überragt, und der Bezari-Clan, der einst in Unter-Pingan lebte, bis er ins Exil getrieben wurde, jetzt zurückkehrt.

 

Der Film beginnt mit der Heimkehr von Mesut, einem einflussreichen Mitglied der Hazerans, und dessen Bruder, Scheich Ferit, einem angesehenen geistlichen Führer der Gemeinschaft. Zwischen beiden Männern zeichnet sich ein fundamentaler Gegensatz ab: Ferit verkörpert Mässigung, Dialog und Versöhnung, Mesut lässt sich von Angst und Paranoia überwältigen und ist überzeugt, dass die Bezaris Rache vorbereiten.

 

Dies der Kern der Geschichte. Einmal mehr verwischt Emin Alper die Grenzen zwischen Realität, Fantasie und Albtraum, um allgemeingültige Ängste zum Ausdruck zu bringen. Gerüchte machen die Runde; während Ferit für Koexistenz plädiert, schürt Mesut mit Verweis auf seine prophetischen Albträume die Urängste der Gemeinschaft, die von religiösen Überzeugungen getrieben sind. Eine Abwärtsspirale beginnt zu drehen. Im Mikrokosmos eines Bergdorfs zeigt der Film, wie Fake News, populistische Rhetorik, religiöser Fanatismus Gesellschaften radikalisieren und zerstören.

 

«Salvation» besticht mit hervorragenden Schauspieler:innen und beeindruckender visueller Kraft. Die Kameras von Ahmet Sesigürgil und Barış Aygen fangen die erhabene Schönheit der Berglandschaft in epischen Bildern ein, welche in scharfem Kontrast zur beklemmenden Enge des eskalierenden Konflikts stehen. Alpers Kunst warnt vor der universellen Rhetorik der starken Männer.

 

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Mesut

 

Den Inhalt von «Salvation» verkürzt zusammenfassen, verfälscht seine Komplexität, ihn ausführlich wiedergeben, übersteigt unsere Auffassung. Der folgende «Kommentar des Regisseurs» leistet das Notwendige brillant und erschöpfend, beginnt bei der Vorgeschichte, befragt die Motivation und erläutert die Interessen hinter der Produktion.

 

Kommentar des Regisseurs

 

Im Jahr 2009 überfielen in einem Dorf in der kurdischen Region der Türkei zwölf Mitglieder einer Familie eine Hochzeit und töteten 44 Menschen, darunter Kinder und Frauen. Dieses erschütternde Ereignis ist die Hauptinspiration für «Salvation». Wie kann eine Gruppe von Menschen zusammenkommen, um eine andere Gruppe auszulöschen? Wie können sie sich gegenseitig überzeugen und sich selbst dazu motivieren, eine so abscheuliche Tat zu begehen? Und wie können sie diese planen und ausführen? Auf der Suche nach Antworten auf diese beunruhigenden Fragen begann ich mich nicht nur mit diesem Massaker auseinanderzusetzen, sondern auch mit anderen Massentötungen und Genoziden der Geschichte. Das Ergebnis ist eine Erzählung, die versucht, ein Massaker in einem kleinen Mikrokosmos nachzubilden, mit Bezügen zur modernen Geschichte des Kolonialismus und Nationalismus.

 

Alle mörderischen Anführer glauben, dass sie eine Mission haben, sei sie religiöser oder weltlicher Natur; und die meisten von ihnen glauben, dass sie ihr Volk retten. Sie rechtfertigen sich als die Auserwählten. Und in Wirklichkeit werden sie oft von ihrem eigenen Volk auserwählt. Die Menschen, die sich verzweifelt, bedroht und verletzlich fühlen und starke Anführer für drastische Lösungen brauchen, bringen sie an die Macht.

 

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Die Tragik der Frauen

 

In unserem Film ist es Mesut, ein einsamer Mann, geplagt von Albträumen, angetrieben von Eifersucht und unsicher über seinen Status, der zum gesuchten Anführer der Hardliner wird. Sie ebnen ihm den Weg zur Macht. Das Einzige, was noch fehlt, sind die übernatürliche Botschaften, die ihm übermittelt werden sollen.

 

Die Botschaften kommen durch Träume (wie bei den meisten mystischen religiösen Führern). Die Träume im Film sind also Mittel, durch die sowohl Mesut als auch die Dorfbewohner sich selbst (auf halbwache Weise) davon überzeugen, dass ein neuer Anführer mit einer neuen Mission kommt. Zum anderen widerspiegeln die Träume die Angst und Paranoia der Menschen. Die Albträume beginnen bei Mesut und breiten sich schnell auf die Menschen aus, was eine urtümliche Überlebensangst abbildet. Sie schaffen ein erschreckendes Ultimatum: Wenn sie nicht schnell handeln, werden sie versklavt oder vom «Feind» ausgelöscht.

 

Jenseits der Erzählung bestimmen die Träume den stilistischen Ansatz des Films. Durch die Vermischung subjektiver und objektiver Standpunkte und eine Spirale paralleler Visionen lässt er das Publikum in die Welt der Antihelden eintauchen. Dieser charakteristische Stil soll uns helfen, den psychologischen «Wahnsinn» zu verstehen, der ein solches Verbrechen möglich macht.

 

Ich glaube, diese Geschichte hat globale Relevanz. Wir leben in einer Zeit, in der ethnischen Feindseligkeit, «überlebensorientierte» Ansprüche auf Land und das Gefühl einer ständigen Bedrohung durch einen «Feind» im Genozid in Palästina gipfelten. Während unser Film auf der Mikroebene operiert, ist Mesuts persönliche Mission im Wesentlichen dieselbe wie die religiöse Mission des Siedlerkolonialismus. Es ist eine «Erlösung», die die Auslöschung anderer erfordert.

 

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Der Blick auf die Leichen

 

Dies ist kein isoliertes Phänomen, sondern ein globales Muster. Wir sehen es in den brutalen Unterdrückungen und staatlich gelenkten Tötungen im Iran, wo das «Bewahren der Mission» den Mord am eigenen Volk rechtfertigt. Wir sehen es im Westen, wo populistische Anführer Migrant:innen und Minderheiten zum Sündenbock machen, um ein Gefühl des nationalen Notstands zu erzeugen. Die Rhetorik ist stets dieselbe: Sie sagen ihrem Volk, dass «sie» vernichtet werden müssen, damit «wir» überleben können. Die Welt wird unter der Herrschaft dieser unberechenbaren, machtbesessenen Anführer, die nicht nur ihre eignen Länder, sondern die gesamte Welt an den Rand der Katastrophe zu treiben drohen, zunehmend unsicherer.

Regie: Emin Alper, Produktion: 2026, Länge: 120 min, Verleih: trigon-film