Hiver à Sokcho

Auf der Suche nach Identität: In Sokcho, einer Kleinstadt am Meer Südkoreas, führt die 23-jährige Soo-Ha ein Leben zwischen der Mutter, einer Fischhändlerin und ihrem Freund. Die Ankunft des Franzosen Yan Kerrand in der Pension, in der sie arbeitet, weckt Fragen zu ihrem Selbstverständnis: Sie beobachten und prüfen sich gegenseitig und knüpfen zerbrechliche Verbindungen. Regisseur Koya Kamura schuf mit seinem ersten Spielfilm «Hiver à Sokcho» darüber einen Hymnus auf das, was menschliche Identität ist und sein kann. Ab 29. Januar 2026 im Kino
Hiver à Sokcho

Yan Kerrand (l) und Soo-Ha

 

Vom Roman zum Film

 

Mit «Hiver à Sokcho» schuf der französisch-japanischen Regisseurs Koya Kamura eine kongeniale Adaption des gleichnamigen Romans der in der Romandie lebenden Schweizerin Elisa Shua Dusapin, der 2016 mit dem Prix Robert Walser ausgezeichnet wurde. Beim Lesen des Buches fühlte der Filmemacher eine persönliche Verbundenheit mit der Hauptfigur, da die Geschichte auch sein eigenes Leben widerspiegelt. In der sensiblen und sinnlichen Verfilmung des Romans, in der Roschdy Zem den einsamen französischen Zeichner Yan Kerrand und Soo-Ha Bella die Koreanerin auf ihrem Weg zu sich spielen, lässt er uns teilhaben an einem innerlich ereignisreichen Winter in der Ferne.

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Sie will ihn kennenlernen

 

Anmerkungen des Regisseurs

 

Ich komme aus einem multikulturellen Umfeld. Meine Mutter ist Französin und mein Vater Japaner. Oft stolz, manchmal verspottet, habe ich meine Identität im Laufe meines Lebens um diese «Originalität» herum aufgebaut. In Frankreich nie ganz Franzose, in Japan noch weniger Japaner, habe ich sehr lange nach meinem Platz in der Gesellschaft gesucht, weil ich das Bedürfnis hatte, in beiden Ländern akzeptiert zu werden. «Hiver à Sokcho» untersucht multikulturelle Wurzeln und die Suche nach Identität und lässt sich dabei vom Buch der französisch-koreanischen Autorin Elisa Shua Dusapin inspirieren, die sehr sensibel die Komplexität der Identität anhand ihrer Hauptfigur thematisiert.

 

Wie definiert sich die Identität einer Person wirklich? Durch die Sprache, die wir sprechen, oder durch unser kulturelles Erbe? Für Soo-Ha, die von ihrer Mutter in Korea aufgezogen wurde, bleibt ihr französischer Vater ein Rätsel, eine quälende Abwesenheit, die ihre Selbstwahrnehmung beeinflusst. Eine Leere, die sie gut zu füllen versucht, oft zum Nachteil ihres körperlichen und seelischen Wohlbefindens. Das Fehlen dieser Hälfte ihrer Herkunft wirft die Frage auf, wie wichtig das Erbe für die Konstruktion der eigenen Identität ist.

 

Spielt das Aussehen eine entscheidende Rolle bei der Suche nach Identität? Soo-Ha, die sich wegen ihrer auffälligen körperlichen Merkmale, wie ihren grossen hellen Augen oder ihrer Grösse, unwohl fühlt, muss dem gesellschaftlichen Druck standhalten, sich den von Vorurteilen geprägten Schönheitsnormen anzupassen, die in Südkorea sehr präsent sind. Ich spreche das Thema Schönheitsoperationen an, ein echtes Phänomen in der südkoreanischen Gesellschaft. Dieser Druck wirkt sich auf ihr Verhältnis zu ihrem Körper aus und führt zu Essstörungen, was die Komplexität der Selbstakzeptanz in einer Gesellschaft mit starren Erwartungen unterstreicht.

 

Wird unsere Identität durch die Art und Weise geprägt, wie unser Umfeld uns wahrnimmt? Soo-Ha bewegt sich zwischen den Erwartungen ihrer Mutter, ihres Freundes Jun-Oh und Kerrands, einem älteren Mann, der zu einer Vaterfigur wird und schliesslich Fragen zu ihrer eigenen Identität aufwirft. Ihre Mutter, die sie beschützt, aber über die Vergangenheit schweigt, weigert sich, die Geschichte ihrer Familie zu erzählen. Jun-Oh widerspiegelt gesellschaftliche Normen und ästhetischen Druck, während Kerrand mit seinem Blick als Künstler und Mensch mit einer eigenen Sichtweise ihre Identität hinterfragt. Er bietet ihr mit seinem Blick als Künstler und Mensch mit einer eigenen Sichtweise auf die Gesellschaft eine neue, aber beunruhigende Perspektive auf sich selbst.

 

«Hiver à Sokcho» ist eine visuelle und intime Auseinandersetzung mit diesen universellen Fragen zur Identität jedes Einzelnen. Das Kochen, eine Kunst, die ihr von ihrer Mutter vermittelt wurde, wird für Soo-Ha zu einem Mittel des Ausdrucks und des Trostes und symbolisiert ihre kulturellen Wurzeln. Die Interaktionen zwischen Soo-Ha und den anderen Figuren offenbaren ihre inneren Konflikte und ihren Weg zur Akzeptanz ihrer gemischten Herkunft. Diese inneren Konflikte werden durch animierte Sequenzen hervorgehoben, die dem Publikum einen Einblick in Soo-Ha's emotionalen Zustand geben.

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Auf der Fahrt zur entmilitarisierten Zone

 

Einige vielleicht zufällige Entdeckungen

 

«Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, Horatio, von denen sich eure Schulweisheit nichts träumen lässt», umschreibt William Shakespeares im «Hamlet« das, was ich in «Hiver à Sokcho» suchen und finden, sehen und hören, vermuten und entdecken möchte. Nicht bloss die Geschichte, sondern die Bilder und Bilder dahinter, die Worte und Wort dahinter, die Blicke und Seitenblicke. Nachfolgend ein paar Stichworte, mit denen wir vielleicht Neues über das Leben erfahren können:

 

Traditionen wirken. Sie verbinden Soo-Ha mit Mutter Mi-Hyeon und Tante Kyung-Soon, die auf eine baldige Hochzeit der Jungen hoffen.

 

Eine Vergangenheit ohne Vater. Das wirkt sich auf die junge Frau aus, weil ihre Mutter sie angelogen hat, ihr Vater hätte vor dem Verschwinden nicht gewusst, dass sie mit ihr schwanger war.

 

Schönheitsideale wirken im Osten wie im Westen. Hier wird Soo-Ha von Jun-Oh, der professionell modelt, bedrängt, ihr Äusseres auch zu verändern, wie es üblich ist, was sie ablehnt.

 

Geborgen in der Arbeitswelt. Soo-Ha liebt ihre Arbeit bei Hr. Park im Service und in der Küche der Gaststätte Blue House und erlebt dabei Befriedigung und Anerkennung.

 

Kunst als Motor: Der französische Tourist Yan Kerrand, als kultureller Saison-Höhepunkt angekündigt, bringt sich und seine Zeichnungen aus der Fremde in das Leben von Soo-Ha.

 

Sprache verbindet und trennt. Soo-Ha hat in Seoul Koreanisch und französische Literatur studiert, was Yan mit seinen Zeichnungen und seinem Fragen ihr näher bringt.

 

Land als Heimat: Der Fremde will auch das Leben in der Demarkationszone zwischen Süd- und Nordkorea besuchen und kennenlernen.

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Suchen nach innen, zurück und nach vorne

 

Dankeschön

 

Wenn wir ernsthaft, wie oben vorgeschlagen, den Film in seiner Tiefe zu verstehen und auszuschöpfen versuchen, nicht nur die Story, die bloss das Gerüst ist, öffnet sich uns langsam der Gehalt des Films, setzt sich in unserem Bewusstsein und Unterbewusstsein fest und wird im Glücksfall ein Teil auch unserer Identität.

 

Dass im «Winter in Sokcho» nicht nur die Personen, die spielen, wichtig sind, sondern auch die Bilder von Élodie Tahtane, die Montage von Antoine Flandre, die Musik von Delphine Malausséna, die Animation von Agnès Patron und vor allem die Person, die alle vereint, der Regisseur Koya Kamura, ist klar. Ihnen allen gehört der Dank für dieses mehrschichtige, vieldeutige Werk, das schliesslich unser persönliches Werk wird heisst es doch, dass anspruchsvolle Filme nur zur einen Hälfte von der Produktion, zur anderen von der Rezeption, also von uns, erschaffen werden.

 

Regie: Koya Kamura, Produktion: 2025, Länge: 104, Verleih: Frenetic