L’Attachement

Im Beziehungsnetz: Sandra, eine alleinstehende Frau in den Fünfzigern, lebt ein unabhängiges Leben frei von Konventionen. Wegen eines Todesfalls erklärt sie sich widerwillig bereit, den fünfjährigen Elliott der Nachbarsfamilie zu hüten, ahnt nicht, dass sie damit zu einer wichtigen Bezugsperson für die Familie wird. Carine Tadieu vertieft und erhöht «L’Attachement» zur Hymne auf die zwischenmenschlichen Beziehungen. Ab 21. August im Kino
L’Attachement

 

Sandra

 

Valeria Bruni Tedeschi spielt Sandra, eine selbstbewusste Frau. Und Carine Tadieu, die französische Regisseurin, thematisiert emphatisch und sensibel Verlust, Trauer, Neuanfang und schafft es überzeugend, die Familie neu zu definieren. Mit «L’Attachement» adaptiert sie den Roman «L’Intimité» von Alice Ferney, mit der Buchhändlerin Sandra im Zentrum, die nach dem plötzlichen Tod ihrer Nachbarin einwilligt, auf die neugeborene Lucille und den fünfjährigen Elliott aufzupassen, obwohl sie mit Kindern eigentlich wenig anfangen kann. Danach wächst Sandra nicht nur für den Jungen und das Neugeborene immer mehr in die Rolle einer wichtigen Bezugsperson hinein, sondern auch für den verwitweten Vater. Es entsteht eine tiefe, feinsinnige Bindung, die immer wieder austariert werden muss.

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Sandra und Elliott


Carine Tardieu brilliert auch in ihrem fünften Film, wenn es darum geht, von den Tragödien der menschlichen Existenz zu erzählen, mit Charme und stiller Melancholie. Sie fächert vor allem die Beziehungen der fünfzigjährigen Sandra, des sechsjährigen Elliott und der übrigen Figuren subtil auf. Mit Sandra, der unabhängige Frau, die sich bewusst für ein Leben ohne Kinder und festen Partner entschieden hat, stattdessen einen feministischen Buchladen führt, ununterbrochen raucht, nicht kocht, meist einen Roten im Glas hat.

Was zu erwarten ist, inszeniert Tardieu mit charmanter Ernsthaftigkeit. Alex (Pio Marmaï) steht mit Lucille und Elliott (César Botti) da, der nicht sein leiblicher Sohn ist. Plötzlich meldet David (Raphaël Quenard) Ansprüche an. Alex macht Sandra Avancen, Sandras Mutter, die ihre Töchter allein aufgezogen hat, hält flammende Reden, Céciles Mutter trauert leise vor sich hin, schliesslich kommt auch noch die junge Kinderärztin Emilia (Vimala Pons) Alex näher. Eine völlig verworrene Patchworkgemeinschaft! Jede Figur zeichnet Tardieu mit Wohlwollen, wie sich diese auch selbst begegnen. Es gelingt ihr, die Schwere der Geschichten mit Empathie und Leichtigkeit zu erzählen und beiläufig auch noch über den Feminismus debattieren.

 

Die unterhaltsame und berührende Handlung vor der Kamera wird unterstütz und vertieft von einer Crew dahinter: der Kamera von Elin Kirschfink, der Musik von Eric Slabiak, dem Schnitt von Christel Hdwynter, welche die Geschichte in die Zeit und den Raum einbinden.

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Sandra und Alex

 

Interview mit Carine Tadieu

Was hat Sie dazu bewogen, Alice Ferneys Roman «L’intimité» zu verfilmen?

Schon beim ersten Lesen hat mich das Buch emotional gepackt, mein Interesse war geweckt, vor allem für die Figur der Sandra, die im Roman im Hintergrund steht. Ein paar Monate später besuchte mich Fanny Ardant und sah den Roman auf meinem Schreibtisch und sagte mir, dass diese Geschichte wie für mich geschaffen sei.

 

Welche Themen haben Sie besonders angesprochen?
Mir gefiel die Idee, eine moderne Frau zu porträtieren, die sich nicht dem Diktat des Patriarchats unterwirft, ihre Unabhängigkeit reklamiert, ein Singledasein lebt, das sie nie zu rechtfertigen versucht, eine relativ freie Frau also, die jedoch plötzlich durch die Zuneigung eines kleinen Jungen und dessen Vaters erschüttert wird. Mir gefiel die Idee, dass eine Frau, die auf den ersten Blick keine Anziehungskraft auf Kinder hat, eine Bindung mit einem Kind eingehen kann.

Wie viele Frauen in meinem Alter, ich bin 50, wurden als kleine Mädchen mit Märchen gefüttert, die mit einer Hochzeit und vielen Kindern enden, und als junge Erwachsene von der Gesellschaft dazu gedrängt, eine klassische Familie zu gründen? Mein Weg war ein anderer, ich musste mich für meine ungewöhnliche Situation rechtfertigen. Mutter zu werden war für mich nie ein Anliegen. Doch mit 40, vielleicht weil ich es leid war, mich immer nur um mich zu kümmern, wurde ich neugierig auf die Mutterschaft, und ich habe im Ausland ein Kind adoptiert. Als ich meine Tochter in den Händen hielt, wurde mir klar, dass unser Kennenlernen gerade erst beginnt.

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David

 

Sie haben den Film in Altersabschnitte des Babys unterteilt. Wollten Sie damit andeuten, dass sie die Metronome unseres Lebens sind?

Mich hat immer wieder die unausweichliche Erkenntnis über den Lauf der Zeit beeindruckt, die die Kinder, wenn sie heranwachsen, uns unweigerlich aufzwingen. Als ob jeder noch so kleine Fortschritt uns nicht nur verblüfft, wenn wir dafür sensibel sind, sondern auch signalisiert, dass alles Erworbene unwiderruflich erworben ist. Für Sandra gilt: Wenn Liebe entsteht, lässt ihre wachsende Intensität kein Zurück mehr zu.

Hatten Sie sofort den Titel «L'Attachement» im Kopf?
Eine Zeit lang hiess der Film «Le bruit des enfants» und griff damit die Idee der Vitalität auf, die Kinder dem Tod entgegensetzen. Doch dieser Titel schien mir zu kurz gegriffen. Der endgültige Titel drängte sich mir gegen Ende des Schreibens auf, als mir die Theorie von John Bowlby in den Sinn kam, nach der die Bindung bei Neugeborenen in mehreren Etappen erfolgt: Das Kind bindet sich zuerst an denjenigen, der sich um es kümmert, es ist eine Art Überlebensinstinkt, der nicht gleichbedeutend mit Liebe oder Zuneigung ist. Kurz gesagt: Elliott hängt sich zuerst an ihre Nachbarin, weil sie da ist.

 

Mit Emilia greifen Sie auch das Thema Patchworkfamilie auf.

Im Gegensatz zu Sandra, die sich nie gewünscht hat, Mutter zu werden, setzt Emilia eine gewisse Energie ein, um sich in die Familie zu integrieren. Mit ihr wollte ich eine dieser Frauen darstellen, für die die Idee, eine Familie zu gründen, zwar immer feststand, die aber feststellt, dass dies zumindest in diesem Moment ihres Lebens nicht das Richtige für sie ist. Die Wahl ihrer rumänischen Herkunft verstärkt die Vorstellung, dass sie zusätzlich die Last einer auf den ersten Blick traditionellen Familie tragen muss, die Befreiung von diesen Vorgaben, keine leichte Aufgabe ist.

 

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Emilia

 

Der Film hinterfragt auch den Feminismus und seine verschiedenen Formen.

Ich bin natürlich zwangsläufig Feministin, aber keine Aktivistin. Die Politik kommt in meinen Filmen ein bisschen vor, ist jedoch nicht mein Hauptanliegen. Dennoch ist das Schreiben eine Form des Engagements. Die Szene am Esstisch, in der Sandras Mutter, Odette und ihre Töchter zusammenkommen, ist eine der wenigen komödiantischen Szenen des Films. Als Odette ihren Mann verliess, zog sie ihre beiden Töchter allein auf und war vom Joch der Ehe befreit, so dass sie sich austoben konnte. Ihre Töchter wiederum haben ganz unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen: Die eine hat fünf Kinder bekommen und ist in ihrem Familienleben aufgegangen, während die andere beschlossen hat, völlig «frei» zu bleiben.

Unsere Idee war es, durch verschiedene Blickwinkel zu zeigen, wie jede Frau mit dem Feminismus konfrontiert wird und ihn unterschiedlich nutzt. Der Austausch zwischen Sandra und Emilia, in dem sie die Frage nach der Existenzberechtigung des feministischen Buchladens stellt, geht in die gleiche Richtung.

 

Persönliches Nachwort

 

Mir scheint, dass es gerade in der heutigen Situation unserer Welt, wo Brutalität, Irrsinn und Männergewalt herrschen, notwendig ist, dass auch die Welt von «L’Attachement» und der darin handelnden Gemeinschaft gezeigt werden ̶̶ mit Bildern der Zärtlichkeit, des Küssens und des Liebens und der Anteilnahme anstelle von Bildern des Kämpfens und Töten und des Dürstens und Hungerns.

 

 

Regie: Carine Tardieu, Produktion: 2024, Länge: 106 min, Verleih: Frenetic