Los silencios

Geheimnisvoller Amazonas: Eine Mutter flieht mit ihren zwei Kindern auf eine Insel im Amazonas. Beatriz Seigner hat mit «Los silencios» ein grossartiges und vielschichtiges Gleichnis über das Leben auf der Flucht geschaffen. - Ab Ende Juli in den Kinos
Los silencios

Auch Übernatürliches ist möglich

Mitten in der Nacht kommt Amparo Gomez mit ihren Kindern Nuria und Fabio auf einer Insel im Amazonas an. Aus der Ferne können wir nur wenige Lichter ausmachen. Mit den Kindern schauen und staunen wir, wie wir in die Landschaft hineinfahren. Die Insel ist arm, nimmt die Flüchtlinge dennoch mit Mitgefühl auf. Nuria stellt beim Kennenlernen ihres neuen Zuhauses fest, dass hier noch eine andere Gemeinschaft lebt – wie in einer Parallelwelt. Zu dieser Gruppe gehört ihr verschollener Vater.

«Los silencios» (Das Schweigen) beschreibt zunächst naturalistisch die Flüchtlingssituation im Umfeld von Peru, Kolumbien und Brasilien. Die brasilianische Regisseurin Beatriz Seigner schafft es mit Leichtigkeit, dem Übernatürlichen etwas selbstverständlich Natürliches einzuhauchen. Das subtile Spiel von Licht und Farben der Kamerafrau Sofia Oggioni verleiht dem Melodrama etwas Zärtliches. Der Film will aber auch mehr sein als ein ästhetisches Spiel. Er ist eine Mischung aus sozialem Realismus und fantastischem Traum, unterstützt von einem Soundtrack, in dem die Geräusche des Waldes und des Flusses und einheimische Instrumente in Geheimnisse einführen und dabei reine Poesie schaffen.

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Fabio findet Arbeit

Sein heisst auf der Flucht Sein

Die drei sind vor dem bewaffneten Konflikt in ihrer kolumbianischen Heimat geflohen, nachdem der Vater spurlos verschwunden war, wo er eines Tages zwar wieder in ihrem neuen Zuhause auftaucht. Die Regisseurin und Schauspielerin Beatriz Seigner reflektiert in ihrem zweiten Spielfilm auf bewegende Weise das Auf-der-Flucht-Sein, beschreibt die Flucht «als Gleichnis des Lebens». Grenzen der Wirklichkeit sind dabei zwar wichtig, doch nur um überschritten zu werden, was der Film beeindruckend macht. Die Handlung spielt in einem Dorf auf einer Insel im oberen Amazonas, wo die Holzhäuser auf Pfählen gebaut sind und enge Stege die Menschen vor dem Hochwasser bewahren. Am Tag erfüllt das Surren der Insekten die Stille, nachts spiegelt sich das Licht der Gaslaternen im Fluss.

Amparo ist hier, weil ihr Mann, Adam Baqueira, den Bürgerkriegswirren zwischen der FARC, den Milizen und der regulären Armee zum Opfer gefallen ist. Mit ihrer Ankunft beginnt für sie ein Immigrantenleben, das die Kamera in unspektakulären Einstellungen festhält. Fabio muss eingeschult werden, was rasch zum finanziellen Problem wird. Die Verwaltung will Beweise ihrer Verfolgung sehen. Von der Justiz muss sie sich anhören, dass ihre Lage klarer wäre, wenn der Leichnam ihres Mannes auftauchen würde. – Auch wenn der Film die aktuelle Flüchtlingssituation in der Welt nie anspricht, könnten und sollten wir sie dennoch mitdenken: Das Uno-Flüchtlingshilfswerk zählte Ende 2018 mehr als 70 Millionen Menschen auf der Flucht.

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Nuria steht der Mutter nahe

Zwei Wirklichkeiten

Mit souveräner Beiläufigkeit legt die Cineastin tiefere Dimensionen des Films frei. So taucht schon bald der Geist von Amparos Mann an ihrer Seite auf, nicht als Erinnerung an einen Toten, sondern als Begleiter, dessen stumme Präsenz auf ungebrochene Vertrautheit schliessen lässt. Unter der Dorfbevölkerung gibt es weitere solch geisterhafte Personen. Im Zusammenleben von Lebenden und Toten zeigt sich der singuläre Status dieser Menschen: Der Landstrich ist nicht nur den Schwankungen des Wasserspiegels unterworfen, sondern wird auch zur Schnittstelle, wo Räume und Zeiten ineinanderfliessen.

Der Regie ist zu es zu verdanken, dass die Übergänge von einer Welt zur andern fliessend verlaufen. Das Understatement von Enrique Díaz in der Rolle des Mannes und die sorgsame Lichtführung, die die Räume oft zur Hälfte im Dunkel versinken lässt, öffnen der Wahrnehmung neue Perspektiven und verleihen der Handlung eine stimulierende Vieldeutigkeit. Dafür gibt es die Bürgerversammlung, die einberufen wird, um die Anwohner über die Pläne ausländischer Investoren zu informieren. Finanzkräftige Firmen wollen die Häuser aufkaufen, um an ihrer Stelle ein Casino zu bauen und die Region in ein touristisches Zentrum zu verwandeln. Das Vorhaben der Investoren erscheint ähnlich wie der Kampf um die Ölreserven, der die Flüchtlingswellen erst ausgelöst hat. Im basisdemokratischen Prozess entscheidet die Bevölkerung über die Zukunft, was dem Drama eine utopische Grundierung verleiht.

In einer zweiten, symmetrisch angelegten Versammlung vollzieht der Film eine weitere Wende. In einem nachts einberufenen Treffen sind es jetzt die Verstorbenen, die über Schuld und Sühne debattieren. Der Fokus weitet sich: Zu den Verschwundenen zählen nicht nur die Opfer der jüngsten Guerillakriege, sondern auch die Jahrhunderte währenden Morde an der indianischen Bevölkerung werden gegenwärtig. Fluoreszierende Körperbemalungen, subtil eingesetzt, setzen den Verschwundenen ein leuchtendes Denkmal und installieren «Los silencios» in einem Zwischenreich, in dem der Naturalismus und die magische Fabel sich fragil und faszinierend verbinden.

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Adam und Amparo

Inseln der Fantasie

Angesiedelt ist «Los silencios» auf einer Insel mit dem märchenhaften Namen «Isla de la Fantasía». Diese gibt es wirklich. An einem Arm des Amazonas gelegen, steht sie während vier Monaten im Wasser und taucht die restliche Zeit wie durch Zauberhand an die Oberfläche. Fantasie kann bekanntlich Vorstellung, Erscheinung oder Gespenst heissen. Und ein bisschen gespenstisch war es schon, als Amparo am Anfang des Films nachts mit ihren Kindern die Insel erreichte.

Die Handlung spielt während der Friedensverhandlungen von 2016. Die Familie kommt als Vertriebene auf der Insel. Wie überall auf der Welt hat niemand auf sie gewartet. Adam unterstützte die Guerilla und steht nun auf der Todesliste der Paramilitärs, gilt, zusammen mit seiner Tochter, als verschwunden, was so viel heisst wie tot, aber noch nicht gefunden. Bewundernswert, mit wie viel Kraft und Würde die Mutter die Lebenssituation meistert; bemerkenswert, wie authentisch und eindrücklich die Tochter ihre zugeschüttete Trauer lebt. Grossartig, wie respektvoll Beatriz Seigner ihre Figuren, einfache Menschen aus dem Dorf, darunter viele Laiendarsteller, in Szene setzt und den Toten den Platz zurückgibt, denn Amparo ist nicht die Einzige, die Tote zu beklagen hat.

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Nuria führt in die andere Welt

Sind Tote wirklich tot?

Die Toten bleiben unter den Lebenden gegenwärtig, selbst wenn man sie nicht sieht, was der Film atmosphärisch mit Tag- und Nachtszenen, Licht- und Farbkontrasten, Gezirpe und Vogelschreien wahrnehmbar macht. Das Gefühl einer unsichtbaren Präsenz stellt sich ein, das Schweigen der Verstorbenen wird fassbar. Die neuen Erfahrungen des Unheimlichen fliessen in eine phantasmagorische Stimmung, die keine Angst einflösst, denn das Unheimliche wird familiär. Bald geht Amparos Mann in der Hütte ein und aus, erst versteckt und nicht für alle sichtbar, später, als die seelische Not der Frau zu gross wird und sie mit jemandem reden muss, sitzt er bei ihr am Tisch und bricht das Schweigen.

Seigner konfrontiert die Opfer und Überlebende mit der fundamentalen Frag: Ist Friede überhaupt möglich nach so viel Leid, mit 220 000 Toten und fünf Millionen Vertriebenen? Die Verblichenen äussern ihre Gefühle, ihre Wünsche, ihre Bedürfnisse, sie heben sich zusehends durch kolorierte fluoreszierende Details von den Lebenden ab, Farben, die schon früher dezent in den Film gestreut wurden und jetzt ihre wahre Dimension entfalten. Hat der Friede eine Chance? Sorgt die Regierung unter Iván Duque für eine wirkliche Eingliederung der Guerilleros? Kann sie Sicherheit gewährleisten? Gibt es Alternativen zum lukrativen Koka-Anbau?

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Beatriz Seigner, die Regisseurin

Geheimnisse lösen sich auf

Komplexe Verstrickungen harren ihrer Entwirrung, wie die Insel dem Rückzug des Wassers, in dem Amparo mittlerweile in der Hütte knietief steht, während sie die finale Nachricht erreicht: Die Körper wurden gefunden, ihre Familie ist auf eine neue Art wieder komplett, ein Abschied ist möglich. Wieder gleiten Boote durch die dunkle Nacht, diesmal nicht auf der Flucht, sondern zu einem Kreis sich formierend, im Gedenken an die Verstorbenen: ein blumiges, nächtliches Wasserbegräbnis – nie gesehen, unvergesslich.

Gespräch mit Beatriz Seigner, PDF

Regie: Beatriz Seigner, Produktion: 2018, Länge: 90 min, Verleih: trigon-film