Sami, Joe und ich ich

Drei junge Frauen starten durch: Mit dem Spielfilm «Sami, Joe und ich» hat Katrin Heberlein ein authentisches und anteilnehmendes Porträt einer Freundschaft junger Frauen geschaffen: wertvoll und empfehlenswert. - Ab 22. April im Kino
Sami, Joe und ich ich

Leyla, Joe, Sami (v. l.), die verschworene Bande

Die Schulzeit ist vorbei, endlich beginnt das richtige Leben! Sami, Joe und Leyla sind sechzehn und starten in den schönsten Sommer ihres Lebens. Nur was dieser für sie parat hält, entspricht in keiner Weise ihren Träumen. Im Gegenteil. Mit Wucht zieht dieser ihnen nach dem Motto «Vogel friss oder stirb!» den Boden unter den Füssen weg. Doch Sterben ist für sie keine Option, sie leben als unzertrennliche Mädchenclique und ziehen plaudernd, lachend, tanzend und scherzend durch die Strassen. Zum Start ihres neuen Lebens haben sich die Teenager jedoch mit gewaltigen Schwierigkeiten herumzuschlagen: Sami leidet unter ihren strengen Eltern, Joe muss sich um ihre kleinen Geschwister versorgen und Leyla tritt voller Nervosität ihre Lehrstelle in einer Grossküche an. Für alle drei stehen wegweisende Entscheidungen an. In dieser Zeit voller Veränderungen scheint ihre Freundschaft das einzig Beständige zu sein. Bis sich die Ereignisse überschlagen und auch diese vor harte Proben gestellt wird.

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Joe tanzt sich in die Freiheit

Anmerkung der Produzentin Claudia Wick

Die fiktionale Geschichte über Sami, Joe und Leyla ist aus dem drängenden Bedürfnis gewachsen, eine Alternative zu zeigen zu den vorherrschenden weiblichen Vorbildern in Film und Fernsehen. Eine Ehrlichkeit und «Normalität» abzubilden, weg von den rundum glänzenden Social-Network-Selfie-Darstellungen. Weder Hochschulelite, «Germany’s Next Topmodel» noch «Reiche Söhne, reiche Töchter», sondern das pure Gegenteil zu zeigen. Rund um durchschnittliche Mädchen aus einem unspektakulären Quartier einer Schweizer Stadt eine Geschichte zu erzählen. Lebensnähe widerspiegeln und ganz reale universelle Konflikte und Probleme im Alltag einer multikulturellen Gesellschaft aufzeigen.

Wir alle haben erlebt, wie wichtig die Teenagerjahre sind. Wie zerbrechlich man ist, wie neugierig, wie offen und bereit, alles aufzusaugen. Wie nahe Himmelhoch-Jauchzen und Zu-Tode-Betrübt sein kann. Welch beglückend sprudelnde Lebensfreude die Zusage einer Lehrstelle, die allererste Reise ohne Eltern oder der erste Kuss bewirken. Und wie viel Unsicherheit und In-Frage-Stellen mit dieser Zeit verbunden ist. Die unbändige Sehnsucht nach der eigenen Identität in diesem Alter, der Drang nach Loslösen von der Familie und der Wunsch, die Welt zu verändern, sind eine ungestüme Kraft, die leider auch manipuliert werden kann. So denkt man an die Radikalisierung z. B. durch den IS, wie dies die Geschehnisse in Winterthur vor ein paar Jahren zeigten, aber auch Rechtsradikalisierung oder Grooming. Diese Verführungen finden besonders bei Mädchen oft im «sicheren» Zuhause, im eigenen Zimmer durch Hilfe der virtuellen Welt statt. So haben konkrete Ereignisse und Gespräche mit einer Jugendpsychologin Karin Heberleins Arbeit am Drehbuch mitgeprägt.

Es liegt in der Natur der Evolution, wir hoffen mit Nachkommen und heranwachsenden Generationen, dass sich die Dinge verändern, Missstände sich bessern. Wir träumen und vertrauen, dass Mädchen und Frauen furchtloser, selbstbestimmter und unangepasster werden, sich wehren, hinstehen und laut werden bei Ungerechtigkeit, Verletzung, Missbrauch. Die Frage bleibt immer, wie reagiere ich, wie gehe ich mit schweren, schmerzlichen, traumatischen Erfahrungen um, wie wachse ich daraus, wie kann ich im besten Fall sogar an Stärke gewinnen.

Einen Film darüber zu machen, der uns gleichzeitig auch an die überschäumende, unzähmbare Lebenslust und Energie, die wir als junge Erwachsene gespürt haben, erinnert, das hat mich begeistert.

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Sami unter väterlicher Herrschaft

Anmerkungen zu «Sami, Joe und ich»

Vom Schulabschluss zum Lebensanfang. Noch eine Minute, dann ist die Schulzeit vorbei und beginnt die grosse Freiheit! Nach dem turbulenten Start lässt uns der Film «Sami, Joe und ich» neunzig Minuten lang mitfiebern, mitzitternd und hält uns in der Schwebe. Obwohl die jungen Frauen unzertrennlich sind, werden sie durch Probleme immer wieder auseinandergetrieben. Als wäre dies nicht schon genug, erlebt Joe einen brutalen Akt der Gewalt, welcher sie traumatisiert, dass sie ihn auch vor ihren besten Freundinnen geheim halten möchte. Doch diese lassen nicht locker und stehen ihr zur Seite, auch wenn sie selbst dabei einiges riskieren. Gibt es für die drei noch ein Happy End in dieser von Karin Heberlein und ihrem Team spannend und eindrücklich erzählten Geschichte?

Aus der Fremde in die Nähe. Die drei jungen Frauen mit den verschiedenen Temperamenten, die sich regelmässig in einer Zürcher Freizeitanlage treffen und allmählich eine verschworene Clique werden, kommen aus verschiedenen Ländern und Kulturen. Erst im Lauf der Zeit werden aus Outsidern Insider, entsteht Vertrauen, beginnen Freundschaften, wächst Solidarität. Am Anfang und am Schluss des unterhaltsamen Films zeigt eine Lehrerin, dezent im Hintergrund, wie die jungen Frauen sich in ihr neues Leben stürzen sollen und was ihnen dabei Mut machen könnte. Doch an allen Ecken und Enden lauert trotz ihrer naiven Unbekümmertheit eine unterschwellige Angst.

Formen der Männer-Gewalt. Sieht und hört man genau hin, spürt man durch den ganzen Film, gelegentlich im Hintergrund und gelegentlich im Vordergrund, wie vielfältigen Formen männlicher Gewalt an den jungen Frauen verübt werden, die deren Glück bedrohen. Zum Beispiel durch den arrogant herumbrüllenden Chef, die Fürsorge vortäuschende Überwachung der Schwester durch den Bruder, die versteckte Manipulation für den IS, der spontanen Entscheid des Vaters, die Tochter nach Bosnien zu schicken, und schliesslich ein sexueller Akt. Nur selten wird das Thema der Herrschaft des Mannes über die Frau in einem Film in ähnlich diskreter und gleichzeitig realistischer Art geschildert wie in diesem Psyc hodrama.

Hoffnung aus Freundschaft ermöglicht. Gegen Schluss, immer stärker in den dramatischen Strudel hineingenommen, glaubt man kaum mehr an einen guten Ausgang. Doch feine Anspielungen lassen schliesslich doch noch zaghaft etwas Hoffnung aufkommen für Leyla, Joe und Sami, dass es auch für sie einmal Möglichkeiten zu einem besseren Leben geben kann. Der visuell ausgebaute offene Schluss, der einen Bogen zum Anfang schlägt, lässt mit neuer Lebenslust, Freundschaft und Solidarität endlich an eine bessere Zukunft glauben. Die Regisseurin fordert denn auch in einem Gespräch zu ihrem erstem Filmdebüt von den Mädchen: «Habt immer mehr Träume in euren Seelen, als die Wirklichkeit zerstören vermag.»

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Leyla vor ihrem Lehrstellenantritt

Biografie von Karin Heberlein

Geboren in Basel, aufgewachsen in Zürich, zog Karin Heberlein nach London und studierte Schauspiel an der Central School of Speech & Drama. Verschiedenste Arbeiten an Theatern in England und Schottland (u. a. Oxford Playhouse, National Theatre London, Tron Theatre Glasgow, Traverse Edinburgh) und an internationalen Festivals folgten. Parallel entstanden erste eigene Theaterproduktionen als Autorin/Regisseurin als Resident Artist am BAC, am Dublin Theatre Festival, am Edinburgh Festival, im HAU in Berlin und auf Kampnagel in Hamburg. Eine Weiterbildung in Filmregie an der NFTS/Met Film School in London verschob ihren Fokus und führte zum Film. Assistenzen und erste Kurzfilme folgten. 2012/13 war sie Stipendiatin der 24. Drehbuchwerkstatt München/Zürich an der HFF und arbeitet seither als freischaffende Autorin und Regisseurin. «Sami, Joe und ich» ist ihr erster Langspielfilm.

Gespräch mit der Regisseurin Karin Heberlein / Bios der drei Hauptdarstellerinnen

Regie: Karin Heberlein, Produktion: 2020, Länge: 94 min, Verleih: Outside-thebox