Antoinette dans les Cévennes

Der Liebhaber, ein Esel und ich: Vom Liebhaber versetzt, begibt sich eine junge Frau mit einem Esel auf eine Trekking-Tour. Caroline Vignal spielt im Road Movie «Antoinette dans les Cévennes» mit der Moral der Moralisten, unterhaltsam und mit französischem Charme.
Antoinette dans les Cévennes

Antoinette und Vladimir

Die aufgestellte junge Lehrerin Antoinette (Laure Calamy) freut sich auf eine Woche Sommerferien mit ihrem heimlichen Geliebten Vladimir (Benjamin Lavernhe), dem Vater einer ihrer Schülerinnen. Doch daraus wird nichts. Denn Vladimir hat mit seiner Frau Eléonore (Olivia Côte) und ihrem Töchterchen ein Esel-Trekking im südfranzösischen Zentralmassiv gebucht. Kurz entschlossen folgt Antoinette dem Wortbrüchigen auf den dortigen Stevenson-Pfad, mit Strohhut, rosa Rollkoffer und dem Begleit-Esel Patrick. Das störrische Tier fordert ihre ganze Geduld, entpuppt sich aber schliesslich als guter Zuhörer und führt sie zu neuen Einsichten über das Leben und die Liebe.

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On the Route

Aus der richtigen Perspektive


Nicht unwichtig ist bei jeder Interpretation eines Films die Perspektive, von wo er gesehen und interpretiert werden soll. Bereits nach den ersten zwei Sequenzen des Spielfilms «Antoinette dans les Cévennes» drängt sich mir die Überzeugung auf, dass Caroline Vignal mit dieser Geschichte ein Spiel mit den sturen Moralvorstellungen über Liebe und Sex spielt. Sie macht es unaufdringlich, anspielend, nicht ausspielend, mit spontaner, unverfrorener Leichtigkeit, wie wir sie aus andern französischen Komödien kennen. Dies alles verleiht dem Film seinen Reiz.
Schon die Darbietung ihrer Fünftklässler bei der Jahresschlussfeier mit dem nicht gerade jugendfreien Chanson «Love» von Véronique Sanson und seinem erotisierenden Text klingt das an. Ebenso die anschliessende leidenschaftliche Kussszene im verschlossenen Klassenzimmer mit der schönen, sinnlich aufgeladenen Klassenlehrerin und dem heimlich in sie verliebten Vater.


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Mit dem Esel als Begleiter

Mit dem Esel Patrick über den Stevenson-Pfad zu sich selbst


Als Vladimir mit Frau Eléonore und Töchterchen Alice während eines Halts bei Antoinette auftauchen, werden die Liebeskarten unerwartet und radikal neu gemischt, so dass die ganze Geschichte eine Wende macht. Mit Lust auf Situationskomik und Klischees setzt die Komödie auf unsere Empathie für die Protagonistin und unsere Neugier auf die Kapriolen des widerspenstigen Esels. «Ich bewundere unter den Tieren den Esel», schwärmte schon Loriot, auch Wilhelm Busch huldigte ihm, von Shakespeares «Sommernachtstraum» ganz zu schweigen. Kein Wunder auch, dass die Reiseberichte von Stevenson durch die Cévennen im Film ausführlich zitiert werden.
Robert Louis Stevenson, der schottische Schriftsteller des viktorianischen Zeitalters, heute bekannt durch die Klassiker «Die Schatzinsel» und «Dr. Jekyll und Mr. Hyde», hatte noch vor seinen literarischen Erfolgen eine Affäre mit Fanny Osbourne, einer verheirateten Frau mit zwei Kindern, die er in Frankreich kennengelernt hatte. Die Liebe endete jäh mit Fannys Rückkehr nach Kalifornien. Weshalb Robert in Depressionen versank. In der Hoffnung, seinen Schmerz vergessen zu können, machte sich der junge Schotte daran, einen Reisebericht zu Papier zu bringen, der 1879 unter dem Titel «Travels with a Donkey in the Cévennes» erschien. Das Honorar ermöglichte ihm, zu Fanny nach Kalifornien zu reisen. Seine Herzensdame liess sich scheiden und heiratete den Autor. Stevensons Reiseerzählungen entwickeln sich zur Kultlektüre für Wanderer auf der ganzen Welt. Seine Tourstrecke mit dem Esel durch den Naturpark ist mittlerweile als «Stevensonweg» bekannt und lockt jedes Jahr über 10.000 Wanderer, mit und ohne Esel, an.
Die Story, auch wenn sie gelegentlich etwas überspitzt und gelegentlich etwas langatmig ist, beschreibt den Weg einer jungen Frau über einige amouröse Umwege, modern gesagt, über «Trial and Error», zu sich selbst, ohne dass sie sich dabei wesentlich verändert. So schreibt sie denn auch am Ende ins Gästebuch: «Es gibt die Liebe» und zeichnet daneben den Esel Patrick.

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Störrisch, aber nicht dumm

Aus einem Interview mit der Regisseurin Caroline Vignal


Seit Ihrem letzten Spielfilm ist viel Zeit vergangen. Warum hat es so lange gedauert bis zu einem neuen? Stimmt, es sind genau zwanzig Jahre vergangen zwischen den beiden Filmen. Ich habe nie aufgehört zu schreiben, doch ich wollte nicht mehr Regie führen. Erst vor einigen Jahren fühlte ich mich dazu wieder bereit. Alles begann 2010 mit meinem Besuch im Naturpark Cévennes, dessen Schönheit mich beeindruckte. Meine Tochter war damals sechs Jahre alt, und wir unternahmen eine Wanderung mit einem Esel. Im nächsten Jahr machten wir erneut eine Tour, diesmal hiess unser Esel Patrick. Von diesem Namen entstand die Idee zu einer Komödie mit einem Esel als Hauptfigur.
Was hat Sie ursprünglich zum Kino gebracht? «Le rayon vert» von Eric Rohmer hat meine Liebe zum Kino geweckt. Ich habe den Film als Sechzehnjährige gesehen, ohne etwas vom Regisseur gewusst zu haben. Das Poster dafür hatte mich neugierig gemacht, und ich war begeistert von diesem Mädchen, das sich während den Sommerferien ihrer Einsamkeit stellen musste. Ich hatte grossen Spass beim Schreiben dieser romantischen Komödie mit einem Esel. Denn der Weg ist das Ziel, war meine Überzeugung.

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Flachgelegt, das tut weh

Aus einem Interview mit der Hauptdarstellerin Laure Calamy


Mit welchen Gefühlen haben Sie das Drehbuch gelesen? Ich habe es in einem Zug gelesen und gedacht: ein Wahnsinn! Dieser Stoff ist wie für mich gemacht. Die Autorin muss mich kennen. Hier passt einfach alles zu mir. Ich wandere leidenschaftlich gern und finde die Geschichte mit dem Esel ebenso lustig wie bewegend. Beim Lesen hatte ich ein paarmal Träne in den Augen.
Welche Ähnlichkeiten sehen Sie zwischen sich und Antoinette? Vor einigen Jahren unternahm ich eine Wanderung von Collioure nach Cadaquès, die für mich zu einem Schlüsselerlebnis wurde. Es war wie eine wiedergewonnene Kindheit, eine neue Freiheit, eine Wiedergeburt. Vorher hatte ich mir viel zu selten Zeit genommen, um die Natur zu geniessen. Für Antoinette wird diese Wanderung zu einem Weg zu sich selbst. Zu Fuss gehen ist wie schreiben. Die Gedanken entwickeln sich wie in einem Prozess. Wandern ähnelt der Psychoanalyse. Man denkt über sich selber und über jene nach, die wir lieben. Man philosophiert über das Leben, was demütig macht. Schon der französische Humorist Desproges sagte: «Der Mensch ist nur Staub, daher wohl die Bedeutung des Staubwedels», und sie lacht dazu.



Regie: Caroline Vignal, Produktion: 2020, Länge 97 min, Verleih: Frenetic