Berlin Alexanderplatz

Rock-Oper einer Grossstadt: «Berlin Alexanderplatz», Alfred Döblins grosser Roman, wird vom jungen deutsch-afghanischen Burhan Qurbani radikal in die Moderne katapultiert: mutig, nicht genial, doch notwendig provokativ. – Ab 9. Juli im Kino
Berlin Alexanderplatz

Eine Pietà als Schlussbild

Zu Beginn steht die Welt Kopf, und es dauert, bis man die nächtliche Szenerie versteht. Francis und Ida treiben als Flüchtlinge auf dem Meer. Sie ertrinkt, er überlebt. Er will ein guter Mensch sein, schwört er, als er mit letzter Kraft an den Strand robbt. «Doch dem Leben hat das nicht gefallen», meint die Erzählerin. Es ist schwerschwer, gut zu sein in einer schlechten Welt, besonders wenn man staatenlos und ohne Rechte ist. Er träumt von einem anständigen, bürgerlichen Leben. Doch dieser Traum zieht den Teufel an. Francis wird zum Opfer des zwielichtigen Drogendealers Reinhold, mit dem er eine krankhafteV FreVom Mut des Regisseurs zum Mut des Publikumsundschaft eingeht. Wie ein böser Dämon verwickelt ihn diese in kriminelle Machenschaften, aus deren Fängen dass ihn auch seine spätere Geliebte Mieze ihn nicht mehr aus dessen Fängen befreien kann. Erst als Francis ganz unten ankommt, kann er als neuer Mensch wiedergeboren werden.

Regisseur Burhan Qurbani, 1980 in Ostdeutschland geboren und mit afghanischen Wurzeln, hat sich mit der Verfilmung von Alfred Döblins 1929 erschienenem Roman «Berlin Alexanderplatz», einem der Hauptwerke der deutschen Literatur, Grosses vorgenommen. Das Buch wurde bereits zweimal verfilmt: 1931 von Phil Jutzi und 1980 von Rainer Werner Fassbinder als 14-teilige TV-Serie. Der erste Impuls, das Werk ins Hier und Jetzt zu übertragen, kam Qurbani auf seinen Spaziergängen durch den Park, in dessen Nähe er lebte. Er wollte eine Geschichte über das Leben der Dealer im Park drehen, über die Menschen, die diese nicht wahrnehmen, und über das «beschissene Ist-gleich-Denken, schwarz = Drogendealer». Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass ein solcher Film wahrscheinlich wenig Aufmerksamkeit bekäme; weshalb er sich entschied, seine Geschichte mit dem Roman «Berlin Alexanderplatz» zu verbinden. Entstanden ist ein zeitgemässer Berlin-Film, der provoziert und herausfordert.

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Schwer ist es, gut zu sein in einer schlechten Welt

Die literarische Vorlage


Jenen, die keinen Actionfilm erwarten, sondern die Verfilmung eines hochkarätigen Werkes der Weltliteratur, gebe ich hier die Beschreibung des Romans aus dem «Lexikon der Weltliteratur» wieder:

«Dies ist der erste, noch immer bedeutendste deutsche Roman, in dem die Grossstadt nicht nur Schauplatz und Rahmen, sondern Thema, Atmosphäre, aktive Dynamik und sprachproduktiv geworden ist. Sie bestimmt das Geschick des entlassenen Strafgefangenen Franz Biberkopf, der, fremd, unsicher, einsam, zu ihr zurückkehrt, ein Atom im Chaos und Katarakt des Massenkollektivs. Er ringt, einmal halbunbewusst schuldig geworden, um ein anständiges Leben und sinkt doch Stufe für Stufe: schuldlos und gleichwohl selbst dafür verantwortlich. Hin und her getrieben, arglos und wehrlos, ungeschickt und triebhaft, wird er von vermeintlichen Freunden betrogen, trotz seines Widerstandes auf Bahnen des Verbrechens gelockt und gezwungen. Der Versuch, nicht mitzumachen, endet, durch die brutale Rache Reinholds, mit dem Verlust eines Armes. Das Mädchen Mieze, eine Prostituierte, die den verkrüppelten Arbeitslosen ernährt, wird am Schluss von Reinhold vergewaltigt und ermordet. Franz bleibt nichts übrig, als sich einer Diebesbande anzuschliessen; bei einer Razzia wird er gefasst und im Zustand innerer Betäubung in eine Irrenanstalt gebracht. Entlassen und über die Wahrheit von Miezes Tod informiert, gibt er sein Schweigen auf. Reinhold wird verurteilt; Franz sucht, ein Gebrochener und darin ein Geläuterter, ein anderes Leben als HilfsporVtier. Er durchlebt im Hospital gleichsam den Tod seines Ich, um sein Ich wiederzugewinnen. Selbsterkenntnis des schuldigen Ich, Selbstaufgabe des sich behaupteten Ich, Franz durchschreitet eine innere Verwandlung. Doch gehören Widersprüchlichkeiten und Offenheit des Schlusses zur Konzeption des Romans, die den eindeutig-harmonischen Abschluss angesichts der Widersprüchlichkeit der dargestellten Realität nicht zulässt.»

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Mieze, die Geliebte von Francis und Sprecherin im Film

Adaptation und Verwandlung


Aus den insgesamt neun Büchern von Döblins Roman destillierte Qurbani fünf Teile, einen Prolog und einen Epilog, folgte grösstenteils der ursprünglichen Handlung, mit den nötigen Anpassungen, um den deutschen Kleinkriminellen Franz Biberkopf in den Flüchtling Francis aus Guinea-Bissau zu verwandeln, der in Drogenhandel und Raubzüge verwickelt wird, der ein guter Mensch sein will und genau daran scheitert.

Teils wie in einem Kriminalfilm, teils wie in einem Liebesfilm erzählt der neue «Berlin Alexanderplatz» seine Geschichte, oft faszinierend, gelegentlich verwirrend, vom Aufstieg und Fall eines zum Scheitern Verurteilten. Der tragische Held taumelt zwischen dem Wunsch nach einem besseren Leben und den Verführungen einer Metropole voller Exzesse. Wie Franz im Roman, so hat Francis im Film Reinhold zur Seite, der zum Glücklich-Sein unfähig ist und deshalb zwanghaft das Glück der anderen zerstören muss. Auch gibt es im Film Mieze, die selbstbewusste Sexarbeiterin, die im «Adlon» ihre Kunden besucht und sich schliesslich in Francis verliebt, weiter Eva, eine glamouröse Nachtclub-Chefin, die ihm immer wieder unter die Arme greift, und den Gangsterboss Pums, der die Runden durch sein Revier im Volkspark Hasenheide dreht. Miezes Erzählstimme kündet an, dass ihr Held dreimal straucheln, zweimal sich wieder aufrappeln und beim dritten Mal untergehen wird. Die illustren Figuren dieses modernen Sittengemäldes leben in einem Kosmos von Farben, Tönen und Bewegungen, von Rückblenden, Ellipsen und Doppelbelichtungen, von Musik verschiedenster Stile, in Liebes- und Lebensgeschichten sowohl sentimentaler wie verrückter Art und halten uns drei Stunden lang in den Kinosesseln fest für ein Werk, das man wohl gewaltig nennen darf.


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Francis und Reinhold in einer kranken Beziehung

Vom Mut des Regisseurs zum Mut des Publikums


Der neue Film «Berlin Alexanderplatz» wagt einiges; selten genug im deutschen Kino, meint ein Kritiker. Viel Zeit nimmt sich Burhan Qurbani, um eine Welt zu entwerfen, wie man sie auf der Leinwand nur selten sieht, ganz und gar gegenwärtig und eigenständig, dennoch voll Bezügen zur Vorlage, und entwickelt dafür eine eigene unkonventionelle Bild- und Tonsprache, was ihm zwar nicht immer gelingt. Doch immer wieder zieht er uns in seinen Sog, dem wir uns nur schwer entziehen können, diesem Rausch opulenter Bildern und einem herausragendem herausragenden Sounddesign. Nachdem Francis zunächst erfolglos versucht, Reinholds Programm zu kopieren, findet er schliesslich gegen Schluss seine eigene Stimme und schreit, sich wiederholend, in den Kreis der Flüchtlinge hinein: «Ich bin Deutschland!»

«Berlin Alexanderplatz» ist ein Werk, das vielleicht ältere, etwas konservativere Zuschauerinnen und Zuschauer vor den Kopf stossen kann. Ich hoffe, wir können den Mut aufbringen, die Rock-Oper erst einmal anzuschauen, anzuhören, wahrzunehmen, bevor wir urteilen oder verurteilen. 

Regie: Burhan Qurbani, Produktion: 2020, Länge: 183 min, Verleih: Filmcoopi