Bödälä

Eine phantastische Filmreise vom Bödälä über Stepptanz und Irish Dance bis zum Flamenco. Der Dokumentarfilm von Gitta Gsell wurde an den Solothurner Filmtagen 2010 zu Recht mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.

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Claudia Lüthi und Elias Roth im Tanzsaal

«Als ich vor fünf Jahren eine Stepptanzschule für Tänzer und Tänzerinnen ab 60 Jahren besuchte, war ich fasziniert. Da schlagen die 60- bis 90-Jährigen mit ihren Füssen leidenschaftlich einen Tanz auf den Boden. Was ist es nur, das die Menschen dazu bringt, mit soviel Freude auf den Boden zu stampfen?», erzählte die Schweizer Filmemacherin Gitta Gsell und ergänzt, dass dieser Besuch der Anfang war für ihren Film.

«Bödälä – Dance the Rhythm» ist ein abwechslungs- und temporeicher Film über verschiedenste Formen des perkussiven Tanzes: über Menschen, die ihre Füsse archaisch und kraftvoll zu ihrem künstlerischen Ausdrucksinstrument machen. Tanzformen, die seit Urzeiten auf der ganzen Welt verbreitert sind, um Geister zu vertreiben oder sich Mut für einen Kampf anzutanzen. Das rhythmische Aufstampfen der Schuhe erinnert an urchige Ritualtänze, bekannte Volkstänze, Show- und Wettkampftänze und Balz- und Werbetänze, oft in Kreisform getanzt, was das Leben symbolisiert. Im Film begegnen wir Tänzerinnen und Tänzern, die mit grossem Einsatz und hoher Perfektion im Rhythmus ihrer Füsse Freude, Lust, Leidenschaft und Trauer ausdrücken – ganz im Sinne des Ausspruchs von Fred Astaire: «Tanz ist ein Telegramm an die Erde mit der Bitte um Aufhebung der Schwerkraft».

Bödälä – mit Lust und Freude

Claudia Lüthi führt in Hemberg einen Coiffeursalon, ist eine sympathische junge Frau mit eigener Meinung und Lebensweise, die leidenschaftlich gerne bödälät. Sie gehört zur jungen Generation und zu den wenigen Frauen, die sich in die Domäne der Männer wagen. Wegen der urchigen, lüpfigen Volksmusik geht sie in den Ausgang, wo sie dann beim Bödälä in Fahrt kommt. Mit ihrem Tanz möchte wie die Traditionen bewahren und an ihre Kinder weitergeben. «Wenn es einen packt, will man seine Freude irgendwie ausdrücken, mit dem Takt in den Füssen.»

Ihr Partner Elias Roth ist Polier, spielt Handorgel und Bass und ist ein passionierter Tänzer. Er geht nicht nur zum Bödälä, sondern der Kollegen wegen auch in die Disco. Mit Bödälä und Gäuerle wirbt er um die Frau, hat jedoch nichts dagegen, wenn auch er umworben wird. «Wenn ich bödälä, bin ich zufrieden, glücklich und vergesse alles, dann gibt es nur die Musik, die Tanzpartnerin, den Boden und den schönen Tanz zu geniessen. Auch wenn man mal nicht so gut drauf ist oder Stress hat, kann man beim Tanz abschalten, für mich ist das Erholung.»

Irish Dance: bis zur Weltmeisterschaft

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Sabrina Wüst trainiert hart.

Im Dezember 2007 hat sich Sabina Wüst von Klingnau zum zweiten Mal für die Weltmeisterschaft in Irish Dance in Belfast qualifiziert. «Ich weiss gar nicht, wie ich das geschafft habe. Ich glaube, das hat mit Liebe zu diesem Tanz zu tun. Man fühlt sich wohl, man macht es gern. Es ist ein strenger Tanz, doch genau das, was ich will», sagt sie. Tagsüber arbeitet sie als Hotelfachfrau, abends und am Wochenende trainiert sie. Sie liebt das Tanzen, auch wenn ihr der Arzt rät, ihre Knochen etwas zu schonen. Bereits nach den ersten Schritten an der WM zieht sie sich denn auch eine Zerrung zu und scheidet aus.

Ihre Trainerin Anne-Marie Rojahn, die erste Tanzlehrerin auf dem europäischen Festland, die das Examen der Irish Dance Commission bestanden hat, ist in Norwegen aufgewachsen und hat ihre Karriere bereits als 5-Jährige mit Volkstanz begonnen. «Es ist sehr schwierig laut zu stampfen», erklärt sie, «ich verlange im Unterricht, dass sie richtig hart aufschlagen. Ich sage: Stellt euch vor, ihr wollt euren Nachbarn loswerden. Die ganze Wut muss in die Beine, dann stampft ihr richtig.»

Flamenco mit Xala erweitert

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Flamenco-Tänzerin Ania Losinger übt auf ihrem Xala.

Ania Losinger aus Gerzensee hat sich ihren Traum, Musik und Bewegung zu vereinen, anfänglich im Flamenco erfüllt. Doch mit der Zeit genügte ihr der klassische spanische Stampf-Tanz nicht mehr. Sie suchte nach Neuem. Zusammen mit Hamper von Niederhäusen kreierte sie das Xala, ein Boden-Xylophon mit unterschiedlichen Hölzern, auf dem sie nun mit Hilfe zweier Stöcke zum Stampfen vier Beine hat. Damit hat sich ihr Tanz vollkommen verändert. In einer Art Meditation sammelt sie sich und wird durchlässig, dass die Schwingungen durch ihre Bewegungen in den Raum fliessen.

Ihr Lebenspartner Matthias Eser spielt Marimba. Mit diesem Instrument erhält ihr Tanz nochmals eine neue Dimension. Er meint dazu: «Irgendwann einmal war mir klar: Ich möchte mit den Füssen Musik machen. Ich beginne zu tanzen, weil sich automatisch mein Körpergewicht verlagert. Der ganze Körper kommt in Bewegung. Genau das, dass der Körper ein Perkussiosinstrument sein und gleichzeitig einen tänzerischen Ausdruck haben kann, fasziniert mich.» Zusammen mit Ania Losinger erschaffen sie neue Klangwelten.

Stepptanz – auf vielen Böden getanzt

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Lukas Weiss tanzt auch auf Wiesen.

Lukas Weiss aus Biel ist seit Jahren aus Leidenschaft professioneller Tänzer und Choreograph und verfügt über ein breites Wissen darüber. Die Suche nach den schweizerischen Wurzeln des Tanzes führte 2006 zur Inszenierung der Tanz-Theater-Produktion «alpinetap». Hier werden die traditionellen Innerschweizer Tanzformen Bödälä und Gäuerle als Inspirationsquelle genutzt und weiter entwickelt. Tanz bedeutet für ihn eine kreative Interpretation von Rhythmus und Musik. Beim perkussiven Tanz kann er das Publikum nicht nur über das Bild, sondern auch über den Klang ansprechen. Er experimentiert gerne mit verschiedenen Klängen und erforscht den Tanz als Kommunikationsmittel. Als Zwölfjähriger hat er bereits mit Afro-Rhythm angefangen und mit fünfzehn den Stepptanz entdeckt.

In seiner Formation «Friends & Rhythm» arbeitet er mit den besten Schweizer Stepptänzern, so den Frères Surbeck oder Fabrice Martin, zusammen. Seine Überzeugung heisst «Stepptanz oder perkussiver Tanz ist für mich Umsetzung meines Lebensryhthmus. Die Stimme ist der eigene Körper, auf die Füsse umgesetzt, wenn ich Bezug nehme zur Erde, zum Boden, zum Holzboden, zu einem Metallboden, zu einem sandigen Bogen, zu einem Stadtboden, dann wird natürlich dieser Boden zum Instrument. – Es ist doch etwas vom ersten, was wir tun, wenn wir als Kind trotzen: Wir stampfen oder wir schlagen uns auf die Schenkel oder klatschen vor Freude.»

78 Minuten Klanggenuss und Augenweide

Der meist in warmen Brauntönen gehaltene Film liefert nicht nur handwerkliche und volkskundliche Hintergründe, macht nicht nur mit verschiedenen Formen des Tanzes vertraut, sondern dringt vor bis zu einer audiovisuell verfassten «Philosophie des Tanzes». Deren Merkmal es ist, den Boden miteinzubeziehen, die Stimme an die Füsse abzugeben und aus dem Körper und dem Bodenbelag eine klangliche Einheit zu bilden und so ein neues Instrument zu schaffen.

Ein Vergleich der Botschaften von «Bödälä» von Gitta Gsell mit «Heimatklänge» von Stefan Schwietert drängt sich auf. Beide Filmen verhelfen einem zu einer Art Bewusstseinserweiterung: beim Gesang oder beim Tanz. Beiden geht es um eine für viele unbekannte Form von Körperkultur. Vergleicht man die Form der beiden Filme, so springt «Bödälä» eher leichtfüssig, spontan, assoziativ, weiblich von einer Tanzform zur andern (weshalb ich hier auch die vier Formen getrennt vorgestellt habe), wohingegen «Heimatklänge» stärker meditativ, logisch, strukturiert, männlich gebaut ist, falls ich mich noch richtig erinnere.

www.bodala.ch