In den Gängen

Gemeinsam, zweisam und einsam: Nach einer Story des Kultautors Clemens Meyer schuf der Newcomer-Preisträger Thomas Stuber mit dem Film «In den Gängen» ein Meisterwerk über Einsamkeit, Freundschaft und Liebe in einem Grossmarkt. – Kinostart 20. April
In den Gängen

Ein spezielles Geburtstaggeschenk

Der Film «In den Gängen» beginnt mit der Aufnahme einer Landstrasse in der Morgendämmerung, die Laternen sind noch an, ein paar kahle Bäume ragen gegen den Himmel, da und dort ein vorbeifahrendes Auto. Bald setzt Musik mit dem Donauwalzer ein, während die Kamera in die «heiligen Hallen» eines Grossmarktes irgendwo in der ostdeutschen Provinz fährt und durch die Gänge schwebt. Lichter gehen an, ein halbes Dutzend Gabelstapler fahren hin und her, bewegen sich wie für ein Ballett choreografiert. Der neue Tag ist der erste Arbeitstag von Christian (Grunert), einem jungen, schweigsamen, etwas hilflosen Mann mit Hasenscharte und Tattoos. Bekommen hat er eine Stelle in der Abteilung «Wagenverräumung/Nacht» und taucht jetzt ein in die fremde Welt endloser Gänge, hoher Regale, herumstehender Palette, in welcher elektrische Handhubwagen, Putzmaschinen und andere Fahrzeuge zwischen Personal und Gästen ihre Wege suchen. Begrüsst und eingekleidet wird Christian vom Chef, eingeführt von Bruno von der Abteilung «Getränke», der ihm das Staplerfahren beibringt und ihm bald einmal ein väterlicher Freund wird. In den Gängen trifft Christian auch die Kollegin Marion (Koch) von den «Süsswaren». Sie gefällt ihm, der Kaffeeautomat wird ihr gelegentlicher Treffpunkt.

Bald schon ist Christian anerkanntes Mitglied der Grossmarktfamilie. Mit Ach und Krach besteht er die Staplerprüfung, was die andern freut. Er verliebt sich in die geheimnisvolle Marion, was die andern begrüssen. Doch die beiden verhalten sich vorsichtig, denn sie ist verheiratet. Beim Weihnachtsfest auf der Laderampe kommen sie sich erstmals näher und er erzählt ihr von seiner früheren Arbeit. An Weihnachten fährt sie nach Hause. Im neuen Jahr ist nichts mehr wie zuvor. Marion will keinen Kaffee mehr, weist Christian zurück. Dann kommt sie nicht mehr zum Dienst, ihres Mannes wegen, wie Bruno meint.

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In der Tiefkühlabteilung «Sibirien» nähern sich die beiden an

Das Meeresrauschen vom Hochstapler

Christian hält die Ungewissheit nicht mehr aus, verschafft sich Zugang zu ihrer Wohnung, versucht Marions Geheimnis zu lüften, erfolglos. Er fällt in ein tiefes Loch, betrinkt sich, kommt verspätet zum Dienst. Bruno beobachtet das mit Sorge und versucht dem Jungen Mut zu machen. Doch er selbst ist in eigenen Problemen verstrickt und erwartet nicht mehr viel vom Leben.

Eine dramatische Nachricht verändert alles bei der verschworenen Truppe des Grossmarktes. Schockiert und betroffen stellen sie fest, dass sie das tragische Ereignis in keiner Weise geahnt haben. Unerwartet taucht Marion wieder am Arbeitsplatz auf, als wäre sie nie weg gewesen, und holt Christian als Helfer nach «Sibirien», in die Tiefkühlabteilung. Hier kommen sich die beiden zum zweiten Mal näher. Am Schluss des Films zeigt Marion Christian, dass der Hochstapler, wenn er langsam hoch- und wieder runtergefahren wird, Töne von sich gibt, die wie das Rauschen des Meeres klingen – und sie geniessen gemeinsam diese Musik aus der Ferne.

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Christian mit Bruno, seinem väterlichen Kollegen

Mit langsamen Bewegungen und leisen Tönen

Der Film, lose in drei Kapitel unterteilt, erzählt fürs Erste eine zarte, verhaltene Liebesgeschichte in der ausschliesslich von Neonlicht erleuchteten Welt eines Grossmarktes. Im ersten nähert er sich Christian, der sich in die gleichaltrige Marion im Gang nebenan verguckt hat, von der er in einem Gestell ein Haarband findet, das er nach Hause in seine karg eingerichtete Plattenbauwohnung mitnimmt. Im zweiten Teil beginnt Marion mit ihm vor dem Kaffeeautomaten zu flirten und nennt ihn auch über die Zeit hinaus weiter «Frischling». Aufgrund der unterschiedlichen Schichtarbeit sieht Christian sie erst wieder bei der Weihnachtsfeier. Danach ist sie für längere Zeit nicht mehr im Dienst. Als er sie darauf anspricht, kämpft sie mit den Tränen und verneint, dass er der Grund für ihr Verhalten sei. Im dritten Teil nimmt Bruno Christian nach Feierabend zu sich nach Hause mit und spricht mit ihm über dessen Vergangenheit (grossartig, wie mit Achsensprüngen die gegenseitige Einsamkeit ausgedrückt wird). Als Marion wieder zur Arbeit erscheint, bedankt sie sich bei Christian für die im Haus zurückgelassenen Blumen.

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Der Ton des Gabelstaplers kling wie das Rauschen des Meeres

Eine Liebesgeschichte – und mehr

Der Wunsch, Clemens Meyers Story «In den Gängen» zu verfilmen, kam Thomas Stuber, als er sie zum ersten Mal gelesen hatte. Die Geschichte des einsamen jungen Mannes in den nächtlichen Gänge eines Grossmarktes liess ihn nicht mehr los: mit ihrem Rauschen von der nahen Autobahn vor der Laderampe, das Erinnerungen und Fernweh weckt, ihrem Pausenraum, der mit Südseebildern tapeziert ist und die Menschen zum Kaffeetrinken zusammenführt, und mit ihrem Chef der Nacht, der jedem beim Schichtende die Hand gibt.

Meyers Story und Stubers Film haben Tiefe, obwohl vieles nicht zu Ende erzählt, unausgesprochen bleibt oder bloss mit Gesten angedeutet wird. Der eigentliche Hauptdarsteller des Spielfilms, wie auch der literarischen Vorlage, ist das Schweigen, der Raum des Nicht-Gesagten und Nicht-Gezeigten. Ein Schweigen, das aufmerksamen Besuchern eine innere Spannung auslöst und Reichtum an menschlichen Wahrnehmungen verbreitet. «In den Gängen» ist eine stille Oase im Lärm des grossen Teils der Kinofilme.

Der Regisseur und Drehbuchautor Thomas Stuber, der Co-Drehbuchautor Clemens Meyer und die grossartigen Protagonisten Franz Rogowski als Christian, Sandra Hüller als Marion, Peter Kurth als Bruno und die übrigen Darstellerinnen und Darsteller sowie Stubers Stammkameramann Peter Matjasko und die übrigen Mitglieder der Crew haben mit diesem Spielfilm ein Werk reiner Poesie geschaffen, das in wunderbarer Balance zwischen Komödie und Tragödie, Romantik und Naturalismus schwebt. – Für mich ist «In den Gängen« im aktuellen Angebot der Film mit der schönsten Mischung von Genialität und Zärtlichkeit.

Regie: Thomas Stuber, Produktion: 2018, Länge: 125 min, Verleih: Xenix Film

PS: Empfehlenswert auch das Buch von Clemens Meyer, das die Story «In den Gängen» enthält: «Die Nacht, die Lichter», S. Fischer, Frankfurt 2008, 265 Seiten. Auch auf Tonträger erhältlich, gesprochen von Michael Hansonis, 3 CDs, 240 min, audio-verlag.de.