Jetzt oder nie

Ein Vierteljahrhundert lang war es der deutsche Film «Lina Braake» von Bernhard Sinkel, der die anarchistischen Gefühle von Jungen und Alten über das Leben der Senioren mit einem veritablen Bankraub eines alten Liebespaares anstachelte und befriedigte.

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Seit kurzem tut dies ein neuer Film aus Deutschland. «Jetzt oder nie – Zeit ist Geld» von Lars Büchel mit derselben Unverschämtheit und Lebensfreude. Getreu dem Motto «Verhalte dich schamlos in deinen alten Tagen» – wie es soeben der Schweizer Urs Lüthi an der Biennale in Venedig vor aller Welt postuliert hat.

In einer bunten Mischung aus ergreifendem Ernst und sarkastischem Humor erzählt der Regisseur die abenteuerliche Geschichte einer Freundschaft, die sich über alle Schraken hinweg setzt. «Wir kommen wieder», behauptet die krebskranke Carla (80) der nicht mehr viel Zeit bleibt, ihren letzten grossen Traum, eine Seereise mit ihren Freundinnen Lilli (76) und Meta (74), zu verwirklichen. Das dazu in langen Jahren gesparte Geld wird ihnen jedoch gestohlen und alles scheint verloren. In ihrer Verzweiflung beschliessen die drei, eine Bank zu überfallen. Doch auch das geht gründlich schief. Im Wettlauf gegen die Zeit starten sie einen zweiten Versuch. Der endet im Gefängnis. Für Carla ist hier die Reise zu Ende. Die andern werden vorzeitig entlassen und stechen ohne Carla in See. Dort aber stellen sie fest, dass sie recht hatte: Wir kommen wieder.

Der Regisseur erzählt seine Geschichte mit Tempo und Verve. Er versucht nirgends, aufgesetzt tiefgründig zu sein, wie germanische Filme es allzu oft sind, sondern «surft» wohltuend leicht auf der Oberfläche des Alltags, mit dem wir uns jederzeit identifizieren können. Dass auf dieser Oberfläche so viel Treffendes über das Alter sichtbar wird, macht den Film unterhaltsam und bedeutend zugleich. Mit einer Selbstverständlichkeit, wie man sie nur bei alten Menschen antrifft, wird über Tod und Sex, für viele im Alter noch immer tabuisiert, gesprochen. Dass es der Regie und Kamera (Judith Kaufmann) zudem gelingt, die Schönheit und den Reichtum der drei alten Gesichter einzufangen und vom Leben erzählen zu lassen, ist ein weiteres Verdienst des spannenden Streifens. Allein schon die Darstellung der Selbstverständlichkeiten, dass das Sterben, die Sexualität und der Körper zum Leben auch des alternden Menschen gehört wie Luft und Wasser, lässt uns im Kino atmen und schwimmen in dieser frischen Luft, diesem kühlenden Wasser.