Kühe auf dem Dach

Leben auf der Alp am Rande eines Krimis: Aldo Gugolz erzählt im Dokumentarfilm «Kühe auf dem Dach» die Geschichte von Menschen, die ein ursprüngliches Leben leben oder zu leben versuchen, unterspielt von einem Kriminalfall: eindrücklich und anregend. – Ab 26. November im Kino
Kühe auf dem Dach

Eva verabschiedet sich von den Tieren

Zwischen Ziegen, Kühen und Alpen wird Fabiano Vater. Doch die Idylle trügt. Er ist bemüht den Alpkäse so herzustellen, wie es seine Aussteiger-Eltern in den 70er-Jahren machten. Neben seinen Schulden nagen an ihm auch noch Schuldgefühle. Denn im Vorjahr verunfallte sein mazedonischer Schwarzarbeiter tödlich. Seitdem lässt sein Tod Fabiano und die Bevölkerung nicht mehr los. Wie können er und seine Freundin Eva unter diesen Umständen ein gemeinsames Leben mit ihrem Nachwuchs aufbauen? Vor der imposanten, oft im Nebel verschwindenden Kulisse der Tessiner Alpen entpuppt sich Aldo Gugolz’ Film als Gratwanderung zwischen einem feinfühligem Porträt des jungen Landwirts und einem Kriminalfall im Hintergrund.

Zwischenbemerkung: Eben habe ich in meinem Newsletter gefragt: «Gibt es etwas Interessanteres als das Spiel der Worte und Handlungen zwischen Menschen? Ich glaube: nein.» Und schon sehe ich einen Film, der genau dies nachvollziehen lässt: mit einem Kriminalfilm, der lediglich als dramaturgisches «Gerüst» dient, auf welchem sich das Spiel des Lebens einer kleinen Menschengruppe abspielt, die auf eindrückliche Weise ihr Leben zu leben suchen – und denen wir zuschauen und zuhören dürfen.

Kühe auf dem Dach.Fabiano

Bauer Fabiano mit seinen Freuden und Sorgen

Kommentar des Regisseurs Aldo Gugolz

«Als junger Filmstudent lernte ich die Alpe d'Arena im Tessin vor 30 Jahren kennen. Ich war damals mit einem Freund auf einer Wanderung; von einem Gewitter überrascht, fanden wir bei einem Älpler namens Giorgio Unterschlupf. Dieser lebte damals allein auf der Alp und machte eigenen Käse. Der Anblick seiner Schweine, die sich genüsslich an der Sonne vor dem Stall im Dreck suhlten, war ein Bild, welches sich mir tief ins Gedächtnis brannte, ein Bild des absoluten Glücks, das ich damals mit meiner Super-8-Kamera festhielt. Giorgio hat sich auf der Alp mit Hilfe der Natur von seiner Heroinsucht geheilt. In meinem Film «Giorgio» erzähle ich seine Geschichte. Immer wieder zog es mich auf diese Alp am Ende des Onsernonetals zurück. Ein Ort, welcher in den 1970er-Jahren vor allem von den Hippies aus der deutschen Schweiz entdeckt und neu besiedelt wurde. Die Einheimischen nannten sie «Capelloni», die auf der Suche nach alternative Lebensformen waren.»

Kühe auf dem Dach.Landschaft

Der Bauernhof als Bühne des Lebens

Ein Kriminalfall im Hintergrund

«Als ich im Sommer 2016 mit Kamerafrau Susanne Schüle und unseren Kindern wieder einmal oben auf der Arena war, trafen wir eine neue Generation von Älplern. Fabiano, der Sohn einer Hippiefamilie aus dem Tal, hatte eine eingeschworene Männergesellschaft um sich geschart. Sofort kamen wir auf die Idee, darüber einen Film zu drehen. Wir wollten wissen, was Menschen antreibt, die dort in dieser rauen Natur leben, warum sie diese Strapazen auf sich nehmen, was sie im Leben unten im Tal zurücklassen. Wir wussten damals nicht, dass in diesen Tagen der Mazedonier Nicola Hadziev unweit der Alp tot im Wald lag und auch ein mutmasslicher Mörder sich auf der Alp aufhielt. Ich spürte aber, dass das Glück von damals verschwunden war. Der Kriminalfall kam später dazu, die tragischen Ereignisse, die im Nachhinein nicht mehr ganz zu klären sind, haben im Hintergrund die Dreharbeiten mitbestimmt.»

Fabiano wird von Albträumen verfolgt, so von den titelgebenden Kühen, die vom Dach in die Wohnung stürzen. Sie reflektieren sein Leben als Erbe eines kleinen landwirtschaftlichen Betriebs in einem isolierten Tessiner Tal. Nichts scheint so recht rund zu laufen: Er hat Schulden, seine Alphütte ist am Verrotten und das Käsegeschäft, welches zur Zeit seiner Hippie-Eltern florierte, ist nicht mehr profitabel. Der mysteriöse Todesfall eines Mitarbeiters lässt ihn nicht los; und seine Frau Eva wird schwanger. Aldo Gugolz führt uns an einen Ort der Schweiz, wohin sich unsere Blicke nur selten richten. Ihm gelingt ein poetischer Dokumentarfilm zwischen der Utopie eines glücklichen Lebens und der Melancholie vom Ende dieser Lebensform.

Kühe auf dem Dach.Fabiano&Philippe

Fabiano und einem Alt-Hippie in der Dorfbeiz

Zwei Generationen

Als Nachkomme von Deutschschweizer Aussteigern ist Fabiano in eine fragil gewordene Utopie hineingeboren. Er lebt in einer Welt, die sein Vater damals für sich erschlossen hat. «Hier oben steht alles, was schön ist, auf dünnem Eis», meint Fabianos Partnerin Eva und bringt es auf den Punkt. Ohne Strassenanschluss eine Berglandwirtschaft betreiben, ist ökonomisch schwierig und stellt auch menschlich alle Beteiligten auf harte Proben. Fabiano führt die Hippie-Tradition des offenen Hauses fort, und so kommen immer wieder Suchende auf die Alp, die von der Zivilisation unten im Tal nichts mehr wissen wollen, sondern nur noch mit Tieren leben wollen oder vor sich selbst, manchmal auch vor dem Gesetz flüchten. Der Druck, unter dem sie stehen, ist stets präsent. Die äusseren Gründe sind offensichtlich, was sie innerlich bewegt, sprechen sie nicht aus. «Kühe auf dem Dach» erzählt von der Kraft des Lebens und dessen Zerbrechlichkeit.

Kühe auf dem Dach.1 

Arbeit und Musse, die Sinn machen

Mit andern Augen geschaut

Im Film von Aldo Gugolz erfuhr ich bisher Unbekanntes, hineingenommen in den ewigen Kreislauf der Tages- und der Jahreszeiten, dem wechselnden Wetter, der vielfältigen Landschaften, von Geburt und Tod und dem Zusammenleben mit den Tiere, Kühen, Ziegen und Hühnern. Einige Grossaufnahmen von den Augen der Tiere suggerieren die Idee eines gegenseitigen Sehens und Gesehenwerdens, einen friedlichen Austausch zwischen Tier und Mensch.

Kühe auf dem Dach.Kuhauge 

Auge um Auge mit den Kühen und Ziegen

Aldo Gugolz, ein Chronist anderer Geschichten

Er wurde 1963 in Luzern geboren, studierte Politikwissenschaft und Kommunikation, arbeitete als Fotojournalist und besuchte die Hochschule für Fernsehen und Film. Seit 1985 realisierte er Dokumentarfilme, darunter 1997 «Zeit im Fluss», 2001 «Leben ausser Atem», 2009 «Wir Zwei», 2015 als Co-Regisseur «Remo Largo – Faszination Entwicklung» und 2017 «Rue de Blamag». «Kühe auf dem Dach», sein neuestes Werk, stellt in meinen Augen den bisherigen Höhepunkt seines Schaffens dar. Wesentlich dazu beigetragen haben Susanne Schüle mit der Kamera und das Ton-Team. Doch alles Formale hat in diesem Film eine dienende Rolle, die Hauptrolle spielt das Leben.

Regie: Aldo Gugolz, Produktion: 2020, Länge: 82 min, Verleih: Zweihandfilm