Ray & Liz

Eine andere Familie: Mit dem Erstlingsfilm «Ray & Liz» schildert der britische Fotograf Richard Billingham das Leben seiner eigenen Unterschichtfamilie und stellt gleichzeitig grundsätzliche Fragen an das Leben. – Ab 9. Mai im Kino
Ray & Liz

Ray und Liz, das Elternpaar

Mit seinem etwas anderen Familienalbum «Ray’s a Laugh» wurde der britische Fotograf Richard Billingham berühmt. Jetzt kehrt er mit seinem Kinodebüt «Ray & Liz» in die Bild- und Figurenwelt seines ersten grossen Erfolges zurück: heim zu seinen Eltern, seinem Vater Ray, seiner Mutter Liz und den zwei Kindern, die in einer heruntergekommenen Wohnung in den englischen Midlands leben. Ihr Alltag ist alles andere als herzlich oder erbaulich. Doch Billingham lässt neben der Trostlosigkeit Anteilnahme und gelegentlich auch Humor durchscheinen. Mit Zärtlichkeit zeigt er seinen Vater, der sich mit stoischer Disziplin durch den Tag säuft, und seine übergewichtige Mutter, die die Familie dominiert. Ein Film, der an Werke von Ken Loach erinnert, in seiner Radikalität jedoch überbietet. Brillant und schonungslos gefilmt, porträtiert Billingham in stimmungsvollen und provozierenden Bildern das britische Subproletariat der 80er Jahre.

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Ray, anteilnehmend dargestellt von Justin Salinger

Vom Fotografen zum Filmer

1996 hat Richard Billingham als 26-Jähriger den tragikomischen Fotoband «Ray’s a Laugh» über seine Eltern herausgegeben: den arbeitslosen, alkoholabhängigen Vater und die gewalttätige, dauerrauchende Mutter. Ursprünglich waren die Fotos als Vorlage für Gemälde gedacht, denn er wollte Maler werden. Doch per Zufall erhielten seine Aufnahmen einen Kultstatus in der Kunstszene. Nun hat er 2018 anhand dieser Erinnerungen seine Kindheit in ärmsten Verhältnissen und grober Vernachlässigung wieder zum Leben erweckt.

Die Handlung von «Ray und Liz» ist minimal und in drei Teile gegliedert, deren Aufbau dem fragmentarischen Wesen von Erinnerungen folgt. Der erste Teil ist dem Vater gewidmet, er bildet den Rahmen für die anderen beiden zeitlich weiter zurückliegenden Episoden. Ray ist Mitte der Neunzigerjahre allein in der Sozialwohnung der Familie geblieben. Eigentlich lebt er nur noch in einem einzigen Zimmer, ohne sich vom Bett weiter als bis zur Toilette zu entfernen. Meistens beschränkt sich sein Aktionsradius auf wenige Zentimeter zwischen Bett, Kommode und Fenster. Ein ehemaliger Schminktisch dient ihm als Bar für selbst gebrautes Bier, mit dem er sich ernährt und seinen Alkoholpegel konstant hochhält. Ein Radio und ein kleines Fenster sind seine Verbindung zur Welt.

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Liz, eindrücklich gespielt von Ella Smith

Von der Provokation zur Reflexion

In extremen Detailaufnahmen zeichnet der Filmemacher einen Mikrokosmos aus teils friedlichem, teils streitbarem, teils warmem, teils kaltem Leben, von dem der Vater zynisch sagt, er fühle sich darin wohl «like a pig in shit». Eine Fliege am Flaschenhals, ein bis zum Rand gefülltes Glas, die Spitzenbordüre der Gardine im Abendrot. Bildfüllende Puzzleteile verbinden sich zu einer kompletten Welt. Einmal steht die Geschichte für die ganze Welt, dann wieder schrumpft sie zu einem kleinen, erbärmlichen Loch, und die Romantik löst sich in Beklemmung auf.

In der ersten Rückblende greift Billingham die Zeit am Anfang der Achtzigerjahre auf, in der sein Vater arbeitslos wird und er selbst etwa zehn Jahre alt ist. Die abgenutzten Tapeten im kleinen Reihenhaus zeugen von besseren Zeiten. Doch jetzt muss die Familie untervermieten und sich räumlich einschränken. In dieser Episode lässt sich der geistig zurückgebliebene Onkel Lol vom sadistischen Untermieter dazu verführen, den gut gehüteten Alkoholschatz der Familie zu plündern. Überzeugt, dass dieser den kleinen Bruder vernachlässigt, schäumt Liz vor Wut und wird gewalttätig. Ella Smith spielt die korpulente Mutter als emotional von sich selbst und ihren Nächsten distanzierte Herrscherin eines für viele exotischen Reiches. Darin lebt ein Zoo von Haustieren, türmen sich Nippes und künstliche Blumen. In fast jeder Einstellung sitzt sie in bunten Blumenkleidern, eingeklemmt hinter einem kleinen Tischchen, auf dem sie Puzzles zusammensetzt, raucht und Tee trinkt.

Im dritten Teil ist die Familie in einer winzigen Sozialwohnung in einem Hochhaus gelandet. Die Eltern schlafen oft tagsüber und merken kaum, was ihre beiden Söhne machen. Die letzte Begegnung mit den Eltern findet in einem Park statt, wo der Junge mit seinem Freund spielt und die Eltern mit einem Kinderwagen spazieren gehen. Nach einer kurzen Irritation folgt eine unerwartete Auflösung. In der Einstellung, in der der Spazierweg quer durchs Bild läuft, entfernt und trennt sich die Familie in einer unspektakulären, aber unaufhaltsamen Bewegung, bis die Eltern und die Kinder an den Bildrändern verschwinden, als wäre nichts gewesen.

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Liz und Ray mit ihren beiden Kindern

Was will der Regisseur mit seinem Film?

Nur bei wenigen Filmen scheint mir die Frage nach dem Warum? und Wozu? so drängend und gleichzeitig so schwierig wie bei «Ray & Liz». Vorschnelle Antworten befriedigen nicht, ich versuche deshalb, unterstützt von Ideen prominenter Autoren, nachfolgend Ansätze für mögliche Deutungen:

Geht es Richard Billingham eventuell darum, die «ewigen» Optimisten und eingefleischten Schönredner zu desavouieren, wie sie Franz Welser-Möst wie folgt umschreibt: «Der Hang, alles schönzureden, ist weit verbreitet. Das haben wir ja im Weissen Haus: Alles ist ein Riesenerfolg.» Oder will der Film uns auffordern, die hier und überall in der Welt gezeigten gesellschaftlichen Strukturen wahrzunehmen, zu hinterfragen und daraus Konsequenzen zu ziehen? Oder verlangt der Regisseur, in Anlehnung an Pierre Bourdieu, eine «soziale Psychoanalyse», nachdem die individualpsychologische aus der Mode gekommen ist? Oder wird eine «Politik der Scham» gefordert, wie sie Didier Eribon postuliert? Scham war schon für den frühen Marx ein Grund für die Revolution?

Doch ist in dieser hier gezeigten Welt eine Auflehnung überhaupt möglich, fragt Gayatri Spivak mit «Can the Subaltern Speak?» Untertänig sind hier alle Protagonisten, was erklärt, dass sie zwar viel reden, doch wenig reflektieren und noch weniger handeln, um ihr Leben zu gestalten? Krasse Schilderungen, wie sie der Film enthält, können, nach Erving Goffman, zu einer «Stigmatisierung der Zustände» führen, was der Film in keiner Weise will, mit seiner unangepassten, widerständigen Form erfolgreich verhindert. Zum Schluss könnte man verallgemeinernd sagen, dass der Film «Ray & Liz» von Richard Billingham die Botschaft enthält, den Menschen, die keine Stimme haben, eine Stimme zu geben, wie Frantz Fanon das ein Leben lang gefordert und danach gelebt hat.

Interview mit Regisseur Richard Billingham PDF

Regie: Richard Billingham, Produktion: 2018, Länge: 108 min, Verleih: Xenixfilm