Rosetta

Einer der formal wie inhaltlich radikalsten Filme der letzten Zeit ist sicherlich «Rosetta» von Luc und Jean-Pierre Dardenne, der sich im vergangenen Jahr die «Goldene Palme» in Cannes geholt hat.

Angesiedelt ist er in einem Vorort einer kleinen belgischen Stadt. Rosetta lebt mit ihrer alkoholsüchtigen Mutter in einer Wohnwagensiedlung. Nichts will sie mehr als eine geregelte Arbeit, in der Fabrik, im Verkauf, egal wo. Aber nichts bekommt sie. Atemlos, gleich einem gehetzten Tier, rennt sie durchs Leben, fällt hin, rappelt sich mit endloser Energie auf und sieht dabei die Hand nicht, die ihr entgegen gestreckt wird. Rosetta ist besessen von der Furcht, unterzugehen, von der Schmach, Aussenseiterin zu werden. Sie sehnt sich nach einem normalen Leben. Hautnah filmt eine entfesselte Handkamera diese junge Frau und registriert aus nächster Nähe mit fast schmerzender Intensität jede Regung dieses vom Leben gezeichneten jungen Menschen.

Gerade heute, wo Soziale Arbeit gelegentlich zur «reinen» Wissenschaft hochstilisiert wird, scheint mir ein solcher Film wichtig. Rosetta könnte uns sagen, was der Kern der Sozialen Arbeit ist und bleibt: das Elend, das Leid, die Not, die Menschen, die leiden, und die Hilfe, die ihnen geleistet werden muss. Nicht Marketing, Leistungsverträge, NPO-Management, Marktorientierung, strategische und operative Ziele, Benchmarking, Controlling, Output-Steuerung, PR, CI, CD, Image, TQM, NPM usw. sind dieser Kern. Vielleicht wird man sich angesichts eines solchen Films wieder einmal die Grundfragen der Sozialen Arbeit, auch der Sozialpädagogik, stellen. Vielleicht erinnert man sich an die Geschichte vom «Sisyphos» der Antike respektive vom «fröhlichen Sisiphos» Albert Camus‘. Oder vielleicht besinnt man sich (beispielsweise) auf die philosophische Anthropologie von Arnold Gehlen und Johann Gottfried von Herder, die den «Mensch als Mängelwesen» verstanden, das erst durch Kultur – oder Soziale Arbeit (HS) – zu dem wird, was er werden soll.