Dear Memories

Das Roadmovie eines Fotografen: Mit dem Dokumentarfilm «Dear Memories – Eine Reise mit dem Magnum-Fotografen Thomas Hoepker (2022)» begleitet Nahuel Lopez, informativ und sympathisch, den bedeutenden, heute alzheimerkranken Fotografen bei der Wiederholung seiner Amerika-Reise vor 60 Jahren und vermittelt uns wertvolle Aussagen über das Fotografieren. Ab 30. Juni im Kino
Dear Memories

Christine Kruchen und Thomas Hoepker mit ihrem Wohnmobil


Der deutsch-chilenische Filmemacher Nahuel Lopez nähert sich dem Fotografen Thomas Hoepker wie jemand, der einem Alzheimerkranken im frühen Stadium auf der Strasse begegnet: respektvoll und direkt. Wir begegnen ihm in der ersten Sequenz beim medizinischen Check-up und bekommen gleich auch seine Antwort an die Medizin: Er streckt die Zunge raus, macht die lange Nase, und auf seiner Mütze steht bla bla bla.

Berührend in diesem Reisebericht des Ehepaares Christine Kruchen und Thomas Hoepker, der Wiederholung seiner Reise von 1961, sind jetzt, 2021, die Gespräche der beiden miteinander. Sie motiviert ihn und verhilft ihm, sich zu erinnern; er scheint sich ohne Trauer vom Lärm der Welt zu verabschieden, obwohl sein Blick wach und neugierig bleibt. Die Fotos seiner früheren Reisen durch die DDR, Burma/Myanmar, die USA, vor allem New York, die der Regisseur in den Film eingebaut hat, besitzen weiter ihre Präzision. Persönlich und diskret, erklärend und würdigend ist Nahuel Lopez Annäherung an die Persönlichkeit und das Werk Hoepkers insgesamt.

Im alltäglichen Umgang funktioniert der Kranke recht gut, wenn er auch gelegentlich an etwas erinnert oder auf etwas hingewiesen werden muss. Das macht Christine Kruchen sympathisch, kompetent und mit Humor. «Was hältst du davon, dass ...?», so spricht sie ihn oft an. Und auf ihre Frage, wie er seine zweite Amerika-Reise beurteile, meint er knapp: «Alles gut». Dass er die Kapelle in Las Vegas, in der die beiden geheiratet haben, nicht mehr erkennt, stört ihn nicht, wie auch nicht, dass er den Namen seiner ersten Frau vergessen hat, und er meint, dass er jetzt ja eine bessere habe. Die Namen von Verwandten und Freunden kennt er nicht mehr, Herzlichkeit und Humor sind ihm jedoch geblieben.

In der Gemeinschaft mit Christine lebt Thomas auf und erwacht seine Kreativität. So erzählt er wie zufällig Interessantes und Kluges über das Fotografieren und die gute Fotografie, erklärt er auch, warum er auf dieser Reise, die er ohne Auftrag macht, dennoch die Kamera ständig mit sich trägt: «Du gehst immer und immer wieder raus. Das nächste tolle Bild könnte ja hier auf dich warten. Und wenn man es dann plötzlich findet, sind das die Momente, die einen high machen.» Denn ein Bild zu finden, bedeutet für ihn, «die natürliche Welt einfangen und sichtbar machen». Seine Vergesslichkeit, die er spürt, kommentiert er gelassen: «Es muss ja nicht alles im Gedächtnis bleiben, was bleibt, ist das Foto.» Zeitlebens hat er es als seine Aufgabe verstanden, «flüchtige Momente abzulichten, um ihren Ausdruck über die Zeit zu retten».

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Die Kamera, der ständige Begleiter

Der Mensch und der Fotograf


Thomas Hoepker wurde 1965 in München geboren. Im Alter von 14 Jahren machte er erste Versuche mit der Plattenkamera des Grossvaters. Nach seiner Schulzeit studierte er Kunstgeschichte und Archäologie. Als Fotograf ist er ein Autodidakt. In dieser Zeit gewann er Preise beim Wettbewerb «Jugend fotografiert» der Photokina und nahm er 1958 an der Bilderschau der Deutschen Fotomesse teil. Ab 1959 arbeitete er regelmässig für Zeitschriften und Jahrbücher und beteiligte sich an grösseren Projekten. Von seinen Veröffentlichungen in den Zeitschriften «twen» und «Kristall» bekannt, engagierte ihn Henri Nannen 1964 für den «Stern». Seine Fotoreportagen führten ihn in alle Kontinente. Ab 1971 drehte er auch Filme und war Kameramann. 1974 ging er, zusammen mit seiner ersten Frau, der Journalistin Eva Windmöller, für drei Jahre nach Ost-Berlin, von wo aus sie dem Westen Bilder des Lebens im andern Deutschland vermittelten. 1976 zog er mit seiner zweiten Frau, der Dokumentaristin Christine Kruchen, nach New York, wo er weiter für den «Stern» arbeitete. 1980 wurde er Art Director des Verlages. 1989 ging er nach New York zurück, wo er auch heute noch lebt. Immer wieder betont er, dass er sich nicht als Künstler, als Studio- oder Modefotograf, sondern als journalistischer Fotograf versteht. 1989 wurde Thomas Hoepker als erster deutscher Fotograf Vollmitglied der Agentur Magnum, 1992 deren Vizepräsident und von 2003 bis Januar 2007 Präsident.

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Mit der Hand Szenen in der Wirklichkeit suchend

Schnappschüsse von bleibendem Wert

Heute falle es ihm schwer, ganze Sätze zu formulieren, erklärt Hoepker in einem Motel in Texas. «Doch was ich will, ist ein gutes Bild, über das man schmunzeln kann», und fährt fort, dass er nicht mehr alles «so furchtbar ernst nehme». Im Alter von 84 Jahren befindet er sich nochmals auf der Reise durch die USA, von der Ostküste zur Westküste, kommt nochmals durch die Gegenden, die er 1963 mit dem Journalisten Rolf Winter für den «Stern» erkundet hatte. Vor einem Graffito in Knoxville, das die Sängerin Dolly Parton zeigt, fotografiert er jetzt einen Mann, von seiner kleinen Tochter begleitet, mit dem er geplaudert hatte, bis dieser für ihn und die Kleine einen Handstand vorführte. Eine typische und essenzielle Episode! Heute, aus seiner aktuellen Freiheit heraus, erklärt er sein damaliges Verhalten: «Die meisten Aufträge erfüllten mich stets mit Panik. Fluchtreaktionen setzten ein. Nein, dies kann nichts werden, das sollte man nicht machen. Doch auch alte Schauspieler leiden, sagt man, unter Lampenfieber.»

Mehr über seinen Hintergrund verrät folgende Äusserung: «Das Fotografieren ist ein Ergebnis der Art und Weise, wie wir leben, mit welchen Menschen wir zu tun haben, was wir lesen, was wir essen, wie wir uns kleiden, was unsere Träume sind.» Seine Spezialität, spontan auf Menschen zuzugehen und sie zu fotografieren, bevor sie sich steif in Szene setzen, bleibt Hoepker bis heute erhalten. Auch auf der zweiten Reise durch die Vereinigten Staaten entstehen interessante und aufschlussreiche Schnappschüsse, eingebettet in Gespräche am Gartenzaun oder vor der Haustür.

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9/11: Jenseits des Hudson River brennt das Word Trade Center

Was ist ein gutes Foto?


Das Roadmovie von Nahuel Lopez verknüpft auf spannende und ästhetisch ansprechende Weise drei thematische Stränge: Erstens geht es um seine Impressionen aus dem heutigen Kernland Amerikas, zweitens um Hoepkers innere Reise, drittens flicht der Filmemacher Beispiele aus seinem umfangreichen fotografischen Schaffen ein. Unter anderem sind Ausschnitte aus einem früheren Interview und mehrere Texte aus einem Essay aus dem Off zu hören, in denen er seine Erfahrungen reflektiert, so zum Beispiel: «Das Schöne am Bild ist, dass man es mit Worten nicht ausdrücken kann.»

Wenn ich Nahuels Ansatz richtig verstehe, sieht Hoepker das, was er fotografiert, nicht durch die Brille einer Idee, einer Ideologie, sondern durch das Objektiv der Kamera, unvoreingenommen wie nur möglich. Er macht ein Bild, indem er Szenen aufnimmt. Diese Szenen erzählen Geschichten. Von den Geschichten wählt er die aus, die formal gelungen sind, deren Schärfe, Beleuchtung, Cadrage und Komposition stimmen. Bei ihm ist kein Bild arrangiert, manipuliert. Nicht der Fotograf formuliert die Aussage, sondern die Szene, die Wirklichkeit vor ihm. «Ich habe 40 Jahre Fotos gemacht, man müsste 300 Jahre alt werden, um alles zu verdauen», meint der heute 86-Jährige, der schon als «Humanist» unter den Fotografen bezeichnet wurde, nicht ohne berechtigten Stolz. Mit grösserer Kompetenz, als ich sie habe, formuliert sein Magnum-Kollege Paul Fusco am Schluss des Films seine Gedanken über seinen Freund Thomas und die gute Fotografie, was über «Dear Memories» hinaus- und in eine Philosophie der Fotografie hineinführen.



Regie: Nahuel Lopez, Produktion: 2022, Länge: 98 min, Verleih: DCM