La loi du marché

Ein Gesicht der Arbeitslosigkeit: Der Spielfilm «La loi du marché» von Stéphane Brizé beschreibt beeindruckend und analysierend am Beispiel eines Mannes, der seine Arbeit verloren hat und eine neue suchen muss, Grundübel des Kapitalismus.
La loi du marché

Thierry Taugourdeau, arbeitslos

Der Familienvater Thierry muss im Alter von 51 Jahren, nach 20 Monaten Arbeitslosigkeit, nochmals neu anfangen und eine Arbeit annehmen, die unter seinem beruflichen und sozialen Niveau liegt. Als Ladendetektiv besteht seine Aufgabe darin, allfällige Diebe zu überprüfen und auch die eigenen Kollegen zu überwachen. Stéphane Brizés Porträt eines Mannes, der mit schwierigen Umständen und Ungerechtigkeit zu kämpfen hat, dennoch Haltung bewahrt und sich treu bleibt, besticht durch das soziale Engagement, das es ausstrahlt, und das Spiel des Hauptdarstellers Vincent Lindon, der bei uns bekannt ist aus «Mademoiselle Chambon» (https://der-andere-film.ch/filme/filme/titel/mno/mademoiselle-chambon). Vincent Lindon erhielt am 26. Februar 2016 in Paris den «César» du Meilleur Acteur pour son rôle dans «La loi du marché».

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Thierry mit seiner Frau

Teil eines kapitalistischen Systems

Warum wird Thierry Taugourdeau eigentlich arbeitslos? Nicht weil es im Betrieb zu wenig Arbeit gibt. Sondern, wie landesweit üblich, weil die Firma mehr Rendite abwerfen muss und deshalb Bereiche ins Ausland verlagert, weil letztlich die Aktionäre, die nicht arbeiten, sondern das Geld arbeiten lassen, mehr Gewinn erzielen möchten. Dafür opfert man Thierry, wie überall im Kapitalismus, also die Menschen, die Waren produzieren oder Dienstleistungen erbringen. Von der ersten Einstellung an erleben wir im Film hautnah, wie der Mann kämpft, engagiert und anständig. Allmählich wird es aber offenbar, dass nicht die Beamten oder Gewerkschafter, die Berater oder Sozialdienste der Grund des Unglücks sind, sondern dass es das kapitalistische System ist, in dem alle wie Rädchen funktionieren.

Der Freigestellte, welch ein Euphemismus, soll Weiterbildungskurse besuchen, die sich als Alibiübungen erweisen, lediglich die Sozialadministration legitimiert. Keiner der Jobs, in welche er sich einarbeiten soll, ist für ihn geeignet. Schliesslich gibt man ihm den Auftrag, als Detektiv Ladendiebe eines Supermarktes zu schnappen. Denn kleine Gauner müssen bestraft werden, damit die grossen belohnt werden. Brutal wird es für ihn erst, als er nicht nur Kunden, sondern auch seine Kolleginnen und Kollegen ausspionieren muss. Thierry hilft mit, diese zu überführen und zu bestrafen, bis zu einem tragischen Ereignis. Was bleibt ihm, um seine Würde zu bewahren?

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Mit seinem behinderten Sohn

Arbeitslosigkeit erhält ein Gesicht

Nur selten passiert es, dass man, wenn man aus dem Kino kommt, das Gefühl hat, gar nicht im Kino gewesen, sondern einem Menschen wirklich begegnet zu sein. So in «La loi du marché» einem Mann, der versucht, wieder Arbeit zu finden und dafür kämpft, für sich und seine Familie, mit Worten, nicht mit Fäusten. Wir stehen 93 Minuten lang neben Thierry, hinter und vor ihm und folgten seinen Worten und Blicken, bis wir uns mit ihnen identifizieren.

Dieses starke Erlebnis ist das Verdienst des Protagonisten Vincent Lindon. Er spricht nicht nach Drehbuch, sondern mit eigenen, persönlichen Worten und Sätzen, ist als ganzer Mensch präsent. Nichts erlebe ich dabei als «gut gemacht» oder als «grosse Schauspielkunst». Im Weiteren ist es das Verdienst des jungen Kameramannes Eric Dumont, der bisher in Dokumentarfilmen Kameramann war. Auch bei ihm bekomme ich nie das Gefühl, er gestalte «schöne Bilder». Er mischt sich unter die Akteure und filmt, was er erlebt. Das ist authentisch! Und wenn die Geschichte von einem Menschen handelt, der in die Maschinerie des «Gesetzes des Marktes» geraten ist, wird es politisch. Brizé, Lindon, Dumont und die andern, die im Film die Rollen ihres realen Lebens spielen, geben der Arbeitslosigkeit ein Gesicht.

«La loi du marché» kann bei jenen, die Arbeit haben, die soziale Wahrnehmung erweitern und Verantwortung wecken, und bei jenen, die keine Arbeit haben, Selbstbewusstsein und Mut vermitteln. Brizés Film ist eine eindrückliche Geschichte über eine alltägliche Form der Gewalt im Kapitalismus.

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Bei der Schulung zum Ladendetektiv

Aus einem Interview mit dem Regisseur Stéphane Brizé

Erzählen Sie uns, wie dieses Projekt zustande gekommen ist.
Meine Filme handeln immer von persönlichen Themen, bei welchen ich den Menschen in den Kontext seines sozialen Umfelds setze. In einem zweiten Schritt wollte ich hier die Brutalität des Handels und der Mechanismen, die unsere Welt beherrschen, zeigen, die Menschlichkeit eines Einzelnen der Gewalttätigkeit unserer Gesellschaft gegenüberstellen.

Man könnte Ihre Idee, Vincent Lindon mit Laiendarstellern zusammenarbeiten zu lassen, als seltsam empfinden.
Die Idee dazu hatte ich schon lange. Ich hatte bereits Laiendarsteller für kleine Rollen eingesetzt und jedes Mal das Gefühl gehabt, damit der Wahrheit näherzukommen, was die Motivation meines Entscheids ausmachte. Ich wollte dieses System weitertreiben, indem ich einen professionellen Schauspieler dazu verpflichtete.

Wie haben Sie die Darsteller gefunden?
Viele der Rollen entsprechen spezifischen Arbeitspositionen: die Sicherheitspersonen, der Banker, die Sozialarbeiter, die Kassiererinnen. Die für das Casting Verantwortliche suchte Personen, die im realen Leben derselben Arbeit nachgingen wie im Film. Ich war von diesen unglaublich beeindruckt. Ich bezweifle, dass sie das machen können, wozu Schauspieler fähig sind, doch umgekehrt gilt es ebenso. Woher sie die Fähigkeit nehmen, vor der Kamera sich selber zu sein, ist ein Mysterium, das mich noch immer beschäftigt.

Sie folgen Thierry ziemlich lange, bis er einen Job findet.
Es war mir wichtig, Thierry im Kontext der sozialen Demütigungen zu zeigen, die aus seiner Arbeitslosigkeit resultierten. Seine Termine beim Arbeitsamt, die Beschäftigungs- und Arbeitsvermittlungsprogramme, die nirgendwohin führten, das Vorstellungsgespräch über Skype, die Bankangestellte, die ihm weismachte, dass er sein Haus verkaufen müsse. Niemand ist wirklich gemein, aber ohne es zu wollen, machen sie bei der Gewalt in dieser Welt mit. Je mehr wir Thierry beobachten, desto besser können wir verstehen, dass er keine andere Wahl hat, als die neue Stelle anzunehmen.

Ist «La loi du marché» ein politischer Film?Ja. Ich habe das Leben eines Mannes erzählt, der 25 Jahre lang seinen Körper, seine Zeit und Energie in den Dienst einer Firma gestellt hat, bis sich diese entschieden hat, ihr Produkt in einem anderen Land von billigeren Arbeitskräften herstellen zu lassen. Dieser Mann wurde nicht gefeuert, weil er seinen Job nicht gut gemacht hatte, er wurde entlassen, weil jemand mehr Geld machen wollte. Thierry ist das Gesicht der Arbeitslosenstatistik, von der wir täglich in den Nachrichten hören. In der Zeitung werden sie in zwei Zeilen erwähnt, doch dahinter stecken menschliche Tragödien.

Regie: Stéphane Brizé, Produktion: 2015, Länge: 93 min, V