Sorry We Missed You

Von der Zeitmaschine zermalmt: Der Film «Sorry We Missed You» des Briten Ken Loach zeigt exakt, Anteil nehmend und erschütternd, wie unmenschlich die kapitalistische Arbeitswelt funktionieren kann.
Sorry We Missed You

Ricky, das erste Opfer des Systems

Ricky lebt mit seiner Familie in Newcastle. Seit der Finanzkrise 2008 kämpfen er und seine Frau Abby ums Überleben, bringen sich und ihre zwei Kinder nur knapp über die Runden, er als Handwerker, sie als Altenpflegerin. Dennoch träumen sie von einem Eigenheim, denn die Miete bringt sie immer in die Schuldenfalle. Deshalb steigt Ricky auf ein Arbeitsangebot ein, das ihm verlockend erscheint, sich schliesslich aber als verhängnisvoll erweist. Er wird freiberuflicher Kurier des Paketdienstleisters Parcels Delivered Fast!. Bald schon gerät er in den Strudel von Zeitdruck, Überforderung, Abhängigkeit und neuen Schulden, weshalb auch familiäre Zusammenstösse nicht ausbleiben. Dennoch ist es die Familie, die sie, im Guten wie im Schlechten, in den wenigen heiteren und vielen traurigen Tagen, zusammenhält.

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Ken Loach

Der Altmeister des englischen sozialkritischen Films

Ken Loach, der Doyen des britischen sozialkritischen Films, meldet sich mit seinen 93 Jahren in voller Wucht zurück. Nachdem er mit seinem letzten Film «I, Daniel Blake», der das britische Sozialwesen kritisiert, in Cannes die Goldene Palme gewonnen hat, zieht er in «Sorry We Missed You» die Schrauben nochmals stärker an. Diesmal entlarvt er das System, das hinter so mancher sozialen Ungerechtigkeit steht, in seiner aktuellsten Form. Er zeigt, wie das Räderwerk des Kapitalismus im Innern funktioniert. Die Menschen, die er in seinem grossartigen Film zeigt, liebt er; das System, das er dahinter sichtbar macht, hasst er.

Ken Loach wurde am 17. Juni 1936 in Nuneaton GB geboren. Er hat 32 Filme gedreht, etwa zwei Dutzend Preise erhalten: für Titel wie 1969 «Kes», 1971 «Family Life», 1996 «Carla’s Song», 1998 «My Name Is Joe», 2000 «Bread and Roses», 2009 «Looking for Eric», 2014 «Jimmy’s Hall», 2016, «I, Daniel Blake» und 2019 «Sorry We Missed You».

Das Drehbuch schrieb auch hier, wie bei den meisten seiner Filme, Paul Laverty. Ihm ist die kluge Dramaturgie zu verdanken. Unterstützt wird er durch Robbie Ryan an der Kamera, der beengende Innenräume zeigt, die mehr sagen als viele Worte. Für den Rhythmus, der uns die tragischen Inhalte annehmen und ertragen lässt, ist die Montage von Loach und Laverty verantwortlich.

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Der Kontrolleur, Ricky und dazwischen das Kontrollgerät

Nicht die Menschen sind korrupt, sondern das System

Der neue Film von Ken Loach beginnt gemächlich, beschleunigt sich später, reisst uns aber bald in einen Sog, der einem den Puls und Atem hochtreibt. Die Gewalt dieses Films kommt nicht von den Menschen, sondern von digitalen Überwachungsgeräten. Dieses ausgeklügelte System des Kapitalismus ist programmiert, um pausenlos Geld zu generieren. Zur Erklärung bleibe ich bei meiner alten, simplen Definition des Kapitalismus: Der Kapitalist arbeitet, um primär Geld zu erschaffen; der Nicht-Kapitalist erschafft primär Werke, für die er auch Geld erhält. In diesem Sinn, glaube ich, hat Loach mit all seinen Filme ein grosses ästhetisches und ethisches Oeuvre geschaffen, wofür wir ihm Dank schulden.

Demonstriert wird die Analyse des Filmemachers an einer Einrichtung, die wir alle kennen: Wenn ich z. B. bei Amazon einen Artikel bestelle, erhalte ich auf meinem Handy eine Bestätigung, dann die Meldung, er werde verpackt, er sei bei der Post, werde verteilt und komme zu einem bestimmten Zeitpunkt bei mir an. Später werde ich noch gebeten, die Lieferung zu bewerten. Dieses System funktioniert weltweit und rund um die Uhr. Der Film «Sorry We Missed You» zeigt uns die Rückseite dieses Systems, die wir kaum kennen. Das ist notwendige, politische Aufklärung.

Im Film gibt es Bilder, bei denen mir Strindbergs Satz, «Es ist schade um den Menschen», hochkommt; doch immer wieder korrigieren andere Bilder dieses Gefühl. Denn um diese Menschen kann es niemals schade sein. Ricky, Abby, den Sohn Seb, die Tochter Liza, allesamt sympathische Menschen, die wir verstehen, bemitleiden und lieben. Das macht die Grösse dieses Films aus: Hier geht es um ausgebeutete, leidende, fehlerhafte, verzweifelnde Menschen, mit dem zarten Hoffnungsschimmer der Familie, dem System, das dem Kapitalismus entgegengesetzt wird. Während die Ober- und Mittelschicht von der Work-Life-Balance säuselt, heisst es für die Unterschicht, die Loach beschreibt: Friss oder stirb!

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Eigentlich eine glückliche Familie

Aus einem Interview mit dem Regisseur

Woher kommt die Idee für «Sorry We Missed You»? Nachdem «I, Daniel Blake» abgedreht war, dachte ich, dass dies vielleicht der letzte gemeinsame Film mit Paul Laverty, dem Drehbuchautor der meisten meiner Filme, gewesen sei. Doch bald schon drängte sich uns eine neue Art von Ausbeutung des Menschen als Filmthema auf, die «Gig Economy» (beinhaltet ein Franchiseunternehmen mit temporären, flexiblen Jobs für unabhängige Auftragnehmer, mit eigener Verantwortung und eigenem Risiko. HS). Jetzt standen die Selbstständigen, Leiharbeiter, Gelegenheitsarbeiter als Thema für einen neuen Film fest.

Ist dieses Thema ein neues oder bloss ein altes in neuer Gestalt? Es ist nur in dem Sinne neu, als moderne Technologien dabei intensiv zum Einsatz kommen: die hoch entwickelte Technik der Zeit- und Datenerfassung und -verarbeitung. Der Rechner in Form eines Scanners informiert den Kunden und kontrolliert den Arbeiter. Die Technologie ist neu, die Ausbeutung alt.

Wie haben Sie für den Film recherchiert? Paul hat den grössten Teil der Recherche gemacht, dann haben wir gemeinsam Leute aus der Branche befragt. Die Fahrer sprachen nur ungern, denn sie wollten ihre Arbeit nicht aufs Spiel setzen. Die Depots einzurichten, erwies sich als schwierig. Ein hilfsbereiter Mann aus einem Depot in der Nähe unseres Drehorts wirkte als Manager, gab uns Ratschläge zum Ablauf der Prozesse. Die Darsteller im Film sind fast alle aktuelle oder Ex-Fahrer.

Was hat Sie bei Ihrer Recherche am meisten beeindruckt? Überrascht hat mich, wie viele Stunden diese Menschen arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sowie ihre Unsicherheit über die Zukunft. Ricky ist selbstständig, doch wenn etwas schief geht, trägt er das Risiko. Leicht passiert etwas mit dem Van, dann kann es schnell viel Geld kosten. Und das freie, vom Staat unabhängige Pflegepersonal, zu dem Abby gehört, ist zwölf Stunden unterwegs, wird aber nur für sechs bezahlt.

Stellen Sie uns die Charaktere von «Sorry We Missed You» vor. Abby ist eine gute Ehefrau, sie und Ricky sind Freunde, zwischen ihnen herrscht Zuneigung und Vertrauen. Beide versuchen auch, gute Eltern zu sein. Ricky ist ein Krampfer, der schon unzählige Jobs hatte. Lange ging es gut, sie sparten für ein Eigenheim. Doch der Bankencrash zerschlug ihre Hoffnungen. Das Baugewerbe litt, Ricky verlor seine Arbeit, und seither muss er ständig den Job wechseln. Jetzt versucht er es als Fahrer für einen Zustelldienst und übernimmt sich dabei, denn er wurde dabei über den Tisch gezogen.

Wie ist die Familie von Abby und Ricky? Da sind zwei Kinder. Seb ist mit 16 in einem schwierigen Alter, die Eltern können ihn nicht genug im Auge behalten, er gerät in Schieflage, obwohl er kreative Talente hat, die niemand erkennt. Er muss die Schule verlassen, zwischen Vater und Sohn gibt es Konfrontationen. Und da ist noch die 11-jährige Liza, ein fleissiges, kluges Mädchen, das sich unentwegt für den Frieden in der Familie einsetzt.

Wie war der Dreh? Wie immer haben wir chronologisch gearbeitet. Die Schauspieler haben nicht gewusst, wie die Geschichte sich entwickelt. Zum Voraus haben wir mit der Familie geprobt, dass sie die Beziehungen untereinander verstanden. Danach haben wir ziemlich schnell, in fünfeinhalb Wochen, gedreht. Eine der grössten Herausforderungen bestand darin, das richtige Paketzustellungslager zu finden und die Abläufe genau zu kennen. Dann haben wir den Film wie einen Dokumentarfilm abgedreht.

Welche Fragen stellt Ihrer Meinung nach «Sorry We Missed You»? Ist dieses System nachhaltig? Macht es Sinn, dass wir unsere Einkäufe durch einen Mann in einem Lieferwagen erledigen, der sich täglich 14 Stunden abquält? Ist das System besser, als dass wir selbst in die Läden gehen und mit dem Personal sprechen? Wollen wir wirklich eine Welt, in der die Menschen unter solchem Druck arbeiten, mit negativen Folgen für ihr Leben und ihre Mitmenschen? Der Film zeigt nicht das Scheitern der Marktwirtschaft, im Gegenteil, er zeigt deren logische Weiterentwicklung, hervorgerufen durch Wettbewerb, Kosteneinsparung, Gewinnmaximierung. Der Markt ist nicht an unserer Lebensqualität interessiert, er ist daran interessiert, Geld zu generieren. Die Arbeitenden – Leute wie Ricky, Abby, Seb und Liza – zahlen den Preis.

Regie: Ken Loach, Produktion: 2019, Länge: 100 min, Verleih: Filmcoopi